Letztes Update am 04.05.2012, 06:10
Warum Herausforderer Nikolić die Präsidentenwahl gewinnen, Amtsinhaber Tadić aber trotzdem an der Macht bleiben kann.
Seit Donnerstag ist es merklich ruhiger in Belgrad: Die Wahlkampfevents auf dem Platz der Republik, die TV-Werbungen und andere Kundgebungen sind seit Mitternacht eingestellt. Zuvor konnte man den Kampagnen in der serbischen Hauptstadt kaum ausweichen.
Wahlmarathon
Kein Wunder. Immerhin dürfen die Serben am Sonntag fast alles wählen, was wählbar ist: Präsident, Parlament, Parlamente der autonomen Provinz Vojvodina und etlicher Gemeinden, inklusive Belgrad. Das sind viele Kreuze, die die Serben machen müssen.
Die meisten Stimmen werden an den im April zurückgetretenen Präsidenten Boris Tadić (54) und seinen Herausforderer Tomislav Nikolić (60) gehen. Die beiden sind bereits bei der letzten Präsidentschaftswahl gegeneinander angetreten. Und auch diesmal wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das wohl erst in der Stichwahl am 20. Mai entschieden wird. Der ehemalige Ultranationalist Nikolić hat derzeit die Nase vorn, doch für eine Stichwahl ist der "bürgerliche Sozialdemokrat" Tadić Favorit.
Tadićs einziger Wahlkampf-Trumpf: Der im März erreichte EU-Kandidatenstatus Serbiens, den auch Nikolić für gut befindet. Noch nie existierte zwischen den Schlüsselkandidaten Konsens über ein so wichtiges Thema. Den Weg in Richtung EU ebneten die Auslieferungen der wegen Kriegsverbrechen gesuchten Ratko Mladić und Goran Hadžić an das Haager Tribunal. Die EU-Flagge ist quasi Tadićs Wahlflagge. Viel mehr als zwölf Sterne kann er sich auf seine Fahne nicht heften (siehe unten) .
Da bleiben nur Seitenhiebe auf den stärksten der elf Konkurrenten in der Präsidentschaftswahl. Tadić versäumt keine Gelegenheit, Nikolićs Vergangenheit als Stellvertreter des heute vor dem Haager Tribunal stehenden Vojislav Šešelj zu erwähnen. Jetzt verkauft sich Nikolić, der 2008 die Serbische Fortschrittspartei (SNS) gegründet hat, als pro-europäischer Mitte-rechts-Populist.
Bei den Parlamentswahlen hat die SNS gegenüber der Demokratischen Partei (DS) von Tadić ebenfalls einen Vorsprung. Doch die DS hat wesentlich bessere Koalitionsmöglichkeiten. Die alte Regierung könnte also auch die neue werden.
Die Sozialisten (SPS) des Innenministers und ehemaligen Milošević-Sprechers Ivica Dačić werden dabei eine wichtige Rolle spielen. Dačićs Stellung ist so gut, dass er in den Koalitionsverhandlungen sogar um das Amt des Premiers pokern kann.
Diskussion
Transparenz
Amtsgeheimnis: ÖVP verzögert Reform
Serbien-Kosovo
Heikles Zusammentreffen der Balkan-Politiker
Spindelegger bringt Serben und Kosovaren beim Europa-Forum in Göttweig zusammen.