Wenn Männer mit oben ohne reizen

Frank Stronach
Foto: KURIER/Gruber Franz Ich brauche mich für meinen Körper nicht zu schämen“, sagt Stronach.

Was Stronach und Strache mit ihrer Enthüllung bewirken wollen – und wie das auf Wähler wirkt.

Nicht nur einer zog (sich) dieser Tage aus, um zu erregen. Die Innenpolitik wurde regelrecht zum Nacktbadestrand. Frank Stronach entblößte beim KURIER-Interview am Fontana-Steg seinen Oberkörper – samt Muskelspiel des 80-Jährigen. Da konnte ein vergleichsweiser Jungspund wie Heinz-Christian Strache nicht hintanstehen. Flugs war ein Urlaubsbild ins Facebook gestellt. Im Höschen ist der 43-jährige FPÖ-Chef zu sehen, „topfit in den Wahlkampf“ die Botschaft dazu.

Strache und Stronach sind nicht die Ersten, die glauben, zeigen zu müssen, was sie haben. Jörg Haider war das Ur-„Playmate“ der heimischen Politik. Auch Karl-Heinz Grasser präsentierte die Brust – in ästhetischer Pose für die italienische Vogue, abgelichtet von einem Starfotografen. Internationaler Meister dieser Inszenierung ist Wladimir Putin. Ob auf dem Ross oder im Wasser – beim russischen Präsidenten ist Nacktheit mit Sportsgeist gepaart.

Manch einer lässt die Hüllen gern fallen, ein anderer tappt in die Paparazzi-Falle: Frank Frank Stronachs Polit-Entblößung im KURIER war nicht die erste ihrer Art. Prominenter Vorgänger: Österreichs schönster Ex-Finanzminister, Karl-Heinz Grasser, zog sich anno 2007 für das Lifetsyle-Magazin Vanity Fair aus. Zumindest teilweise. Prominenter Nachfolger Stronachs und Grassers: Blauen-Chef HC Strache hat es sich nicht nehmen lassen, für seine Fans die Hüllen fallen zu lassen. Auf Facebook veröffentlichte er am Wochenende „einmal ein anderes privates Foto aus dem vergangenen Urlaub“.
  Ein etwas weniger anziehendes Bild lieferte Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer 2006 ab, als er mit Radlerhosen bekleidet Österreichs Bergwelt erkundete. Das politische Beben danach war zwar nicht so groß wie 1987, als Alois Mock in kurzen Hosen in Jordanien auftauchte, die enganliegende „Kurze“ blieb danach allerdings in Gusis Schrank. Der Trend zur politischen Hüllenlosigkeit ist auch international seit Jahren bemerkbar – Ronald Reagan zeigte sich an Nancys Seite bereits 1984 in Meerwasser und kurzen Shorts.
  Ihm nachgetan haben es seither einige US-Präsidenten: Bill Clinton zeigte sich oberkörperfrei auf Honolulu. Auch mit Hillary - im Badeanzug  tanzend - wurde er dort gesichtet.
  Sein Nachfolger Barack Obama wurde 2008 badend von einem AP-Fotografen eingefangen. Absicht oder nicht, darüber wurde viel spekuliert.
  Ganz hochoffiziell aufgenommen wurde hingegen dieses Bild: Obama beim Baden auf Hawaii, fotografiert vom Weißen-Haus-und-Hof-Fotografen Pete Souza. Ähnlich „ungekünstelt“ soll diese Aufnahme des französischen Ex-Präsidenten wirken: Nicolas Sarkozy, für seinen Optik-Fimmel durchaus bekannt, beim entspannten Paddeln auf dem Winnipesaukee-See in den USA. Auch andere „zufällige“ Aufnahmen des Ex-Präsidentenpaares – Sarkozy händchenhaltend mit Carla Bruni – gelangten in die Gazetten. Der Umstand, dass dem französischen Politiker ab und an ein Fettröllchen wegretuschiert worden sein soll, ließ der Elysée-Palast unkommentiert. Gestellt oder nicht – diese Frage stellt sich angesichts dieser Bilder nicht: Jahr für Jahr wartet der russische Präsident Wladimir Putin mit neuem Fotomaterial seines Oberkörpers auf. Zumeist in martialischer Pose, oft auch mit frisch erlegtem Tier in der Hand. Höchst unabsichtlich gelangten jedoch diese Aufnahmen in die Medien: die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit ihrem Ehemann Joachim Sauer beim Badeurlaub auf Ischia. Italienische Medien bildeten "Mutti Merkel" mit hämischen Kommentaren auf den Titelseiten ab, Berlin reagierte dementsprechend verschnupft. Merkel selbst nahm die Veröffentlichung allerdings so, wie man es von ihr gewohnt ist: gelassen.

Warum greift Stronach auf diese Tradition zurück? „Er will demonstrieren: Ich bin gesund und fit“, befindet Imma Palme, Chefin des IFES-Instituts. „Es ist das Signal: Ich bin trotz fortgeschrittenen Alters fähig, ein Amt zu bewältigen. Das gab es ja auch schon vom Bundespräsidenten, der sich im Fallschirm aus einem Flugzeug geworfen hat“, ergänzt OGM-Boss Wolfgang Bachmayer.

Wie wirkt Stronachs Strip auf die Bürger? „Auch wenn die Twitter-Community die Nase rümpft, von billiger Polit-Show spricht – bei der Mehrheit der Wähler verfehlt das nicht die Wirkung. Es erzeugt Aufmerksamkeit und Präsenz.“ Stronach gelinge damit Mehrerlei, urteilt Bachmayer: „Es steigert die Zuschauerquote bei den TV-Konfrontationen, lenkt von der Themen­losigkeit ab. Und es deckt Probleme zu.“ Stronach ist ja Ex-ORF-Generalintendantin Monika Lindner schon nach ein paar Tagen als Nationalratskandidatin abhandengekommen. Abgesehen davon passe Stronachs Enthüllung zur „Unterhaltungsshow, die er permanent liefert. Das Ganze ist stimmig.“

Wie verhält sich das bei Strache? „Bei ihm wirkt das eher wie Respektlosigkeit gegenüber den Gegnern. Nach dem Motto: Ich bin fescher als ihr“, analysiert Palme – die sich wundert, dass der FPÖler statt schicker Shorts „ein ältliches Trikot trägt“. Auch ihm gehe es darum, aufzufallen: „Er hat nichts mehr mitzuteilen, außer die Vorurteile seiner Kernwähler anzusprechen.“ Zudem habe der Ober-Blaue das „Team Stronach“, das auch um Proteststimmen buhlt, unterschätzt: „Er hat viel zu lange versucht, es zu ignorieren.“

Und wie bewertet der renommierte Körpersprache-Experte Stefan Verra die leicht bekleideten Wahlkämpfer? „Strache betont seine Kraft noch, indem er Arme und Beine ausstellt, sich damit größer macht, als er ist. Spannend ist, dass er die Schultern leicht nach vorne zieht, die Brust nicht schwellt. Dieser Schutz des Brustkorbs ist bei ihm oft zu sehen. Je stärker sich die Beugemuskulatur aktiviert, desto stärker ist das Schutzbedürfnis.“ Stronachs Körper sehe „nicht schlecht aus – für einen 80-Jährigen. Auch er bemüht sich, einen kräftigen Brustkorb zu zeigen, indem er das Verhältnis Brust/Bauch zurechtrückt – wobei er mit der Hand ein wenig nachhelfen muss.“

Kommt das an? „Bei Wahlen von Führungspersönlichkeiten agieren Menschen weit weniger rational, als wir es gerne glauben. Die Grundsatzentscheidungen dazu passieren in vorbewussten Hirnteilen. Vor allem im Stamm- und Mittelhirn“, sagt der Fachmann. „Dabei geht es vor allem darum, ob wir der Person unsere Sicherheit anvertrauen. Deswegen schneiden Menschen, die Kraft und Vitalität ausstrahlen, besser ab. Ein nackter, kräftiger Oberkörper vermittelt dies eben besser.“ Freilich werde „hier mit irrationalen, wenig vernunftgetriebenen Argumenten spekuliert. Das dürfte Wähler, die ,wenig aus dem Bauch‘ entscheiden, eher abschrecken. Vor allem da eher männliche Kraft symbolisiert wird. Und die ist am politischen Verhandlungstisch selten vonnöten.“

Stronach selbst sagt zu seinem Aktbild: „Ich brauche mich für meinen Körper nicht zu schämen. Ich spiele mit jungen Buam Tennis und gehe mit ihnen Skifahren. Ich mache jeden Tag Sport, esse gesund – und war noch nie betrunken.“

(kurier) Erstellt am
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