Landespolizei­chef: "Wäre auch ein Wirtschaftsflücht­ling"

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Foto: APA/ROBERT JAEGER Burgenlands Polizeichef Hans Peter Doskozil war in den letzten Wochen medial dauerpräsent.

Burgenlands Polizeichef hat sich als Krisenmanager bewährt und kommt nun für Polit-Jobs infrage.

Vor vier Wochen kannte Hans Peter Doskozil (45) außerhalb Burgenlands niemand. Die Flüchtlingskrise änderte das schlagartig. Wenn Burgenlands Landespolizeichef heute durch ein Wiener Einkaufszentrum bummelt, sprechen ihn die Menschen an, gratulieren ihm für sein exzellentes Krisenmanagement in Nickelsdorf und Heiligenkreuz. Souverän, fehlerlos und vor allem mit Herz agiert der zweifache Vater. Das macht den ehemaligen Büroleiter von Landeshauptmann Hans Niessl zu einem heißen Kandidaten für einen Polit-Job.

KURIER: Herr Doskozil, Sie waren heute wieder bis drei Uhr in der Früh an der Grenze in Heiligenkreuz. Welche Bilder der letzten Wochen werden Sie nie vergessen?

Hans Peter Doskozil: Emotional gibt es einige Situationen, über die versuche ich gar nicht nachzudenken, sondern die verdränge ich nur. Den Lkw mit den 71 Toten habe ich mir bewusst nicht angeschaut. In Nickelsdorf, wo wir in den letzten zehn Tagen 80.000 Menschen durchgeschleust haben, bin ich in der Nacht oft durch die Schlafstätten gegangen. Da gab es viele Frauen und Kinder, die so erschöpft waren, dass sie es nicht mehr auf eine Matratze oder ein Feldbett geschafft haben. Sie sind einfach dort eingeschlafen, wo sie sich hingesetzt haben. Ich würde vielen Politikern empfehlen, sich die Flüchtlinge einmal anzuschauen, dann würden manche Diskussionen anders ablaufen.

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Wie stehen Sie zur Veröffentlichung des Fotos der toten Flüchtlinge im Lkw?

Hans Peter Doskozil Foto: KURIER/Jeff Mangione Hans Peter Doskozil im Interview mit KURIER-Redakteurin I. Metzger Im ersten Moment war ich geschockt, und habe mich gefragt: Wäre das Foto auch veröffentlicht worden, wenn die Opfer Österreicher wären? Sicherlich nicht. Für mich ist das ertrunkene Kind in Libyen eher ein Foto, das gezeigt werden muss, um die Menschen wachzurütteln.

Würden Sie auch Heinz Christian Strache einen Besuch ans Herz legen?

Auf jeden Fall. Ich kennen ihn zwar nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass er seine persönliche Meinung ändert. An seinem Programm würde es wahrscheinlich nichts ändern. Denn das ist politisches Kalkül, um erfolgreich zu sein. Ich bin schon lange nicht mehr der Meinung, dass Politiker das sagen, was ihre Meinung ist.

War es aus Ihrer Sicht richtig, dass Kanzlerin Angela Merkel das Dublin-Abkommen ausgesetzt hat und eine Einladung für die Flüchtlinge ausgesprochen hat?

Innerpolitisch war es vielleicht ein Reflex auf die Anschläge auf die Flüchtlingsheime. Merkel wollte ein anderes Gesicht von Deutschland zeigen, und sprach auch deshalb die Einladung aus. Doch eines war an dem Wochenende auch schon klar: Am Ende des Tages können wir, so wie das System jetzt abläuft, die Menschen nicht aufhalten. Das Dublin-Abkommen ist nur halb durchdacht und funktioniert bei einem kleinen Flüchtlingsstrom. Aber bei solchen enormen Zahlen ist es ein totes System. Denn die Staaten, die laut Abkommen die Asylverfahren durchführen sollten, können es nicht, weil sie einfach nicht die Kapazitäten haben. Selbst wir kommen in dieser Situation nicht mit unserem Budget durch.

Was würden Sie einpacken, wenn Sie flüchten müssten?

Ich würde keinen Reisepass mitnehmen. Wenn ich an der Stelle eines Flüchtlings wäre – selbst wenn ich ein Wirtschaftsflüchtling wäre – und sehe, wie viel besser das Leben in Europa ist, würde ich auch flüchten. So würde jeder handeln. Ich glaube nicht, dass es viele Helden gibt, die zu Hause bleiben. Natürlich geht es darum, ein besseres Leben zu haben. Das ist für mich auch nichts Unehrenhaftes.

Wann ist das Boot in Österreich voll?

Aus meiner Sicht gibt es keine österreichische Lösung mehr, sondern es kann nur mehr eine europäische geben. Die Frage stellt sich nicht: Wie viele Flüchtlinge ertragen wir? Sondern: Wollen wir in Europa die Genfer Flüchtlingskonvention oder nicht? Wenn wir das wollen, dann kann es nur einen Ausweg geben. Die Asylverfahren müssen schon an den Außengrenzen geführt werden. Am besten in einem Korridor mit einheitlichen europäischen Standards. Wenn die Flüchtlinge merken, dass nur an den Außengrenzen die Verfahren geführt werden, dann wird es schnell keine innereuropäischen Fluchtbewegungen mehr geben. Wird dann ein Flüchtling in Österreich oder der Slowakei aufgegriffen, muss er aber auch an die Außengrenzen zurückgeführt werden.

Sie haben zwei Kinder im Alter von 17 und 15 Jahren. Führt die Flüchtlingskrise in der Familie zu Diskussionen?

Wir diskutieren viel ideologisch. Das Interessante ist, meine Tochter hat in ihrem Freundeskreis Schulkollegen aus Ungarn oder aus Bosnien – das ist kein Problem. Aber wenn sie von der Flüchtlingskrise in den Medien liest, fragt sie auch: Warum kommen so viele Flüchtlinge zu uns? Das kann doch nicht sein. Ich erzähle ihr dann von den Schicksalen, zeige ihr Fotos und merke, wie bei meiner Tochter ein Umdenken beginnt.

Sie werden bereits für eine Politkarriere ins Spiel gebracht. Würde Sie ein Politjob reizen? Sie sagen ja selbst, als Polizeichef wollen Sie nicht in Pension gehen …

Ich würde lügen, wenn ich Nein sage. Aber es muss die Zuständigkeit passen. Ich brauche immer neue Herausforderungen. Ich bin jetzt 45 und kann mir nicht vorstellen bis 65 den Job zu machen. Eigentlich bin nur durch Zufall zur Polizei gekommen. Das war ein Tipp von einem Freund von mir nach dem Bundesheerdienst. Der meinte: "Da brauchst nicht viel machen. Zwei Tagdienste und einen Nachtdienst und an den restlichen Tagen kannst studieren." Ich dachte mir super, das mache ich.

Sie waren Büroleiter von Niessl. Hat Sie die rot-blaue Koalition überrascht?

Nein, es hat mich nicht überrascht. Denn die ÖVP-Burgenland hat Landesvize Franz Steindl in die Verhandlungen geschickt, obwohl seine Ablöse schon fix war. Dementsprechend hatte er auch keine Kompetenz in den Verhandlungen, Zusagen zu treffen. Dann hat die SPÖ mitbekommen, dass die ÖVP im Stakkato Termine mit der FPÖ und mit der Liste Burgenland macht. Das hat die Stimmung erzeugt: Entweder handeln wir jetzt, oder wir sind weg vom Fenster. Und die FPÖ war natürlich zu allem bereit.

Sie haben sich das Rapid-Training als Interview-Treffpunkt ausgesucht. Waren Sie immer schon Rapidler?

Hans Peter Doskozil Foto: KURIER/Jeff Mangione Privat ist Doskozil ein großer Rapid-Fan Es gibt keine andere Mannschaft. Der erste Strampler, den meine Kinder als Baby getragen haben, war ein Rapid-Strampler.

Und welchen Politiker bewundern Sie so wie Rapid?

Ich lese nicht gerne Bücher, aber ein Buch habe ich Minimum drei Mal gelesen. Die Biografie von Deutschlands Altkanzler Helmut Schmidt. Da gibt es zwei Punkte, die sich viele Politiker heute mehr zu Herzen nehmen sollten. Erstens: Politiker sollten nicht vergessen, dass sie den Menschen dienen. Der zweite Punkt ist, Politiker sollten gebildet sein und über den Tellerrand schauen. Das vermisse ich oft.

(kurier) Erstellt am
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