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KURIER Romy 2014
Foto: AP/Hans Punz

Letztes Update am 27.01.2013, 08:00

Wie wir unsere Wahl wirklich treffen. Die Krone konnte nicht einmal ihre Leser fürs Berufsheer gewinnen – Anatomie einer Niederlage.

Es war eine Kampagne die dem alten Krone-Boss Hans Dichand – Gott hab’ ihn selig – vermutlich gut gefallen hätte: „Wehrpflicht ein Auslaufmodell“ , titelte Österreichs größtes Boulevard-Blatt, die Kronen Zeitung, zwei Wochen vor der Befragung zur Wehrpflicht. Es sollte der Auftakt einer gleichermaßen intensiven wie fein komponierten Meinungsoffensive sein.

Sie reichte von schlagseitigen Schlagzeilen auf Seite 1 („Ist Wehrpflicht noch gerecht?“), über Kommentare im Politik-Teil („Profi-Heer entspricht den Anforderungen unserer Zeit“) bis hin zu wohlweislich selektierten Zuschriften auf den Leserbrief-Seiten („Berufsheer ist eine Alternative“).


Das Blatt feuerte bei der Debatte sprichwörtlich aus allen Rohren, dem nicht genug: die zumindest an Auflage nicht schwachen Gratis-Zeitungen zogen mit.

Doch egal wie heftig der Boulevard gegen die Wehrpflicht trommeln mochte: Abgesehen von leichten Meinungsänderungen (siehe Grafik) blieb die Kampagne ohne messbaren Effekt, und die Österreicher entschieden sich für die Wehrpflicht.

Das ist nicht nur bemerkenswert, sondern führt auch zu einer ganz grundsätzlichen Frage: Wenn es dem Boulevard nicht gelingt, die Meinung der Österreicher zu ändern, was beeinflusst sie dann?

Allerweltsformel

Wer herausfinden will, wie Wähler ihre Meinungen bilden, der muss mit Menschen wie Fritz Plasser sprechen.

„Die Allerweltsformel wie eine politische Entscheidung entsteht, die gibt es natürlich nicht. Hätte ich sie, würde ich wohl den Nobelpreis bekommen“, sagt Politikwissenschafter Plasser schmunzelnd. Und doch können Politikwissenschafter, Demoskopen und Wahlkampf-Experten heute zumindest die wichtigen von den weniger wichtigen Faktoren unterscheiden.

Die erste Frage, die Plasser stellt, ist die nach der „Parteinähe“: „Fühlt man sich einer Partei zugehörig oder verbunden, entsteht das, was wir ein ,generalisiertes Vertrauen‘ nennen können.“

Wer dieses Vertrauen habe, entscheide sich in acht von zehn Fällen so, wie es die Partei empfiehlt. Bei der letzten Nationalratswahl gaben immerhin 36 Prozent der SPÖ- und 34 Prozent der ÖVP-Wähler unumwunden zu, sie hätten sich so entschieden, weil’s einfach ihrer Gewohnheit entspricht.

Das Problem ist nur: Die Zahl dieser, in traditionellen Wahlmotiven verhafteten Österreicher sinkt – und zwar dramatisch. Plasser schätzt ihre Zahl noch auf 50 Prozent, andere gehen von nur einem Drittel aus.

Wechselwähler

Für die verbleibenden Wechsel- und Spontan-Wähler gelten gänzlich andere Regeln.

Sind sie allenfalls empfänglicher für vorgefertigte Meinungen aus Massen-Medien und TV?

Mitnichten. „Mit Massenmedien kann man Themen transportieren. Ob sie wirklich in das Bewusstsein eindringen und was die Menschen bei der Abstimmung tun, das wird vielfach von einem anderen Faktor entschieden, nämlich vom persönlichen Gespräch“, sagt Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer vom OGM-Institut.

Gemeint ist damit freilich nicht der Kontakt in der Fußgängerzone, wenn der Spitzenkandidat X der Partei Y den künftigen Wähler anspricht, nein. „Es geht um die persönliche Peer Group, um Familie, Bekannte und Freunde“, sagt Bachmayer. „Wie diese Vertrauenspersonen die Welt sehen, spielt eine wesentliche, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle bei der Meinungsbildung.“

Zwar erzählen die Wähler in Umfragen gerne, die TV-Konfrontationen hätten ihre Entscheidung merklich beeinflusst. (siehe Grafik).

Experten raten aber gerade hier zur Vorsicht. „Bei den TV-Duellen lässt sich zeigen, dass die Menschen oft das sehen, was sie sehen wollen“, erklärt Politik-Berater Thomas Hofer. „Tatsächlich fällen sie ihre Entscheidung oft schon vorher. Wobei nach dem Gespräch mit Vertrauenspersonen der „Bauch“ eine weitaus größere Rolle spiele als rationale Argumente. „Emotion ist in der Politik eine nicht zu unterschätzende Entscheidungsgrundlage.“

Mobilisierung

Aber was ist mit all den Postwurfsendungen, die Parteien verschicken? Was ist mit den Plakaten, den Wahlkampf-Veranstaltungen und Verteil-Aktionen? Spielen sie keine Rolle mehr?

Hofer verneint: „Sie spielen sehr wohl eine Rolle – allerdings nicht für die Meinungsbildung, sondern als Motivation für die Funktionäre. Die Botschaft lautet: Chef und Partei sind präsent – also bemüh’ auch Du dich.“


Grafik

Was die Kampagne bewirkte


Interview

„Eine Zeitung produziert keine Trends“

Presserats-Präsident und Standard-Chef Oscar Bronner über den Einfluss des Boulevards.

Oscar Bronner, Gründer von Trend, profil und Standard, über die echte und vermeintliche Macht des Boulevards.

KURIER: Herr Bronner, die Kronen Zeitung hat massiv gegen die Wehrpflicht kampagnisiert. Die Österreicher haben sich trotzdem für deren Beibehaltung entschieden. Hat sich die Krone verschätzt?

Oscar Bronner: Ohne Zweifel, wobei auch Dichand senior, dem ein besonderes Gespür für Trends nachgesagt wurde, gegen seine Leser kampagnisierte. Eine Zeitung produziert keine Trends, sie kann diese nur verstärken.

Wie entstehen dann Meinungen in den Köpfen der Menschen?

Das ist eine komplizierte Sache, endgültig kann man das schwer beantworten. Zweifelsohne spielen die Medien eine Rolle. Was wir aber nicht vergessen dürfen ist das, was man Zeitgeist nennt. Und bei der Frage, wie sich Bürger eine Meinung bilden, spielt ein Faktor eine Rolle, den man im Internet-Zeitalter nicht unterschätzen darf: der direkte Kontakt. Was die Leute unter- und miteinander reden, ist bis heute meist bedeutsamer als der Inhalt einer Boulevard-Zeitung. Und da spielen Opinion-Leader eine entscheidende Rolle.

Wird die Deutungshoheit der Massenmedien überschätzt?

Absolut. Der Boulevard hat hierzulande nur Gewicht, weil Politiker glauben er habe es. Würde man den Boulevard ignorieren, würde meist nichts passieren – die Volksabstimmung hat das gezeigt. Das Problem ist, dass unsere Politiker das nicht glauben wollen. So kommt es, dass wir zum Beispiel einen Bundeskanzler haben, dessen maßgebliche Qualifikation, um dieses Amt zu bekommen, darin bestand, ein Naheverhältnis zu einem Zeitungsherausgeber zu haben.

(kurier) Erstellt am 27.01.2013, 08:00

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