IV will gemeinsame Schule für alle Fünf- bis 14-Jährigen

Die Schule der Zukunft?
Industriellenvereinigung stellt ihr Konzept vor: Ganztagsschule für alle zwischen 5 und 15, Mittlere Reife und Bildungs- statt Unterrichtspflicht.

Das Wort Gesamtschule wollte IV-Präsident Georg Kapsch auf keinen Fall in den Mund nehmen, als er am Dienstag das neue Bildungskonzept der Industriellenvereinigung vorstellte: "Es geht nicht darum, das Gymnasium oder die Neue Mittelschule abzuschaffen, sondern um eine Revolution im Bildungssystem, wir wollen etwas ganz Neues schaffen."

IV will gemeinsame Schule für alle Fünf- bis 14-Jährigen
Einen radikalen Schnitt will die Industriellenvereinigung also wagen. Und da sie ahnt, dass von der großen Koalition eher ein Reförmchen als ein großer Wurf zu erwarten ist, hat sie selbst ein Bildungskonzept ausgearbeitet. Zuvor hat sie sich in erfolgreicheren Ländern wie Polen oder den Niederlanden umgeschaut und in- und ausländische Experten zu Diskussionen eingeladen. Jetzt hat sie ihr Konzept vorgestellt – allerdings erst einmal für die Kinder von fünf bis 14 Jahren, "weil wir da die größten Probleme haben."

Die Eckpunkte des IV-Modells:

  • Von 5 bis 14

Um die vielen Übergänge zu vermeiden, soll es nur noch eine Schulform geben. An ihrem Standort werden die Schüler vom verpflichtenden Kindergartenjahr bis zum Ende der Pflichtschule unterrichtet.

  • Mittlere Reife

Statt einer Unterrichtspflicht soll es eine Bildungspflicht geben. Heißt: "Der Schulstandort ist dafür verantwortlich, dass Schüler die Bildungsziele erreichen", so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. Am Ende der Pflichtschulzeit sollen alle Schüler eine Mittlere Reife-Prüfung machen.

  • Drei Phasen

Jedes Kind soll drei Phasen durchlaufen. In der ersten lernt es Lesen, Schreiben und Rechnen. Später sind die Schwerpunkte Allgemeinbildung, Fachkenntnisse und Berufsorientierung.

  • Individualisierung

Wenn alle unter einem Dach lernen, muss es Methodenvielfalt geben, auch Leistungsgruppen sind denkbar. Kapsch: "Wir wollen keine Nivellierung nach unten."

  • Ganztags

Schulbesuch soll für alle in der Kernzeit von 8.30 Uhr bis 15.30 Uhr verpflichtend sein. Geöffnet soll die Schule von 7 bis 19 Uhr sein.

  • Private und öffentliche Träger

Jeder soll nach einer Akkreditierung eine Schule eröffnen können. Für jedes Kind erhält der Träger den selben Betrag. Für Brennpunktschulen gibt es zusätzliches Geld. Die Landesschulbehörden werden abgeschafft.

  • Autonomie

Schulleiter sollen über Finanzen und ihre Lehrer entscheiden. Diese sollen zwischen Schule und freiem Arbeitsmarkt wechseln.

Ein schönes Konzept. Nur: Wie soll das alles finanziert werden? Kapsch gibt unumwunden zu: "Durchgerechnet haben wir uns das nicht. Aber: Derzeit sind geben wir pro Schüler um rund 40 Prozent mehr aus als der OECD-Schnitt. Das muss auch bei uns zu machen sein."

Die Reaktionen der Parteien auf das Bildungskonzept der Industriellenvereinigung sind wohlwollend, aber unverbindlich. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek begrüßt „neue Denkanstöße“ und unterstützt die Idee einer gemeinsamen Schule. Etwas verhaltener fällt ihre Reaktion auf den Vorschlag aus, dass zukünftig jeder eine Schule gründen kann: „Das müssen wir uns noch konkret anschauen.“

Ähnlich schwammig ist die Reaktion von Staatssekretär Harald Mahrer (VP): „Wir werden die Vorschläge werteoffen und ideologiefrei diskutieren. Wir nehmen jeden bildungspolitischen Vorschlag gerne auf, denn wir wollen gemeinsam die beste Bildung für jedes Kind.“

Die Grünen können sich eine Spitze gegen die ÖVP nicht verkneifen: „Wenn die ÖVP sich weiter gegen die gemeinsame Schule sträubt, nimmt sie wissentlich in Kauf, dass sie letztlich auch dem Wirtschaftsstandort Österreich schadet“, so Bildungssprecher Harald Walser. Und die Neos? Die freuen sich, dass „die Allianz der Reformwilligen täglich wächst“.

Wenig begeistert reagiert die Elemetarpädagogenplattform EduCare. Der Schulstart mit fünf Jahren sei „ein Fall für die bildungspolitische Mottenkiste“ und widerspreche wissenschaftlichen Erkenntnissen, wonach junge Kinder eines ganz speziellen Umfeldes bedürfen.

Neustart Schule. So heißt die neue Initiative der Industriellenvereinigung, die Schwung in die Bildungspolitik bringen will. Doch viele Lehrer sind skeptisch. Nach Zentralmatura und Bildungsstandards haben sie genug von Reformen. Muss sich im Schulsystem wirklich etwas ändern? Der KURIER lud zum Streitgespräch: Isabella Zins, Direktorin im BORG Mistelbach und Vize-Obfrau der Bildungsplattform Leistung und Vielfalt, und IV-Bildungssprecher Christian Friesl reden über Risikoschüler, differenziertes Schulsystem und Ganztagsschulen.

KURIER: : Es gibt viele Initiativen, die Schulreformen zum Ziel haben. Braucht es noch eine wie Neustart Schule?

Christian Friesl: Schauen wir uns die Missstände an: Es gibt viel zu viele Schulabbrecher – dazu kommt: 20 Prozent der Pflichtschulkinder sind Risikoschüler, können z. B. nicht ausreichend lesen. Die soziale Selektion ist groß. Das stört mich, weil sich das seit mehr als 25 Jahren nicht geändert hat. Wir meinen deshalb: Es braucht eine Neukonzeption des Bildungssystems. Unser Ziel ist es, Mitstreiter zu gewinnen und das öffentliche Bewusstsein für die Wichtigkeit des Themas zu stärken.

Bildung hat in der Gesellschaft keinen Stellenwert mehr.

Friesl: Dabei ist Bildung in einem reichen Land der Garant für wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit und sozialen Zusammenhalt. Das wird einer unserer Aktivitäten sein: Zeigen, was Bildung über Schule hinaus bedeutet, für die Gesundheit, für die Demokratie etc.

IV will gemeinsame Schule für alle Fünf- bis 14-Jährigen
Mag. Isabella Zins stv. Vorsitzende der "Bildungsplattform Leistung und Vielfalt", Bundesobfrau der VCL , Direktorin am BORG Mistelbach
Isabella Zins:Bei ihren Zielen bin ich dabei, doch Sie werfen dem System Dinge vor, die so nicht stimmen: Österreichs Bildungsausgaben z. B. sinken und liegen unter dem OECD-Schnitt. Aber man müsste mehr von Anfang an denken: Eltern muss man mitgeben, wie wichtig ihre Rolle ist. Leider muss Schule mittlerweile so viel leisten, dass Lesen, Schreiben und Rechnen zu kurz kommen. Wir haben zudem eine Herausforderung mit Kindern von Migranten und bildungsfernen Schichten, die jahrelang ignoriert wurde. Lehrer haben das Gefühl, sie stünden mit diesen Problemen allein da: Nirgendwo in Europa gibt es so wenig Unterstützungspersonal.

Friesl: Niemand sagt: Die Lehrer sind schuld. Eines unserer Ziele ist es ja, die Pädagogen aufzuwerten. Das Lehrerbashing muss ein Ende haben. Natürlich wünschen wir uns, dass es mehr Zusammenarbeit mit Eltern gibt. Es kann nicht alles in der Schule passieren, aber dass Bildung schwerpunktmäßig in der Schule passiert, das dürfen wir verlangen. Um bessere Ergebnisse zu erzielen, müssen wir über zwei Dinge reden: Die Bildungskarriere darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Und wir brauchen ein besser ausgebautes Ganztagsschulsystem.

Zins: Bei der Nachmittagsbetreuung hat sich viel getan. Ich gebe aber zu bedenken, dass in jedem Schulsystem der Welt das Elternhaus die Bildung mehr beeinflusst als die Schule. Darauf weist der Bildungsforscher Stephan Hopmann hin. Es gibt auch keine Hinweise, dass eine Ganztagsschule zu besseren Ergebnissen führt. Wer sein Kind zusätzlich fördern will, tut das. Da will ich den Eltern die Wahlfreiheit lassen.

Friesl: Ich will auch niemandem etwas verbieten. Was ich anbieten möchte: Wer Bildung zu Hause nicht hat, soll Unterstützung erhalten – das Grundlevel bei den Risikoschülern muss gesteigert werden. Die Schule muss verantwortlich dafür sein, dass Schüler am Ende der Pflichtschulzeit die Bildungsziele erreichen. Um das zu erreichen, braucht die Schule mehr pädagogische, personelle und finanzielle Autonomie. Und zur Wahlfreiheit: Davon kann ich nur reden, wenn ich die Angebote habe.

Zins: Sicher wünschen wir uns mehr Gestaltungsspielraum. Ich fürchte aber, dass Autonomie in Zeiten des Sparens bedeutet, dass ich als Direktorin entscheiden kann, ob ich die Latein- oder die Deutschstunden kürze oder welche Werbefirma ich ins Haus lasse. Autonomie würde bedingen, dass man wirklich gestalten kann. Zur personellen Autonomie: Es muss eine Börse geben, die das Personal im Blick hat. Landschulen würden kaum Lehrer bekommen, weil dort wenige hin wollen.

Friesl: Ich würden da gerne zu den Pflichtschulen zurückkommen: In der Steiermark haben wir z. B. 40 Prozent Kleinschulen. Dort wird Autonomie schwer. Schulen brauchen eine kritische Größe, um das von Ihnen geforderte Unterstützungspersonal auch sinnvoll einsetzen zu können.

Zins: Ich kann nachvollziehen, dass jede Ortschaft ihre Schule behalten will. Es wird aber in den nächsten Jahren Zusammenschlüsse geben, weil das nicht leistbar ist.

Friesl: Wir müssen uns anschauen, ob und wo die hohen Investitionen im Bildungssystem ankommen.

Zins: 93 Prozent des Budgets fallen auf die Lehrergehälter.

IV will gemeinsame Schule für alle Fünf- bis 14-Jährigen
Streitgespräch Schule Christian Friesl
Friesl:Aber nicht alle stehen im Klassenzimmer.

Zins: Manche sitzen im BIFIE (schmunzelt). Aber all das sind Missstände, die eingerissen sind und keine Systemfehler. Ich hätte von Ihnen gerne den Entwurf eines Gegensystems.

Friesl: Wir müssten bei den Übergängen anfangen, z. B. vom Kindergarten in die Schule. Ich frage auch, ob es so viele Übergänge braucht und wie man sie gestaltet.

Zins: Da ist schon vieles in Veränderung, z.B. gibt es den Begabungskompass für die 13-Jährigen. Eines möchte ich schon festhalten: Das differenzierte Schulsystem ist nicht so schlecht, wie es von manchen dargestellt wird: Das zeigen Studien wie PISA und PIRLS – im internationalen Vergleich holen die Schüler und Schülerinnen in der Sekundarstufe auf, was für die Vielfalt spricht.

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