Heinisch: Freibrief für mehr Geld

INTERVIEW MIT BM GABRIELE HEINISCH-HOSEK (SPÖ)
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH Heinisch-Hosek: Hilfe für Schulen, die  mehr Lehrer benötigen

Bildungsministerin zum KURIER: Um Schulen rasch zu helfen, sollen Länder ihre Budgets überziehen, der Bund haftet.

Am Donnerstag erreichte der KURIER Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, die derzeit auf einer UN-Tagung für Frauenrechte in New York ist, am Telefon.

KURIER: Der Befund einer Wiener NMS-Direktorin, wonach ein Drittel ihrer Schüler nach der Schulpflicht nicht vermittelbar ist (siehe Link), sorgt für viel Wirbel. Ist Ihnen das Problem bekannt?

Gabriele Heinisch-Hosek:Die Problematik ist uns bekannt. Wir haben nach der PISA-Studie ab 2007 begonnen, zu reformieren und das Schulsystem mit mehr Mitteln auszustatten. Wir werden auch besser, aber ich gestehe zu, dass derzeit 15 bis 20 Prozent der Schüler mit 15 Jahren die Grundtechniken – Deutsch, Lesen, Schreiben, Rechnen – nicht ausreichend beherrschen und zusätzlich Unterstützung brauchen. Wir reagieren aber darauf, etwa durch das Gesetz zur Ausbildungspflicht oder die Frühförderung oder mit mehr ganztägigen Schulen.

Bereits die PISA-Studie 2012 stellte fest, dass Brennpunktschulen weniger Personal haben als Schulen in besseren Gegenden. Da läuft doch etwas schief.

In den vergangenen fünf Jahren waren wir beschränkt auf das, was im alten Finanzausgleich (Bund gibt den Ländern für die Schulen das Geld, Anm.) festgelegt wurde. Ich kann also nicht frei und wie ich will Gelder an jene Schulen verteilen, die es dringender brauchen. Jetzt wird neu verhandelt, und ich hoffe, dass diese Problematik angesprochen wird. Ich will aber auch einen Sozialindex, also mehr Geld für Brennpunktschulen.

Wie geht es Ihnen als Bildungsministerin der Republik, damit dass jedes Jahr Tausende Schüler das Bildungssystem verlassen, ohne rechnen, lesen, schreiben zu können?

Als Bildungsministerin hätte ich sehr gerne, dass diese Schüler weniger werden, und daran arbeiten wir. Ich bin sehr beeindruckt von der Leistung von Lehrern, die unter nicht immer einfachen Umständen Herausragendes leisten. Ich will, dass Österreich besser wird, das ist ein Anliegen der gesamten Regierung.

Aber brauchen diese Schulen nicht jetzt akut Hilfe?

Wir dürfen nicht dramatisieren, sondern sollten kühlen Kopf bewahren. Wenn die Schulen spezielle Hilfe – mehr Lehrer – benötigen, sind die Bundesländer sicher in der Lage, ihr Budget zu überziehen, der Bund hat die Mittel bisher immer noch refundiert. Zudem gibt es zahlreiche Programme, die den Jugendlichen auch nach der Schule helfen, fit für das Leben zu werden. Ich verwehre mich dagegen, so zu tun, als ob alle Sozialfälle werden.

Uns fällt auf, dass viele Lehrer nur anonym über Missstände an ihren Schulen berichten wollen, weil sie Probleme fürchten.

In Österreich muss sich kein Lehrer und kein Direktor fürchten, Missstände aufzuzeigen. Das ist sogar sehr hilfreich, damit man genau hinschaut, wo der Schuh drückt.

NMS-Direktorin Walach

„Viele bieten mir jetzt Hilfe an“

Direktorin Walach Schule 5., Gassergasse 44 Bernha… Foto: Kurier/Juerg Christandl NMS-Direktorin Walach

„Die Reaktionen waren überwältigend. Fast minütlich sind seit dem KURIER-Artikel eMails und Anrufe bei mir eingegangen.    Ich werde überschwemmt mit Glückwünschen von Lehrern und Schulleitern. Und der Bitte, nicht aufzuhören, für Verbesserungen zu kämpfen, die gut finden, wenn jemand sagt, wir müssen uns am Kind orientieren, und nicht an Ideologien. Viele bieten mir auch  Hilfe und Unterstützung  an“, erzählt Andrea Walach. Sie ist jene Direktorin einer Mittelschule in Wien, die im KURIER  über große Missstände  an ihrer Schule erzählt hat.


Schuhe und Schule

Warum kommt es so selten vor, dass Lehrer über Missstände berichten? „Lehrer benötigen  eine Genehmigung der Schulbehörde. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kollegen dienstrechtliche Probleme befürchten“, sagt Walach. „Dabei müsste jeder  Interesse haben, das beste Ergebnis zu ermöglichen. Wenn ich etwas produziere, sagen wir Schuhe, und ein Drittel der Schuhe aus meiner Produktion nicht brauchbar sind, muss ich doch überlegen, was  ich  verbessern kann. Natürlich will ich nicht die Schulbildung von Kindern mit   Schuhen vergleichen. Es wäre Sache des Managements, für  Verbesserungen zu sorgen. Und nachzufragen, woran es liegt, dass das nicht funktioniert.“


Am meisten habe sie  überrascht, wie groß die Problematik in Österreich offenbar ist. „Viele Direktoren haben mir gesagt, dass bei ihnen die Probleme mit den Kindern noch viel größer sind als bei mir“, erklärt die Pädagogin, die seit 40 Jahren an Schulen tätig ist. „Die berichten, dass die  Zahl der Kinder, die  in höher bildende Schulen gehen,  nur bei drei Prozent liegt, bei mir ist das ein Drittel.  Und mehr als die Hälfte der Kinder seien nach der Schule nicht vermittelbar – bei uns nur ein Drittel.“

(kurier) Erstellt am
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