"Die Babyboomer haben Existenzängste"

Bericht zur Einkommensungleichheit in Europa wird
Foto: APA/dpa/Karl-Josef Hildenbrand Um Altersarmut zu vermeiden, muss eine Grundsicherung eingeführt werde, so Kolland.

Altersforscher Franz Kolland über Altersarmut, den "Aufstand der Alten" und österreichische Reformen.


Bis 29. Februar will die Regierung entscheiden, ob es nach der Steuer- und Bildungsreform auch Änderungen im Pensionssystem braucht. Und falls ja, in welche Richtung? Doch eine Woche vor dem Termin ist sich die SPÖVP-Koalition alles andere als einig. Während sich die Roten vehement gegen eine "Pensionsautomatik" stellen, pochen die Konservativen auf das System, das das Pensionsantrittsalter an die Lebenserwartung koppelt. Soll bedeuten: länger leben, länger arbeiten.

Für den Altersforscher Franz Kolland von der Universität Wien wird die Debatte zu oberflächlich geführt. Kernpunkte wie Altersarmut, Jugendgeneration und altersgerechte Arbeitsplätze würden eine zu geringe Rolle spielen. Im KURIER-Gespräch prognostiziert der Gerontologe einen typisch österreichischen Kompromiss bei der Pensionsreform.

Herr Kolland, wie wird sich der demografische Wandel auf die Gesellschaft auswirken?

Franz Kolland: Die Zusammensetzung der Gesellschaft wird ganz anders aussehen als wir es bisher gewohnt sind. Wir hatten lange Zeit eine Jugendgeneration, eine Generation der Erwerbstätigen und eine Pensionsgeneration. Bis 2050 wird die durchschnittliche Lebensdauer auf 85 Jahren ansteigen und dazu führen, dass die Gruppe der Pensionisten nicht nur größer, sondern sich auch weiter ausdifferenzieren wird.



Inwiefern?

Es wird auf der einen Seite eine große Gruppe von gesunden und wenig eingeschränkten Menschen geben, auf der anderen Seite werden immer mehr Pflegebedürftige unser Gesundheitssystem belasten.

Sie sagen "belasten". Ist unser System auf die Überalterung der Gesellschaft nicht ausreichend vorbereitet?

Unser ganzes System orientierte sich sehr lange an Kindern und Jugendlichen. Es wurden Kindergärten und zahlreiche Schulen gebaut. Nun haben wir aber nicht mehr diese hohe Anzahl an Geburten wie in den 1960er und 1970er Jahren. Dementsprechend stehen heute viele Schulen am Land leer. Wenn wir das Altern der Gesellschaft bewältigen wollen, dann muss präventiv mehr in die Gesundheitsvorsorge investiert und neue Programme entwickelt werden.

In Politik und Wirtschaft wird über das Pensionsantrittsalter diskutiert. Ist es sinnvoll, es anzuheben?

Aus gerontologischer Sicht habe ich gegen ein höheres Antrittsalter nichts einzuwenden. Als Altersforscher wäre ich sogar ein klarer Befürworter einer Anhebung. Studien haben bewiesen, dass ein längeres Erwerbsleben im Gegensatz zu einem frühen Ausscheiden aus dem Beruf gesundheitsfördernd ist. Nicht für alle im selben Ausmaß, aber grundsätzlich ist die Erwerbstätigkeit für die Lebenszufriedenheit des Individuums sehr wichtig. Noch besser wäre aber die Aufhebung von Pensionsaltersgrenzen.

Warum wäre das besser?

Die Festlegung, dass man mit einem bestimmten Alter in Pension geht, auch wenn man körperlich und geistig leistungsfähig ist, ist gerontologisch gesehen nicht günstig. Daraus ergibt sich ein negatives Altersbild, weil angenommen wird, dass man mit 65 Jahren für den Arbeitsmarkt nicht mehr geeignet ist. Jeder, der arbeiten kann, soll es auch dürfen. Ansonsten wäre das ja Altersdiskriminierung.


pension<br />
Bildnummer: 32943921… Foto: contrastwerkstatt - Fotolia/contrastwerkstatt/Fotolia


Für Unternehmen werden ältere Arbeitnehmer aber meist als hohe Kostenstellen gesehen.

Das stimmt aber nur zum Teil. Es sind ältere, erwerbstätige Angestellte, die eine steigende Einkommenskurve haben. Das gilt nicht für Arbeiter. In deren Erwerbsbiografie lässt sich das nicht beobachten. Dass ältere Arbeitnehmer mehr kosten, wird halt sehr gerne als Ausrede genommen, um sie vom Erwerbsleben systematisch auszuschließen. Aber die Langlebigkeit, der demografische Wandel ist ein Faktum. Daher muss es zu einem Umdenken in der Gesellschaft kommen.

Geht ein höheres Pensionsantrittsalter in diese Richtung?

Es wird zu einer Anhebung kommen, weil wir älter werden und im hohen Alter noch fähig dazu sind. Der entscheidende Grund sind aber atypische Beschäftigungsverhältnisse - zum Beispiel Teilzeit oder Geringfügigkeit. Wir müssen mehr arbeiten, um unser System finanzieren zu können. Was viele aber vergessen, ist, dass ein hohes Pensionsantrittsalter nicht unbedingt dazu führt, dass Menschen länger beschäftigt sein werden.

Warum?

Ganz einfach: Es mangelt an Arbeitsplätzen. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Jobsuchenden, die älter als 50 Jahre alt waren, um 8,2 Prozent gestiegen. Das hängt zum Teil mit der Erhöhung des Pensionsantrittsalters zusammen. Auch in anderen Ländern wie Großbritannien zeigt sich dieser Verdrängungseffekt. Die Beschäftigungsquote der über 55-Jährigen ist seit der Erhöhung deutlich zurückgegangen, dafür stieg aber die Altersarmut. Das belegen zahlreiche Studien. Während Besserverdienende von einer Anhebung profitieren, verlieren älterer Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor ihren Job. So einfach darf sich das die Politik nicht machen.

Würde es sich die Politik mit einer 'Pensionsautomatik', die das Antrittsalter an die durchschnittliche Lebenserwartung anpasst, zu einfach machen?

Automatismen haben grundsätzlich etwas für sich, wenn ein System eine gewisse Stabilität vorweisen soll. Der Nachteil ist, dass ein Automatismus der Heterogenität, die beim Altern der Gesellschaft entsteht, nicht gerecht wird. Es spielen so viele Faktoren eine Rolle, die damit nicht berücksichtigt werden. Wir konzentrieren uns derzeit zu sehr auf die Erhöhung des Antrittsalters, weil die Babyboomer Zukunftsängste haben.



Woran erkennen Sie das?

Die Pensionsdebatte wird stark von den Babyboomer geführt. 30- oder 40-Jährige, also jene, die für unser bisheriges Pensionssystem so wichtig sind, sitzen nicht am Verhandlungstisch. Heute entscheidet die Generation, die kurz vor der Pensionierung steht, wie die Jugend künftig zu leben hat. Das erinnert sehr an das 'Methusalem-Komplott' von Frank Schirrmacher, also vom 'Aufstand der Alten'. Sie fordern nun ihre Pensionen.

Das Pensionssystem ist auch nicht unbedingt das Thema, mit dem sich Jugendliche beschäftigen.

Das liegt daran, dass der Planungshorizont für etwaige Pensionsreformen immer sehr eng definiert ist und es kaum Möglichkeiten gibt, sich näher damit auseinanderzusetzen. Die Politik denkt nicht generationsübergreifend, sondern von einer Legislaturperiode zur nächsten. Es wäre aber dringend notwendig, dem 30-Jährigen zu sagen: 'Du wirst anders und länger arbeiten.' Bei der Diskussion darf ja nicht vergessen werden, dass die heutige Lebensplanung anders aussieht als die der Babyboomer. Sie konnten auf eine blühende Wirtschaft und Vollzeitjobs zurückgreifen. Das kann die heutige Generation von Erwerbstätigen nicht.

Apropos Erwerbstätige: Immer weniger Arbeitnehmer müssen für immer mehr Menschen die Pensionen zahlen. Wie soll Ihrer Meinung nach diese Diskrepanz behoben werden?

Wir müssen vom bisherigen Bismarck-Modell abrücken und uns auf das staatlich finanzierte Beveridge-System konzentrieren. Unser Pensionssystem (Bismarck) hat weder auf den demografischen Wandel noch auf atypische Beschäftigungsverhältnisse die passende Antwort. Außerdem werden Abhängigkeiten und Benachteiligungen geschaffen, weil es einkommens- und somit auch männerorientiert ist. Die Frau ist in unserem System auf den Verdienst des Mannes angewiesen, was zu sozialen Ungleichheiten führt.


Pensionsmodelle Foto: KURIER | Pilar Ortega


Klingt, als würden Sie ein einkommensunabhängiges Pensionssystem bevorzugen.

Um Altersarmut zu vermeiden, muss eine Grundsicherung für alle eingeführt werden. In Schweden oder Großbritannien hat jeder Bürger Anspruch auf eine staatliche Pension ohne Bedarfserhebung. Es wäre wünschenswert, wenn sich unser System in Richtung Beveridge-Modell entwickelt, damit Geringverdiener und Personen mit gebrochener Erwerbsbiographie nicht in die Altersarmut schlittern.

Mit einer Grundsicherung würde der Anreiz für die Aufnahme einer Erwerbsarbeit fehlen, behaupten Kritiker.

Die Diskussion gibt es schon lange. Aber in Großbritannien ist die Basisalterssicherung so gering, dass Sie auch in der Pension arbeiten müssen. Statistiken belegen, dass in Ländern mit staatlich finanziertem Beveridge-Modell, die Erwerbsdauer länger ist als in Ländern, die größtenteils auf Bismarck setzen.

Sie setzen auf einen Systemwechsel, vom Bismarck- zum Beveridge-Modell?

Damit alleine ist es freilich nicht getan. Politik und Wirtschaft müssen zuerst am Arbeitsmarkt ansetzen, lebenslange Weiterbildung und Flexibilität bei Teilzeitarbeit ermöglichen. Es müssen viel mehr altersgerechte Arbeitsplätze geschaffen und in die Gesundheitsvorsorge investiert werden.


DGB: Rente mit 67 wäre jetzt gesetzeswidrig Foto: dpa-Zentralbild/Ralf Hirschberger


Die nächste Pensionsreform in Österreich könnte Ansätze des Beveridge-Modells beinhalten.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Politik über die Sozialpartner hinwegsetzt, geht gegen Null. Es wird einen Kompromiss geben. Wenn es einen Automatismus gibt, dann einen Automatismus light; wenn es eine Erhöhung des Antrittsalters gibt, dann wird sie gering ausfallen; wenn es eine Angleichung des Frauenpensionsalters an das der Männer gibt, dann stark verzögert.

Also typisch österreichisch?

Eine Reform, die nicht nur das österreichische Budget und die Wünsche der Babyboomer berücksichtigt, sondern auch das Gesundheitssystem und die Arbeitsmarktsituation, würde mich doch sehr überraschen. Ich vertraue aber darauf, dass Weichen in diese Richtung gestellt werden.


Zur Person: Franz Kolland ist außerordentlicher Professor am Institut der Soziologie der Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Sozialgerontologie (Altenbildung und Kultur des Alters), Bildungssoziologie und Soziologie der Entwicklungsländer.


(KURIER) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?