Heimkinder schufteten für Swarovski

Swarovskisteine
Foto: Swarovski "Winzige Kristallsteine" – Ehemalige Zöglinge eines Tiroler Kinderheimes mussten für Swarovski arbeiten.

Der Kristallkonzern ließ Ende der 1960er-Jahre in einem Tiroler Heim produzieren. Die Mädchen sahen kaum Geld dafür.

Ein weltbekannter Konzern, der sich Glanz und Glamour auf die Fahnen geheftet hat, hat vor Jahrzehnten im Tiroler Erziehungsheim St. Martin eine Produktionsschiene aufgebaut. Der Kristall-Produzent Swarovski.

Mädchen und junge Frauen wurden in der berüch­tigten Erziehungsanstalt St. Martin in Schwaz in Tirol, in dem ähn­liche Zustände wie auf dem Wiener Wilhelminenberg geherrscht haben, als Arbeitskräfte ausgebeutet. Wäsche und Hemden aus Bundesheerkasernen mussten von den 15- bis 18-Jährigen gewaschen und gebügelt werden. Geld sahen sie dafür so gut wie keines. Auch für Swarovski wurde hart geschuftet.

"Da gab es so eine Schachtel mit den kleinen Steinen. Winzige Kristallsteine", schildert Johanna P. Die 61-Jährige war 1968/’69 als Jugendliche in Schwaz interniert. Mit einem Schlauch, der vermutlich mit Unterdruck angesaugt hat, legte sie die Kristalle auf vorgefertigte Schablonen. "Holzbankerl", nennt Johanna P. die Vorrichtung. Das war ihre Arbeit; von 7 oder 8 Uhr Früh bis 17 oder 18 Uhr abends. "Es war Fließbandarbeit", sagt P. Andere Jugendliche haben dann die befüllten Schablonen bekommen, um die Kristalle auf Stoffbänder zu heften. "20 bis 25 Madln" sollen in der Fertigung für Swarovski tätig gewesen sein.

"Ausbeutung"

Hermine Reisinger, von 1968 bis 1970 Zögling in St. Martin, erinnert sich: "Das waren zehn Zentimeter breite, meter­lange Bänder. Es wurde als gute Arbeit angepriesen, aber es war Akkordarbeit." Sie meint, dass vor allem werdende und junge Mütter für die Swarovski-Fertigung herangezogen worden sind (was bei Johanna P. nicht der Fall war). "Es war Ausbeutung dieser jugendlichen Mütter, die mit 16 ihre Kinder bekamen und von den Eltern oder der Fürsorge dort eingewiesen wurden", sagt Reisinger. Maximal einige Groschen hätten die Arbeiterinnen für die Kristallband-Fertigung bekommen.

Johanna P. war nur kurz am Fließband beschäftigt. "Vielleicht zwei Wochen. Ich hatte zittrige Hände, war zu ungeschickt dafür." Sie kann sich nicht erinnern, je Geld für die Zwangsarbeit im Heim bekommen zu haben.

Die Arbeit für Swarovski war laut Waltraud R., die ebenfalls Ende der 1960er-Jahre ins Heim gesteckt worden ist, körperlich anstrengend. "Für die Befestigung der Kristalle auf den Bändern musste man Kraft aufwenden. Viele Mädchen hatten Probleme mit den Handgelenken." Das ständige Glitzern habe auch die Augen der jungen Arbeiterinnen beeinträchtigt. Auch sie weiß nichts von Entlohnung. "Ich bin sicher, dass Swarovski sehr wohl bezahlt hat, nur wir haben nichts davon gesehen", sagt Waltraud R. Sie glaubt, dass die Heim­leitung das Geld einbehalten hat.

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Keine Aufzeichnungen

Hermine Reisinger Foto: Georg Hurka Das ehemalige Heimkind Hermine Reisinger nennt die Heim-Produktion für Swarovski schlicht „Ausbeutung“.

"Dazu haben wir keinerlei Unterlagen", sagt Bianca Henderson von der Firma Swarovski. Rechnungen gebe es nach mehr als vier Jahrzehnten nicht mehr. "Im Archiv konnten wir dazu keine Aufzeichnungen finden." Das Land Tirol und das Archiv von St. Martin hätten diesbezüglich auch kein Licht ins Dunkel gebracht. "Wenn Swarovski in einem Kinderheim etwas fertigen ließ, dann sicher im guten Glauben, dass das Geld an die Kinder weitergeleitet wird", mutmaßt Henderson.

Auch heute lässt der Wattener Kristallkonzern noch fremdfertigen. Henderson: "Wir vergeben Arbeiten an junge Mütter, die von zu Hause aus arbeiten wollen, und an geschützte Werkstätten."

Mehrere ehemalige Zöglinge bestätigen die Arbeiten für Swarovski Ende der 1960er-Jahre. Zehn Jahre später dürfte die Produktion im Heim bereits eingestellt gewesen sein.

Ungeklärt ist nach wie vor die Frage des Geldes – die Jugendlichen von damals sprechen von Groschen-Beträgen oder gar keiner Bezahlung. Auch die Politik weiß darauf keine Antwort (siehe unten) . Sozialversicherung dürfte keine gezahlt worden sein.

Eine Frau, die von 1977 bis ’78 in St. Martin war und nicht namentlich genannt werden will, erinnert sich an die Zeit, als sie in der Waschküche des Heimes arbeiten musste: "Zu der Zeit haben wir schon etwas verdient. Das Geld wurde angeschrieben und damit konnten wir im Heim Schokolade oder Shampoo kaufen." Der Kiosk sei vom Hausarbeiter des Erziehungsheimes betrieben worden. "Rausgehen, um einzukaufen, war in St. Martin ja nicht möglich. Wir waren eingesperrt."

Die hart erarbeiteten Almosen blieben also wieder im Heim.

Hintergrund I: Pädagogisch geltende Standards?

Tirol war eines der ersten Bundesländer, die sich mit der Auf­arbeitung der Geschichte der landeseigenen Kinderheime befassten. Seit 2010 werden für ehemalige Zöglinge Entschädigungen ausgezahlt.

Die politische Verantwortung liegt in Händen von Soziallandesrat Gerhard Reheis (SPÖ). Persönlich war er für den KURIER nicht zu sprechen. Auf die Frage, ob das Land Tirol von Arbeit im Erziehungsheim St. Martin für die Firma Swarovski gewusst habe, antwortet sein Pressesprecher Manfred Jenewein schriftlich: "Von Arbeiten für die Firma Swarovski ist bisher bei uns nichts bekannt gewesen."

Das ist insofern interessant, als das Detail dem Land Tirol bekannt sein müsste: Jenewein nimmt in seiner Antwort in einem anderen Zusammenhang nämlich auf das Buch "Im Namen der Ordnung" von Horst Schreiber Bezug. Der Wissenschaftler hat diese geschichtliche Aufarbeitung der Tiroler Heime 2010 veröffentlicht. Dort ist auf Seite 197 das Zitat des ehemaligen Heimkindes Hermine Reisinger zu lesen: "Ich weiß auch, dass die Firma Swarovski bei uns produzieren ließ!"

Unbekannt ist Jenewein auch, wie es mit der Entlohnung und vor allem mit der Pensions- und Krankenversicherung der im Heim St. Martin schwer arbeitenden jungen Frauen steht. Seine Antwort: "Hinsichtlich der Frage, ob es sich bei den Tätigkeiten der Mädchen im Rahmen der Wäscherei, von Haushalten oder Aufträge von dritter Seite (Firmen) um Arbeitsleistungen im Rahmen eines sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisses handelt bzw. gehandelt hat, kann nur anhand der Prüfung im Einzelfall und mit Rekonstruktion einer allf. vorhandenen Aktenlage beurteilt werden. (Insbesondere wird im Einzelfall auch zu prüfen sein, ob es sich dabei um Hilfstätigkeiten im Rahmen der damals auch geltenden pädagogischen Standards handelte. )"

Hintergrund II: Grauenvolles Regime in der heilen Bergwelt

Sankt Martin in Schwaz wird hier deshalb zur Beforschung vorgeschlagen, weil es über Jahrzehnte hinweg das einzige landeseigene Erziehungsheim Westösterreichs für schulentlassene Mädchen war", heißt in der jüngst veröffentlichten Vorstudie zur Tiroler Heimerziehung von Univ. Prof. Michaela Ralser.

St. Martin ist eines der schwärzesten Kapitel der Heimerziehung. Nicht kleine Kinder, aber Mädchen von 15 bis 18 wurden dort wie in einem Gefängnis gehalten. Tief in der Erinnerung ehemaliger Zöglinge ist nach wie vor der berüchtigte Karzer von St. Martin eingegraben. Ein ehemaliges Heimkind aus den 60er-Jahren schildert: "Du bist in das kleine Loch im Keller gestoßen worden." Das Fenster war von außen mit Holzbrettern zugenagelt. Es gab kaum Licht. "Schlafen mussten wir auf einer Matratze am Boden, mit Erdäpfelsäcken haben wir uns zugedeckt", erklärt eine Frau, die Ende der 70er-Jahre in dem Verlies eingekerkert war. Eine alte Klomuschel ohne Brille und ein "Kasterl" war die ganze Einrichtung des wenige Quadratmeter großen Raumes. Der Karzer diente als Züchtigungsmaßnahme.

Aus der Erziehungsanstalt sind weitere Bestrafungsmethoden wie schwere Prügel belegt. Ehemalige Heimkinder sollen auch vergewaltigt worden sein. Das einzige österreichische Heimkind, das bislang eine Verbrechens­opferrente zugesprochen bekommen hat, war einst auch in St. Martin.

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(kurier) Erstellt am
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