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Studienergebnisse: Man könne nicht weiter leugnen, dass es immer noch Antisemitismus in der EU gebe.
Studienergebnisse: Man könne nicht weiter leugnen, dass es immer noch Antisemitismus in der EU gebe. - Foto: Reuters/FABRIZIO BENSCH

Letztes Update am 08.11.2013, 15:20

Mehrheit der Juden spürt immer noch Antisemitismus. Eine Studie zeigt, dass Juden in der EU immer noch Angriffen ausgesetzt sind - und diese oft nicht anzeigen.

Am Samstag jähren sich die Novemberpogrome zum 75. Mal. Umso alarmierender sind die Ergebnisse einer Studie, die am Freitag veröffentlicht wurde: Für 66 Prozent der Juden, die in der EU leben, ist Antisemitismus immer noch ein großes oder ziemlich großes Problem. 21 Prozent der Befragten haben in den zwölf Monaten vor der Erhebung antisemitische Vorfälle wie Beschimpfung, Belästigung oder körperliche Gewalt erlebt. Drei Viertel der Befragten halten Antisemitismus im Netz für ein Problem.

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Foto: grafik/a04g01.pdf
Die Ergebnisse der Befragung wurde am Freitag von der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) in Wien präsentiert. FRA-Direktor Morten Kjaerum betonte: "76 Prozent der Personen, die in den letzten fünf Jahren antisemitischen Angriffen ausgesetzt waren, gaben an, die Vorfälle nicht angezeigt zu haben."


Handlungsbedarf

Die Ergebnisse zeigten Handlungsbedarf auf, sagte Kjaerum: Man könne nicht weiter leugnen, dass es immer noch Antisemitismus in der EU gebe. Speziell für die Polizei müsse es Weiterbildungen geben. Besonders beeindruckt zeigte sich Kjaerum davon, dass 30 Prozent der Befragten ernsthaft in Betracht ziehen, aufgrund ihrer Angst vor Antisemitismus ihr Land zu verlassen.

38 Prozent der Teilnehmer gaben an, das Tragen von Attributen, die sie als Juden identifizieren könnten, zu vermeiden.

Kippa-Flashmob
Foto: AP/Michael Gottschalk
Die Studie wurde in acht EU-Mitgliedstaaten durchgeführt, in denen laut Schätzungen 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung in der Union leben: Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Lettland, Schweden und Ungarn. Das Besondere an der Untersuchung ist laut Kjaerum, dass diesmal wirklich die betroffene Minderheit befragt wurde, in welcher Form und wie stark sie die Angst vor antisemitischen Angriffen erlebt. 38 Prozent der Teilnehmer gaben an, das Tragen von Attributen, die sie als Juden identifizieren könnten, zu vermeiden. Einer von vier europäischen Juden fürchtet sich davor, die Kippah zu tragen, die ihn als Juden identifizieren würde, in Schweden sind es gar 50 Prozent.

Kjaerum verwies auf die deutlichen Unterschiede der Ergebnisse der einzelnen Länder, vor allem in Bezug auf die Bereitschaft, einen Vorfall anzuzeigen: "Wir sollten uns an den Ländern orientieren, die eine hohe Anzeigenrate haben." So wird laut den Erhebungen beispielsweise in Großbritannien und Deutschland deutlich mehr angezeigt als etwa in Ungarn.

Antisemitismus ist demokratische Angelegenheit

Serge Cwajgenbaum, Generalsekretär des Jüdischen Europakongresses (EJC), saß ebenfalls am Podium und bedankte sich bei der FRA: "Die FRA hat damit gute Arbeit geleistet und hilft uns, an Glaubwürdigkeit zu gewinnen." Antisemitismus sei keine jüdische, sondern eine demokratische Angelegenheit, betonte Cwajgenbaum und rief die Politik zum Handeln auf. "Ich persönlich lebe nicht in Angst, doch als Bürger der Europäischen Union habe ich Angst vor den Zeiten, die kommen werden."

"Die Redefreiheit endet dort, wo Hasskriminalität beginnt"

Der ehemalige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), Ariel Muzicant, als Vizepräsident des EJC bei der Präsentation vertreten, erinnerte daran, dass vor allem das Internet anfällig für antisemitische Inhalte sei und spielte auf die Seite Alpen-Donau.info an, die 2011 vom Netz genommen wurde. "Wir hatten in Österreich ein Problem mit einer extremen rechten, extrem brutalen Internetseite, die daher geschlossen werden musste. Die Redefreiheit endet dort, wo Hasskriminalität beginnt", betonte Muzicant.


Novemberpogrome

Fischer legte Kranz nieder

Bundespräsident Heinz Fischer hat am Freitag im Beisein von Verteidigungsminister Gerald Klug (SPÖ) und dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Oskar Deutsch einen Kranz beim Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoa niedergelegt. "Auch heute gilt es, wachsam gegenüber Antisemitismus zu sein und antisemitische Regungen entschieden zurückzuweisen", mahnte Fischer.

Die Kranzniederlegung erfolge "in Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und die Novemberpogrome vor 75 Jahren, wo es viele Tote und hunderte zerstörte Synagogen gegeben hat - das war der Beginn einer antisemitischen Aktion in Österreich und Deutschland, die letztendlich zum Holocaust geführt hat", erklärte das Staatsoberhaupt laut seinem Sprecher.

Am Samstag jährt sich jene Nacht zum 75. Mal. Bundesweit wird dem lange unter dem Namen "Reichskristallnacht" verharmlosten Pogrom an der jüdischen Bevölkerung mit zahlreichen Veranstaltungen gedacht. Rund 1.400 Synagogen, tausende jüdische Geschäfte, Arztpraxen, Betriebe und Wohnhäuser wurden damals unter den Nazis in wenigen Stunden in Deutschland und Österreich zerstört. 91 Menschen starben Schätzungen zufolge. In den darauffolgenden Tagen wurden etwa 30.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt.

(APA/KURIER/la) Erstellt am 08.11.2013, 14:15

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