Beschneidung: "Außerirdische wären schockiert"

Oberhummer und Hofmeister
Foto: Stephan Boroviczeny/KURIER

Sollen Juden und Muslime das Ritual aufgeben? Unbedingt, sagt ein Wissenschaftler. Keinesfalls, kontert der Rabbiner.

Seit ein Gericht in Köln entschieden hat, dass die religiöse Beschneidung an Buben Körperverletzung sei, wird auch in Österreich heftig über die Praxis diskutiert. Der KURIER bat Wiens Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister und Heinz Oberhummer von der Initiative "Religion ist Privatsache" zum Streitgespräch.

KURIER: Herr Professor Oberhummer, Sie fordern ein Ende religiöser Beschneidungen an Buben. Warum wollen Sie Juden und Muslimen ein Ritual wegnehmen, das seit Jahrhunderten Teil ihres religiösen Lebens ist?

Heinz Oberhummer: Ich verstehe unter Religionsfreiheit, dass sich jeder selbst entscheiden kann, welcher Religion er angehört oder ob er konfessionslos ist. Eine Beschneidung ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ein Beschnittener gehört automatisch zur Religion.

Schlomo Hofmeister: Da machen Sie einen Denkfehler. Die Beschneidung legt nicht das religiöse Bekenntnis fest. Ein Drittel aller Männer weltweit sind beschnitten, aus verschiedenen Gründen: aus religiösen, medizinischen, hygienischen. Als Beschnittener gehört man nicht automatisch zu einer Religion.

Oberhummer: Da sind wir beim nächsten Punkt. Oft wird behauptet, die Beschneidung bringt gesundheitliche Vorteile. Das ist höchst umstritten. In den USA geht man immer mehr davon ab, Buben zu beschneiden, seit man draufgekommen ist, dass auch Neugeborene starke Schmerzen empfinden können. Die Beschneidung ist Körperverletzung.

Hofmeister: Da sind Sie falsch informiert. Eine medizinische Beschneidung dauert 20 Minuten, eine jüdische acht Sekunden. Für den Neugeborenen ist dieser Eingriff eine Bagatelle.

Oberhummer: Wenn das so wäre, würden die Chirurgen in den Spitälern längst Ihre Methode anwenden. Sie hätten vermutlich schon den Nobelpreis bekommen.

Hofmeister: Ich habe in meinem Leben mehr als 1000 Beschneidungen durchgeführt. Manchmal trinkt das Kind seine Flasche weiter. Ich lade Sie ein, einmal an einer Beschneidung teilzunehmen.

Viele Ärzte sehen das nicht so harmlos: Beschneidung sei sehr wohl Körperverletzung und etwa mit einem Piercing nicht vergleichbar.

Hofmeister: Weil die europäischen Ärzte unsere Methode nicht kennen. Die Halbgötter in Weiß lassen sich nicht dazu herab, unsere traditionelle Methode anzuwenden. Ich hätte eine Frage an Professor Oberhummer: Welcher Religion gehören Sie an?

Oberhummer: Ich bin konfessionsfrei.

Hofmeister: Warum agieren Sie dann mit fast religiösem Fanatismus gegen Religionen?

Oberhummer: Das tue ich ja nicht. Jeder kann machen, was er will.

Hofmeister: Aber Sie sagen doch, man darf nicht beschneiden!

Oberhummer: Weil das Körperverletzung ist. Stellen Sie sich vor, ein Elternpaar sagt, wir wissen von Gott, dass wir unserem Kind die Ohrläppchen abschneiden sollen. Die würden sofort vor Gericht landen. Nur die Religion sorgt dafür, dass es nicht dazu kommt.

Hofmeister: In welcher Religion schneidet man Kindern die Ohrläppchen ab? Das würde selbstverständlich gegen die guten Sitten verstoßen – im Gegensatz zu der von der WHO empfohlenen Beschneidung. Sie hat keinen negativen Effekt.

Oberhummer: Aber zumindest auch keinen positiven. Genau das erschreckt mich ja so. Selbst wenn herauskommt, dass das Kind leidet, machen Sie weiter.

Hofmeister: Hellenisten, Nazis und Sowjets haben genauso argumentiert: Religiöse Beschneidungen sind gegen die guten Sitten. Das heißt, anders sein ist gegen die guten Sitten. Sie vertreten damit einen totalitären Ansatz.

Oberhummer: Diese Vergleiche mit früher sind unangebracht. Wir haben eine moderne Verfassung. Keiner muss fürchten, wegen seiner Religion verfolgt zu werden.

Hofmeister: Die österreichische Verfassung legitimiert die Beschneidung an Buben.

Oberhummer: Aber laut Europäischer Menschenrechtscharta hat jedes Kind das Recht auf Unversehrtheit. Ich will die Beschneidung nicht verbieten, aber die Religionen sollten damit aufhören. Die jüdische Religion würde ja weiterbestehen mit ihren Inhalten und Botschaften.

Hofmeister: Das ist genau Ihr Problem. Sie verstehen Religion als Meinung. Sie ist aber vor allem gelebte Praxis.

 

"Weder grausam noch archaisch"

Oberhummer und Hofmeister Foto: S. Boroviczeny Kontrahenten Oberhummer und Hofmeister

Der Ehrenpräsident der Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, wirft Beschneidungs-Gegnern vor, eine "neue Shoah" zu versuchen, also das Judentum vernichten zu wollen. Herr Rabbiner, ist dieser Vergleich nicht sehr unpassend?

Hofmeister: Alle, die in den letzten 2500 Jahren das Judentum vernichten wollten, haben eines gemeinsam: Sie stellten die Beschneidung von Juden unter Strafe.

Oberhummer: Dabei wird ein Kind verletzt. Wenn Außerirdische auf die Erde kämen, wären sie schockiert über die grausamen und archaischen Riten, die wir an Neugeborenen praktizieren.

Hofmeister: Ich lade Sie nochmals ein, einer Beschneidung beizuwohnen. Die ist weder grausam noch archaisch.

Herr Professor Oberhummer, haben Sie nicht die Sorge, mit dieser Debatte auch Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zu schüren?

Oberhummer: Natürlich gibt es rechte Trittbrettfahrer, und das ist gefährlich. Die Menschen können aber sehr wohl unterscheiden, ob jemand sagt, hier geht es um die Kinder oder um Antisemitismus. Ich bin ein großer Bewunderer des Judentums. Nur drei Promille der Weltbevölkerung sind jüdisch, aber 20 Prozent der Physiknobelpreisträger.

Hofmeister: Und die sind alle beschnitten! Seien wir ehrlich. Es geht Ihnen ja nicht um die Beschneidung, sondern darum, Eltern das Recht zu nehmen, ihre Kinder religiös erziehen. Aber es ist fernab der Realität, wenn Sie glauben, ein Kind kann in einer Art Vakuum aufwachsen und sich als Erwachsener für eine Religion entscheiden.

Herr Rabbiner, wo ist für Sie die Grenze, bei der ein körperlicher Eingriff nicht mehr durch Religion zu rechtfertigen ist?

Hofmeister: Wenn das Leben in Gefahr ist. Deshalb führen wir zum Beispiel bei Blutern keine Beschneidung durch.

Debatte: Befürworter und Gegner

Rabbiner

Schlomo Hofmeister ist seit vier Jahren Gemeinderabbiner von Wien. Im Rahmen seiner Ausbildung für die Tätigkeit wurde der dreifache Vater als "Mohel" geschult: So wird im Judentum jener genannt, der die religiöse Beschneidung an Buben durchführt. Hofmeister hat in seinem Leben mehr als 1000 Beschneidungen durchgeführt. Oft wird er auch von Muslimen und Konfessionslosen gebeten, den Eingriff zu machen. Hofmeister hat in Großbritannien Sozialwissenschaften und Philosophie studiert.

Wissenschaftler

Heinz Oberhummer ist Vorstandsmitglied der Initiative "Religion ist Privatsache". Er war Mitinitiator der "Initiative gegen Kirchenprivilegien". Der vierfache Vater ist Professor für Theoretische Physik an der TU Wien. Er setzt sich seit Jahren dafür ein, Wissenschaft der breiten Masse verständlich zu machen. Dafür wurde Oberhummer mehrfach ausgezeichnet Seit 2007 gestaltet er mit dem Physiker Werner Gruber und dem Kabarettisten Martin Puntigam das Wissenschaftskabarett "Science Busters".

Seltenes Bild: Religionen sind sich einig

Unterstützung in der Beschneidungsdebatte erhielten Juden und Muslime gestern von den beiden großen christlichen Glaubensgemeinschaften. "Eine Änderung der Rechtslage würde Juden und Muslime in die Illegalität abdrängen", warnte Peter Schipka, Generalsekretär der Österreichischen Bischofskonferenz. Derzeit ist die religiöse Beschneidung in Österreich ja rechtlich erlaubt.

Für den evangelischen Bischof, Michael Bünker, erhärtet sich der Eindruck, "dass sich hinter der Diskussion Feindseligkeit gegenüber den Religionen verbirgt". Der Diskurs sei friedlich zu führen und nicht populistisch anzuheizen.

Premiere

Bünker und Schipka traten gestern erstmals gemeinsam mit dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Fuat Sanac, und dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, vor die Presse – um sich in dieser "historischen Zusammensetzung" gemeinsam für die Religionsfreiheit in Österreich stark zu machen.

Deutsch und Sanac forderten die Regierungsspitze auf, sich klar zur Religionsfreiheit in Österreich und zur Zulässigkeit von religiösen Beschneidungen zu bekennen. Deutsch: "Damit die Unsicherheit der Bevölkerung jüdischen und muslimischen Glaubens ein Ende hat." (Niklas Hintermayer)

Mehr zum Thema

(KURIER) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?