"Es braucht das ganze Land, um Kinder großzuziehen"

Hobbs, Professor of the Public Understanding of Ph
Foto: REUTERS/RUBEN SPRICH Angela Hobbs, Professorin für Philosophie an der University of Sheffield

Die britische Philosophin Angela Hobbs tritt gegen die Ökonomisierung der Bildung auf.

Bildung ist wichtig. Nicht nur für die Zukunft der Kinder  auch für die der Wirtschaft. Kompetenzfokussierung und Output-Orientierung sind die Schlagwörter der heutigen Bildungspolitik. Aber es gibt auch Ansätze, die der Bildung einen höheren und gesellschaftlich weitreichenderen Stellenwert beimessen als die reine Ökonomisierung. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Schweiz) Ende Jänner beschäftigte sich deshalb eine Diskussionsrunde mit der Zukunft der Bildung (siehe Video unten).

Die Teilnehmer waren nicht unbekannt: der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown, der Adecco-Chef Alain Dehaze, der Schweizer Bundespräsident Johann N. Schneider-Ammann und Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Doch den Ton gab Angela Hobbs von der University of Sheffield an.

Im KURIER-Gespräch erklärt die Philosophin, warum Bildung mehr sein sollte als nur die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt.


KURIER: Frau Hobbs, warum wurde für die Diskussionsrunde in Davos niemand aus dem Bildungsbereich eingeladen, Pädagogen oder Bildungswissenschaftler?

Angela Hobbs: Derzeit geht der Trend in der Bildungspolitik eindeutig in Richtung Verwirtschaftlichung. Ich habe aber die Einladung des Weltwirtschaftsforums so verstanden, dass man die Diskussion über Bildung erweitern möchte.

"Manchmal ist das Streben nach Glück nicht immer die passende Antwort auf komplexe Fragen."

Um den philosophischen Aspekt?

Um sich über die eigentliche Natur und ursprüngliche Absicht von Bildung Gedanken zu machen.

Was ist Ihrer Ansicht nach diese ursprüngliche Absicht von Bildung?

Bildung muss breiter diskutiert werden, im Sinne einer 'Politik des Blühens'. Damit meine ich ein Konzept, das uns hilft, unsere geistigen, emotionalen und physischen Fähigkeiten zu entfalten. Wir können nicht tagtäglich bis ans Ende unseres Lebens glücklich sein, und manchmal ist das Streben nach Glück nicht die beste Antwort auf komplexe Fragen. Aber wir können immer versuchen, unser individuelles Potenzial zu verwirklichen. Wales, Founder and Chair Emeritus, Board of Truste Foto: REUTERS/RUBEN SPRICH Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

Für die Wirtschaft stehen Kompetenzen im Vordergrund. Wie passt das mit Ihrer Definition von Bildung zusammen?

Bildung bedeutet nicht nur, einen Beitrag für das Bruttoinlandsprodukt zu leisten oder später einen Arbeitsplatz zu bekommen, obwohl das sehr wichtig ist. Bildung heißt auch, ein vollkommenes Leben führen zu können. Die Schulzeit prägt unsere Kinder enorm, und deshalb ist es so wichtig, ihnen nicht nur beizubringen, was sie als Erwachsene tun sollen, sondern auch, was sie als Kinder tun können.

"Als ich jung war, hieß es immer: 'Es braucht ein Dorf, um Kinder großzuziehen'. Ich sage: es braucht das ganze Land."

Der Einfluss von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden auf Bildungsthemen wird immer größer. Wer soll für die Bildung verantwortlich sein?

Um Kinder zu inspirieren, sind vor allem Lehrer extrem wichtig. Aber wir können nicht erwarten, dass sie die gesamte Verantwortung alleine tragen. Die ganze Gesellschaft muss ihren Teil beisteuern: Eltern, Großeltern, Künstler, Wissenschaftler, Politiker und auch Unternehmer. Als ich jung war, hieß es immer: 'Es braucht ein Dorf, um Kinder großzuziehen'. Ich sage: es braucht das ganze Land, um Kinder großzuziehen. Dehaze, Chief Executive Officer, Adecco Group, att Foto: REUTERS/RUBEN SPRICH Chef der Adecco-Gruppe Alain Dehaze

Die rechtlichen Rahmen kann aber nur die Politik setzen.

Natürlich sind Politiker dafür zuständig, die richtigen Bedingungen zu schaffen. Dazu gehören genügend Ausbildungsplätze, eine angemessene Bezahlung und Respekt für Lehrer, Lehrpläne, die Schüler fordern und fördern, aber auch Erleichterungen für Familien aus bildungsfernen Schichten.

Würden Sie gerne mehr Philosophie am Lehrplan sehen?

Selbstverständlich. Ich würde es lieben, aber nicht unbedingt mit Tests und Klausuren. Sokrates sagte zwar, dass ein ungeprüftes Leben nicht lebenswert sei, aber ich glaube nicht, dass er gemeint hat, Kinder sollten täglich einen Prüfungsmarathon absolvieren.

Bildungssysteme sind heute Output-orientiert. Tests und Prüfungen sind wichtig, um Bildung vergleichbar zu machen. Dazu gibt es schließlich PISA, TIMSS und Co.

Die Output-Orientierung legt den Verdacht nahe, dass Bildung messbar sei. Da bin ich anderer Meinung, weil Bildung auch Persönlichkeitsbildung bedeutet. Oder können Sie ihre Persönlichkeit messen? Swiss President Schneider-Ammann attends the sessi Foto: REUTERS/RUBEN SPRICH Schweizer Bundespräsident Johann N. Schneider-Ammann

"Wir müssen nicht Gefangene unseres umweltbedingten Erbgutes sein."

Ad hoc wüsste ich nicht wie. Aber welchen Beitrag kann Philosophie für die Persönlichkeitsbildung leisten?

Philosophie ist einer der besten Möglichkeiten, Kindern zu zeigen, dass ihre Zukunft anders aussehen kann als es ihnen oft gesagt oder vorgelebt wird. Wir müssen nicht Gefangene unseres umweltbedingten Erbgutes sein, wir müssen nicht das tun, was unsere Eltern getan haben. Diese Alternativen muss man den Schülern zeigen.

Die Arbeitslosigkeit in der EU ist extrem hoch. Mit mehr Philosophie im Unterricht werden Jugendliche auch nicht schneller einen Job bekommen.

Ich habe jahrelang an Universitäten Philosophie gelehrt. Meine ehemaligen Studenten arbeiten heute in der Forschung, in Medienunternehmen, beim Militär oder in Museen. Philosophie bietet jungen Menschen ein mentales Instrumentarium, das ihnen am Arbeitsmarkt sehr wohl weiterhelfen kann.

Welches Instrumentarium meinen Sie?

Zum Beispiel die Fähigkeit, Konzepte zu analysieren oder hypothetische Szenarien und Argumentationsketten zu entwickeln. Außerdem ist Philosophie bestens dafür geeignet, mit den richtigen Fragen, dem Fremden auf die Spur zu kommen. Es gibt einige sehr interessante Studien, die zeigen, wie wichtig Philosophie gegen politische und religiöse Indoktrination sein kann. Britain's former Prime Minister Brown attends the Foto: REUTERS/RUBEN SPRICH Gordon Brown, Ex-Premier Großbritanniens

"Keine noch so große technologische Entwicklung kann Menschen von Unsicherheiten und Ängsten befreien."

In der Davos-Diskussionsrunde waren Sie mit ihren Überlegungen alleine auf weiter Flur.

Wirklich? Mir kam es so vor, als hätten Gordon Brown und Jimmy Wales ein paar meiner Argumente aufgegriffen und bestärkt. Niemand hat explizit etwas gegen meine Ansichten gesagt.

Allen war aber wichtig zu betonen, dass Schüler für die Arbeitswelt vorbereitet werden müssen, zum Beispiel im Umgang mit dem technologischen Fortschritt.

Ich stimme ihnen auch zu. Aber keine noch so große technologische Entwicklung kann Menschen von Unsicherheiten und Ängsten befreien. Dazu benötigen wir eine Bildung, die die Jugend durch eine sich schnell verändernde Welt navigieren kann. Das gilt natürlich auch für Erwachsene. Hobbs, Professor of the Public Understanding of Ph Foto: REUTERS/RUBEN SPRICH Philosophie-Professorin Angela Hobbs

Zur Person: Angela Hobbs ist Professorin für Public Understanding of Philosophy an der University of Sheffield in England. International bekannt ist sie durch ihre zahlreichen TV-Auftritte und Arbeiten über politische Philosophie, Ethik und Plato.


Video: Diskussion in Davos

(KURIER) Erstellt am
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