Wie viele Divisionen hat der Islam?

Kopie von Mideast Egypt
Foto: AP/Thomas Hartwell Muslime, die neue Kriegsgefahr?

Der radikale Islam bedroht die Welt, heißt es. Die größten Verbrechen in Nahost gehen auf das Konto von Nicht-Radikalen.

Die islamische Welt brennt. Nirgendwo geht es so gewalttätig zu wie dort: Von Gaza bis zu Syrien und Irak. Andere Kleinkriege im Jemen oder Afghanistan kommen dazu. Neben reellen Raketen bombardieren soziale Medien wie Twitter und Facebook rund um die Uhr: Islamisches Kalifat morgen in Europa? Junger Mann sprengt sich mitten in Europa in die Luft? Muslime, die neue Kriegsgefahr?

In Zeiten der weit verbreiteten und zum Teil berechtigten Ängste ist es gut, den Boden der Realität nicht zu vergessen. Im Nahen Osten sieht die Realität folgendermaßen aus:

  1. Die größten politischen Verbrechen in der arabischen Welt werden heute nicht von islamisch-radikal orientierten Gruppen verübt, sondern von anti-religiösen Herrschern: Unter dem Islamisten-Bekämpfer, dem ägyptischen Präsidenten Sisi, sind laut Menschenrechtsorganisationen mehr als 15.000 Menschen in politischer Haft. Hunderte Todesurteile gegen politische Gegner wurden gefällt. Ähnliche Bilanz in Assads Syrien. Der lange Zeit als "modern" geltende syrische Präsident ist verantwortlich für den Tod von Abertausenden Zivilisten, Millionen Syrer sind auf der Flucht. Assad bekämpfte die gemäßigte Opposition solange, bis nur mehr radikale Muslime übrig blieben. Jetzt klagt Assad, er führe ja nur den Kampf gegen die Islamisten – die er selbst geschaffen hat. Hunderte von ihnen entließ er aus den Gefängnissen.
  2. Nicht alles, was uns schockt, ist islamisch: Vor einigen Tagen erregte die Meldung, die ultra-radikale IS ("Islamischer Staat" im Irak und in Syrien) würde die Frauen-Genital-Verstümmelung einführen. Es war eine Falschmeldung. Diese frauenverachtende Beschneidung wurde in die arabische Welt aus Afrika eingeführt. Sie hat nichts mit Religion zu tun. Selbst christliche Familien in Ägypten beschneiden ihre Töchter. Einige islamische Gelehrte treten gegen diese Tradition auf.
  3. Kopftuchtragen wurde im Nahen Osten nicht von den Radikalen eingeführt. Junge Mädchen tragen es seit Langem aus vielerlei Gründen: Weil sie religiös sind. Weil sie von ihren Familien dazu gezwungen werden. Weil sie sich auf der Straße schützen wollen vor den Männern. Die ersten Vergewaltigungen auf dem Tahrir- Platz in Kairo wurden laut einem ägyptischen Schriftsteller nicht von Islamisten organisiert – der Geheimdienst war es, um so rebellische junge Frauen einzuschüchtern.
  4. Junge europäische Muslime, die nach Syrien gehen, um dort zu kämpfen, sind eine verschwindende Minderheit. Ein ehemaliger britischer Geheimdienst-Chef, Richard Dearlove, warnte vor Kurzem vor einer Hysterie bezüglich der Radikalen. Das Problem werde übertrieben: "Besser wir ignorieren diese Leute."
  5. Die islamische Welt ist nicht auf dem Vormarsch, im Gegenteil. Sie bricht in sich zusammen. Kein Staat im Nahen Osten hat mehr eine halbwegs funktionierende Armee – abgesehen von Israel. Radikale Gruppen träumen von der Weltherrschaft. Bisher ist jedes islamische Kalifat – ob in Afghanistan oder sonstwo – an Unfähigkeit gescheitert. Der sowjetische Diktator Josef Stalin fragte einmal, wie viele Divisionen der Papst habe? Er wollte damit sagen, er fürchte einen wie den Papst nicht. IS im Irak und Syrien hat genauso wenige Divisionen wie Papst Franziskus.
  6. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist nicht das Hauptproblem des Nahen Ostens. Er ist der übliche Blitzableiter für soziale Missstände. Wer so tut, als wären die Israelis an allem Schuld, hilft nur Assad und den Radikalen.
  7. Ob es uns gefällt oder nicht, Religion spielt im Nahen Osten bei der Bevölkerung eine wichtige Rolle. Bei einer Umfrage sagten 80 Prozent der Ägypter, sie seien fromm (nur ein Viertel der Deutschen ist heute religiös). Islam bedeutet aber mehr als Beten. Islam ist der soziale Kitt. Moscheen sind an vielen Orten "Sozialministerien". Islamische Gruppen verteilen Lammfleisch an Bedürftige. Im Gazastreifen ist Hamas der größte Arbeitgeber. Es gibt keinen anderen. Islamische Parteien nennen sich nicht umsonst oft "Gerechtigkeitsparteien".
  8. Viele Muslime glauben, der Westen sei zu materialistisch. Jeder sei nur auf sich bedacht. Im Gegensatz dazu würden im Nahen Osten unverändert Familie, Glaube, Tradition zählen. Radikale treiben diese Kritik noch auf die Spitze. Sie verlocken verunsicherte Jugendliche mit der Idee, man müsse noch mehr in der Vergangenheit leben. So wie zu Zeiten des Propheten Mohammed – im 7. Jahrhundert.
  9. Radikale Islamisten haben trotz ihrer Verführungen nicht mehr Zuspruch als vor zehn Jahren. Seit den September-Anschlägen 2001 in den USA haben sie an Unterstützung verloren. Proteste pro El Kaida gibt es kaum. Ohne massive Unterstützung von Iraks mächtigen Stämmen und Anhängern des gestürzten Saddam Hussein würde IS keine Stellung halten können.
  10. Ist die arabische Welt eine Welt des Mittelalters, dann vor allem in der Wirtschaft: "Oben" sitzt eine kleine, gut ausgebildete, meist reiche Nomenklatura. Sie heißt Mubarak-Clan, Assad-Clan, Gaddafi-Clan. Steuern zu zahlen, kennt sie nicht. Korruption ist weit verbreitet. Soziale Verantwortung ist ihr meistens fremd – die überlässt sie den Moscheen. Diese Elite sorgte, auch mit Unterstützung des Westens, jahrzehntelang für Ruhe und Ordnung in der arabischen Welt. Auf Kosten der Menschenrechte, auf Kosten der Demokratie.
  11. Das Ergebnis sehen wir heute. Es gibt weder das eine noch das andere: Keine Demokratie. Keine Ordnung. Nur Chaos und Gewalt.

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Antonia Rados, ehemalige ORF-Journalistin, ist RTL-Chefreporterin und bereist vor allem Nah- und Fernost.

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Die Arabische Welt

(kurier) Erstellt am
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