"Molenbeek gibt es in Europa doch überall"

A woman walks by a sign which reads 'We are all un…
Foto: AP/Francois Walschaerts Der KURIER auf Spurensuche in Molenbeek.

Eine Österreicherin arbeitet seit 16 Jahren in der "Hochburg des Terrors" im Brüsseler Stadtteil Molenbeek mit Migrantinnen. Sie erklärt, warum es wenig Hoffnung für den Bezirk gibt.

Die gebürtige Linzerin und Soziologin Irene Zeilinger hat seit 16 Jahren ihr Büro in dem seit den islamistischen Anschlägen so berüchtigten Brüsseler Bezirk Molenbeek. Sie leitet in der "Hochburg des Terrors" Selbstverteidigungskurse für Frauen, vielfach mit Migrationshintergrund. Im Interview spricht sie über den angeblichen Problembezirk, EU-Politiker als die eigentlichen Migranten in Brüssel und über den Terror-Humor in jenem Land, das angeblich die Pommes Frites erfunden hat.

KURIER: Waren Sie von den Terror-Anschlägen am Dienstag unmittelbar betroffen?

Irene Zeilinger: Zwei von unseren Trainerinnen waren dort im EU-Viertel, als es passierte. Die hatten ihre Handys für die Kurse abgestellt, so wie es sich gehört. Da haben wir es gefühlt, wie das sein kann, dass man jemanden so verliert. Wir haben es vor allem auf Facebook verfolgt. Aber ich kenne glücklicherweise keines der Opfer.

Immer führt die Spur nach Molenbeek. Was ist eigentlich los mit diesem Bezirk?

Molenbeek findet man doch überall in Europa, es existiert in allen Großstädten. Es gibt heruntergekommene Häuser, verlassene Industrie und billige Mieten. Das zusätzliche Problem ist, dass Brüssel in 19 Regionen aufgeteilt ist, die sehr viel Macht haben. Brüssel ist ein institutioneller Albtraum. Es gibt eine eigene Polizeistruktur und eigene Steuereinnahmen. Das bedeutet: Wo wenig verdient wird, kann wenig investiert werden kann.

Das heißt, es fehlt an Geld?

Nein, Molenbeek bleibt arm, egal wie viel Geld man hineinbuttert. Es ist eine Durchgangsgemeinde. Wer es irgendwie schafft und sich eine Existenz aufbaut, zieht sofort weg von dort. Wer neu kommt, zieht dorthin, weil es billig ist und die Leute einen verstehen. Mit einer Molenbeek-Adresse im Lebenslauf hat man es schwieriger, einen Job zu finden. Das wird nun noch schlimmer.

Wenn man Molenbeek hört, denkt man mittlerweile an Menschen, die mit Kalaschnikows auf der Straße herumlaufen ...

Dieses Bild haben die Medien geschaffen. Eine Bekannte wohnt ums Eck von dem Haus, wo Abdeslam verhaftet wurde. Freunde aus aller Welt haben sie angerufen und gefragt, ob sie aus dem Haus kann, und auf der Straße war nichts, nicht einmal ein Polizeiauto. Ich gehe auch nachts durch Molenbeek, mir ist nie etwas passiert. Auch in unser Büro hat noch nie jemand eingebrochen. Eine Ehrenrettung für Molenbeek wäre jetzt dringend notwendig.

Dennoch wurde die U-Bahn-Station dort nicht angefahren im Umfeld der Anschläge. Interessant ist, wenn man im EU-Viertel nach der dortigen Metro fragt, dass alle zuerst ihre Putzfrauen dazu befragen.

Für die Leute in Molenbeek und ganz Brüssel sind die EU-Leute die wahren Migranten. Sie kommen hierher, können nach Jahren weder Flämisch noch Französisch. Sie schicken ihre Kinder auf englischsprachige EU-Schulen und steigen nicht einmal in die U-Bahn ein. Als man eine Parkgebühr für die Garage im EU-Viertel einführen wollte, um sie zu den öffentlichen Verkehrsmitteln zu bekommen, drohten die Leute dort mit Streik. Sie wollen mit den Belgiern nichts zu tun haben, sie leben in einer Blase.

Die Bezirke Molenbeek oder Anderlecht sind ja fast unmittelbar daneben. Wenn man diese Welt der Limousinen und Anzugträger von dort sieht, kann so etwas zu Islamismus führen?

Man darf den Islam nicht damit verwechseln. Belgische Soziologen sprechen von der Islamisierung der Radikalität und nicht der Radikalisierung des Islam. Die Attentäter sind teilweise erst kurz vor ihren Taten konvertiert. Die Belgier sehen das ganz anders als die Franzosen. Wenn man sich die Facebookseiten anschaut, dann nehmen es die Menschen trotz der Tragik mit mehr Humor. Derzeit kursiert überall eine belgische Flagge mit einem ausgestreckten Mittelfinger aus Pommes Frites.

Analyse

Wien und Graz können aus Fehlern Molenbeeks lernen

Durch Molenbeek zu gehen, ist wenig anders als in Wien durch Ottakring und Favoriten oder in Graz durch Gries zu schlendern. Gebürtige Einheimische findet man immer seltener, die Menschen mit Migrationshintergrund stellen die Mehrheit. Es gibt eigene Geschäfte für sie, eigene Kindergärten und eine oft abgeschottete Welt. Dass es überall in Europa ein Molenbeek gibt, wie die Soziologin Irene Zeilinger meint, trifft wohl auch im Speziellen auf Österreich zu. Das bedeutet nicht, dass die drei genannten Bezirke auch zu Hochburgen des Terrorismus werden müssen, aber der Nährboden ist ein ähnlicher. Wien und Graz können von den Fehlern Brüssels durchaus lernen.

Sprache entscheidet

Vor allem das Wegschauen – auf allen Seiten – verursachte in Belgien die Probleme. Offizielle Stellen aller Art schauten mitunter aus falsch verstandener Toleranz oder Desinteresse weg. Menschen mit Migrationshintergrund haben oft kein Vertrauen in staatliche Organisationen, um aufzuzeigen, wenn etwas schiefläuft. Außerdem: Sie haben meist andere Probleme. Arbeit, eine Familie aufbauen und eine Zukunft haben, das wollen die Menschen in Molenbeek, in Neukölln (Berlin), in der Banlieue (Paris) oder in Ottakring. Dazu benötigen sie zunächst gute Sprachkenntnisse, was in Brüssel durch die Zweisprachigkeit noch erschwert wird. Viele Jobs gibt es nur, wenn man beide Idiome kann. Diesen Menschen die Mindestsicherung zu kürzen oder auf andere Weise Geld wegzunehmen, verschärft deren Lage. Molenbeek müsste das mahnende Beispiel sein. Wo das Geld fehlt, fehlt die Hoffnung, und damit ist der Boden für die Kriminalität bestellt. Fast alle Terroristen wurden erst im Gefängnis radikalisiert, sie waren selbst ungläubig, bevor sie sich hinter Gittern dem Islamismus zuwendeten. Auch in Österreichs Gefängnissen wird, wie der KURIER berichtete, zu wenig gegen die Radikalisierung getan. Auffällig: Unter den Terroristen waren bis heute keine Flüchtlinge, nur Leute, die als solche getarnt nach Europa geschickt wurden. Dazu kommt das Thema Sicherheit. Spricht man mit ranghohen Polizei-Insidern in Österreich, wären Anschläge wie in Paris oder Brüssel schwer zu bewältigen. Es fehlt an Material und Personal. Hier wären Brüssel oder Paris gute Vorbilder – zumindest was die Ausstattung, die Mobilisierung und die Mannstärke von Polizei und Armee betrifft. Der Kampf gegen den Terror und die Verhinderung eines Molenbeek in Österreich verlangen vor allem kühle Köpfe, mehr Aufmerksamkeit und wohl viel Geld, das richtig eingesetzt wird. Damit Favoriten nicht eines Tages zu Molenbeek wird.

(kurier) Erstellt am
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