Kerry zu Atomtest von Nordkorea: "Hoch provokativ"

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Foto: APA/AFP/JUNG YEON-JE Menschen sehen im nordkoreanischen Staats-TV den Wasserstoffbombentest.

Südkorea hat große Zweifel, dass Kim Jon-un Wasserstoffbombentest durchgeführt hat. UNO ergreift Maßnahmen.

Der Atomstreit mit Nordkorea eskaliert erneut: Das weithin isolierte Land hat am Mittwoch eigenen Angaben zufolge einen Atomtest durchgeführt. Der Test einer Wasserstoffbombe sei erfolgreich gewesen, hieß es in einer Erklärung im staatlichen Fernsehen. Es habe sich um eine "strategische Entscheidung" des Staatsführers Kim Jong-un gehandelt.

UN will Maßnahmen ergreifen

Die 15 Mitgliedstaaten des mächtigsten UN-Gremiums einigten sich bei einer Dringlichkeitssitzung am Mittwoch in New York darauf, "zusätzliche Maßnahmen" zu ergreifen. Die Arbeiten an einer entsprechenden Resolution sollen demnach umgehend beginnen. Der Sicherheitsrat verurteilte den Atomtest als "klare Bedrohung für Frieden und Sicherheit" in der Welt. Auch die Veto-Macht China, die mit Nordkorea verbündet ist, trug den Beschluss mit.

Auch US-Außenminister John Kerry hat den jüngsten Atomtest als "hoch provokativen Akt" verurteilt. Er stelle eine gravierende Bedrohung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit dar und verletze diverse UN-Resolutionen. "Wir werden Nordkorea nicht als einen Atomwaffen-Staat akzeptieren", sagte Kerry.

Nordkoreas Atomwaffentests Foto: APA

Zweifel an Wasserstoffbombe

Das Militär und der Geheimdienst in Südkorea zweifeln stark an den Angaben Nordkoreas über den Test. Militärexperten halten es für unwahrscheinlich, dass Nordkorea eine voll entwickelte Wasserstoffbombe gezündet habe, wie ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Seoul am Mittwoch mitteilte. Die Stärke der Explosion in Nordkorea sei dafür zu schwach gewesen.

Die Explosion im Nordosten von Nordkorea sei wohl kleiner gewesen als beim Test einer herkömmlichen Atombombe vor drei Jahren, zitierte der Fernsehsender Arirang einen Vertreter der Streitkräfte. Die Explosionskraft einer Wasserstoffbombe (H-Bombe) sei um das Hundert- oder Tausendfache größer.

Beim jüngsten Atomtest in Nordkorea sei vermutlich eine Sprengkraft von sechs Kilotonnen erreicht worden, zitierte die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap ebenfalls einen Militärvertreter. Die Sprengkraft von bisher getesteten Wasserstoffbomben habe dagegen 20 bis 50 Megatonnen erreicht. Officers from the Korea Meteorological Administrat… Foto: AP/Lee Jin-man

Nordkorea: Atom-Kapazitäten ausbauen

Sollten die Angaben Nordkoreas trotz aller Zweifel stimmen, hätte die Atomwaffenentwicklung des Landes eine neue Dimension erreicht. Zwischen 2006 und 2013 hatte Nordkorea drei herkömmliche Atomtests unternommen, auf die der UN-Sicherheitsrat jeweils mit neuen Strafmaßnahmen reagiert hatte.

Nach dem Test am Mittwoch hieß es im staatlichen Fernsehen, Nordkorea werde seine Atom-Kapazitäten weiter ausbauen. Solange die Rechte des Landes geachtet würden, würden aber keine Atomwaffen eingesetzt. Es gehe allein um Selbstverteidigung. Solange die USA ihre feindliche Politik gegenüber Nordkorea nicht aufgeben würden, werde das Land auch sein Atomprogramm nicht beenden. Nordkorea hatte bereits Mitte September angekündigt, sein Atomwaffen-Arsenal auszubauen.

Internationale Kritik

A sales assistant watches TV sets broadcasting a n Foto: REUTERS/KIM HONG-JI Nordkoreas Diktator Kim Jong-un Frankreich und Großbritannien haben mit scharfer Kritik reagiert. Der Atomversuch sei "eine inakzeptable Verletzung von Beschlüssen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen", hieß es in einer am Mittwoch vom Elyseepalast in Paris verbreiteten Mitteilung. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini äußerte sich scharf zu  Nordkoreas Wasserstoffbombentest. Sollte sich das bestätigen, wäre diese Aktion ein "einer schwerer Bruch" von Nordkoreas internationalen Verpflichtungen gemäß UNO-Resolutionen und "eine Bedrohung des Friedens und der Sicherheit der gesamten nordostasiatischen Region".

"Eine direkte Bedrohung Russlands durch die Aktion Nordkoreas sehe ich nicht, wenn man unsere Beziehungen mit dem Land in Betracht zieht."

Auch China hat den mutmaßlichen nordkoreanischen Atomtest deutlich kritisiert. Die Sprecherin des Außenministeriums, Hua Chunying, forderte Pjöngjang am Mittwoch in Peking auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und seine Atomwaffen aufzugeben. Erste Reaktionen Russlands fallen gelassen aus. "Eine direkte Bedrohung Russlands durch die Aktion Nordkoreas sehe ich nicht, wenn man unsere Beziehungen mit dem Land in Betracht zieht", sagte Generaloberst Viktor Jessin. From the Files - North Korea Nuclear Test Foto: REUTERS/© KCNA KCNA / Reuters

Die deutsche Regierung sieht im Atombombentest eine ernste Bedrohung für Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel. "Wir verurteilen das auf das Schärfste", sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer. Ebenfalls empört reagierte Österreichs Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP). Kurz sieht eine "neuerliche eklatante Verletzung der Resolutionen des UNO-Sicherheitsrates und eine Brüskierung der internationalen Staatengemeinschaft".

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat die nordkoreanische Regierung aufgefordert, ihr Atomprogramm einzustellen. Das Land müsse die Atomwaffen und Raketen glaubhaft zerstören und sich an Verhandlungen über die nukleare Abrüstung beteiligen.

Befehl vom Diktator

Kim ordnete Test von H-Bombe persönlich an

Nordkoreas Machthaber: Start ins Jahr 2016 mit "aufregendem Geräusch".

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un hat den Test einer Wasserstoffbombe vor drei Wochen persönlich angeordnet. Im nordkoreanischen Staatsfernsehen wurde am Mittwoch sein auf den 15. Dezember datierter, entsprechender Befehl gezeigt.

"Lasst uns das Jahr 2016 mit dem aufregenden Geräusch unserer ersten Wasserstoffbombenexplosion beginnen, damit die ganze Welt aufschauen wird zu unserer sozialistischen, atomar bewaffneten Republik und der großartigen Arbeiterpartei Koreas", heißt es in einer handschriftlichen Botschaft neben seiner Unterschrift.

Das Staatsfernsehen zeigte auch noch einen zweiten Befehl vom 3. Jänner, mit dem Kim endgültig Grünes Licht für den Atomtest am Mittwoch gab - zwei Tage vor seinem Geburtstag.

Kim: "Souveränität verteidigen"

Kim Jong-un kam nach dem Tod seines Vaters Kim Jong-il 2011 an die Macht. Unter seiner Aufsicht unternahm Nordkorea im Februar 2013 seinen dritten Atomtest. Im Dezember deutete der junge Machthaber dann erstmals an, dass sein Land eine Wasserstoffbombe besitze.

Nordkorea sei "ein mächtiger Atomstaat, der bereit ist, eine selbstständige Atombombe und eine Wasserstoffbombe zu zünden, um seine Souveränität zu verteidigen", sagte er laut der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA. Seine Aussage wurde von internationalen Experten aber mit Skepsis aufgenommen.

Hintergrund

Der lange Streit um das nordkoreanische Atomprogramm

Atomzentrum Yongbyon bereits in den 1960er-Jahren errichtet - Konflikt mit internationaler Gemeinschaft ab 2003 - Mittlerweile vier Bombentests.

Nordkoreas Atomprogramm beunruhigt die internationale Gemeinschaft seit Jahrzehnten. Das Atomzentrum in Yongbyon wurde in den 1960er-Jahren errichtet. Etwa 20 Jahre später begann das Regime mit der Entwicklung von Atomwaffen. Ein Rückblick:

1994: Nordkorea erklärt seinen Austritt aus der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA), bleibt aber seinen Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag (NPT) unterworfen. Im Oktober verspricht das Land in einem Abkommen mit den USA, sein Atomprogramm zu stoppen.

1998: Nordkorea startet eine mehrstufige Rakete, angeblich mit einem Satelliten an Bord. Die USA warfen Pjöngjang vor, es habe sich um den Test einer Mittelstreckenrakete gehandelt.

2003: Nordkorea tritt aus dem Atomwaffensperrvertrag aus. Die ersten Sechser-Gespräche zwischen Nordkorea, den USA, China, Südkorea, Japan und Russland enden ohne Ergebnis.

2005: Das Regime bekennt sich erstmals zum Besitz von Atomwaffen. Es verpflichtet sich im September zwar zur Aufgabe seines Atomprogramms, stellt die Vereinbarung aber wenig später wieder infrage.

2006: Nordkorea löst mit einer Serie von Raketenversuchen über dem Japanischen Meer weltweit Empörung aus. Im Oktober folgt der erste unterirdische Atomtest.

2007: Im Februar sagt Nordkorea die Schließung der Atomanlage in Yongbyon zu. Im Gegenzug soll es Energie- und Wirtschaftshilfe erhalten. Im Juli wird der Reaktor abgeschaltet.

2008: Das Regime demonstriert mit dem Abschuss mehrerer Testraketen Stärke und droht, die Stilllegung von Atomanlagen hinauszuzögern.

2009: Der Weltsicherheitsrat verurteilt den Start einer nordkoreanischen Langstreckenrakete. Aus Protest gegen die Kritik steigt Pjöngjang aus den internationalen Atomgesprächen mit den USA, China, Russland, Japan und Südkorea aus. Nach einem zweiten Atomtest Nordkoreas verschärfen die UNO ihre Sanktionen.

2011: Eine Expertengruppe kommt zu dem Schluss, dass Nordkorea weiter entwickelte Atomanlagen haben muss als bisher bekannt. Nach UNO-Angaben exportiert das Regime für nukleare Sprengköpfe geeignete Raketen in den Iran und andere Krisengebiete. Im Juli und im Oktober treffen sich Vertreter der USA und Nordkoreas wieder zu Gesprächen über das Atomprogramm.

2012: Zum ersten Mal seit dem Tod des Diktators Kim Jong-il im Dezember 2011 führen Washington und Pjöngjang wieder direkte Atomgespräche. Washington verkündet, Nordkorea unter Kims Sohn Kim Jong-un sei im Gegenzug für Nahrungsmittelhilfen zu einem Moratorium bei der Urananreicherung, Atom- und Raketentests bereit. Ein weiterer Raketentest scheitert im April. Nach massiver Kritik daran hebt Nordkorea das Moratorium wieder auf. Im Dezember schießt das Regime eine weitere Rakete mit einem Satelliten ins All.

2013: Der Weltsicherheitsrat weitet die Sanktionen aus. Der Rat hatte den Raketenstart zuvor scharf verurteilt. Am 12. Februar unternimmt Nordkorea einen neuen Atomtest und löst damit bei der internationalen Gemeinschaft erneut scharfe Kritik aus. Der UNO-Sicherheitsrat beschließt in der Folge weitere, scharfe Sanktionen gegen Nordkorea. Das Regime droht den USA mit einem Atomschlag, kündigt an, den Waffenstillstand von 1953 zur Beendigung des Korea-Kriegs nicht mehr anzuerkennen und kappt wochenlang den "Heißen Draht" nach Seoul im Grenzort Panmunjom. Pjöngjang schließt auch den gemeinsamen Industriepark mit Südkorea in Kaesong zwischenzeitlich.

2014: Zum ersten Mal seit drei Jahren können sich Verwandte aus Nord- und Südkorea wieder in Nordkorea treffen. Im Herbst kommt es zwischen Grenzposten beider Staaten zu einem Schusswechsel. Nordkorea fühlte sich durch Propaganda-Flugblätter provoziert. Bei einem Cyber-Angriff auf das Hollywood-Studio Sony Pictures stehlen Hacker vertrauliche Informationen. Nach Terror-Drohungen steht außerdem der Kinostart der Nordkorea-Satire "The Interview" zunächst infrage. Das FBI macht Pjöngjang verantwortlich, das den Vorwurf zurückweist. Die USA verhängen neue Sanktionen.

2015: Im März zeichnet eine UNO-Bericht ein schockierenden Bild von der Menschenrechtslage in Nordkorea. Landminen an der innerkoreanischen Grenze verletzen zwei südkoreanische Soldaten. Seoul macht Pjöngjang verantwortlich und nimmt seine Propaganda-Durchsagen an der Grenze nach elf Jahren Unterbrechung wieder auf. Nach einem Schusswechsel an der Grenze versetzt Pjöngjang seine Grenztruppen in Gefechtsbereitschaft. Im September kündigt Nordkorea den Ausbau seines Atomwaffenarsenals an. Im Dezember kommt es, wie im August angesichts der erhöhten Spannungen vereinbart, zu bilateralen Gesprächen zwischen Nord und Süd, die aber ohne Einigung beendet werden. Diktator Kim deutet den Besitz der H-Bombe an.

Gas und Schall

Wie man Atombombenexplosionen aufspürt

Eine Explosion auf der anderen Seite der Erdkugel kann mit einer Kombination von Sensoren entdeckt werden.

Detonationen von Atombomben gehören zu den stärksten Mechanismen, die Menschen in Gang setzen können.

ERSCHÜTTERUNG: Die Explosion einer Atombombe löst eine seismische Welle aus, ähnlich wie ein Erdbeben. Die Welle wird mit Seismografen registriert wie jede andere Erderschütterung, und zwar überall auf der Welt. Geophysiker können jedoch aufgrund ihrer Beschaffenheit eindeutig zwischen einer Erdbeben-Welle und einer künstlich von Explosionen hervorgerufenen unterscheiden.

INFRASCHALL: Große Explosionen erzeugen Infraschall, also Töne, die für das menschliche Ohr zu tief und deshalb unhörbar sind. Sie können in der Luft noch in großer Entfernung aufgespürt werden.

SCHALL: Weil sich Schall im Wasser sehr schnell und weit ausbreitet, lässt sich auch über weltweit verteilte, sogenannte hydroakustische Sensoren prüfen, ob ein Unterwasser-Atomtest stattgefunden hat.

RADIONUKLIDE UND EDELGASE: Außerdem lässt sich an radioaktiven Partikeln in der Atmosphäre ablesen, ob eine Atombombe explodiert ist. Auch das Edelgas Xenon wird bei solchen Ereignissen freigesetzt. Selbst kleine Veränderungen in der Atmosphäre können ermittelt und zu ihrem Ursprung zurückverfolgt werden.

(APA / tan, jk, sho) Erstellt am
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