"Darüber müssen wir reden dürfen"

Der KURIER sprach mit drei deutschen Islamexpertinnen über das Frauenbild im Islam. Ob arabischstämmige Männer anfälliger sind, sexuelle Übergriffe zu begehen und was zu tun ist, um Einwanderern europäische Werte zu vermitteln.

Grapschende Buben in Kairo. Debatte über junge Araber und ihr Frauenbild Lamya Kaddor Religionspädagogin,  Islamwissenschaftlerin und Autorin mit syrischen Wurzeln. Ihr Buch „Zum Töten bereit“ handelt von deutschen Jugendlichen, die in den Dschihad ziehen.
Sie ist enttäuscht, dass Muslime in Europa sich in  Dauerverteidigungshaltung befinden. Susanne SchröterDie Ethnologin leitet das Forschungszentrum Globaler Islam an der Goethe-Universität in Frankfurt und untersucht  islamisch geprägte Gesellschaften. Sie glaubt, dass Flüchtlinge viel besser aufgeklärt werden müssen, was europäische Werte betrifft. Necla Kelek   Sozialwissenschaftlerin, Autorin („Die fremde Braut“ u. a.),  geboren in Istanbul. Versteht sich als  Islamkritikerin und  ist  Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. Sie ist überzeugt, dass Neuankömmlinge hier respektvoll mit der Freiheit der Frau umzugehen lernen müssen.

Sie können ihre Hände nicht bei sich halten. Die "Araber", "Nordafrikaner", "Muslime". In sozialen Medien wird das Bild eines "triebgesteuerten arabischen Mannes" gezeichnet, der die europäische Frau herabwürdigt – wie er es in seiner Heimat mit "seinen" Frauen gewohnt ist. Doch was ist dran an dem Vorurteil, fragte der KURIER drei Islamexpertinnen.

Einig sind sich die drei Frauen vor allem in einem Punkt: Das Bild ist pauschalisierend und rassistisch. Eine "Katastrophe" nennt es Susanne Schröter, dass das Thema der unterdrückten arabischen Frau von den Rechten vereinnahmt wird. Layma Kaddor schlägt in dieselbe Kerbe: "Angst lässt sich nur durch Vertrauen abbauen, nicht durch Vorurteile." Auch Necla Kelek, die vor allem wegen ihrer islamkritischen Beiträge bekannt ist, stimmt zu. Dabei sei es gerade jetzt wichtig, in dieser Diskussion einen kühlen Kopf zu bewahren und einen klaren Gedanken zu fassen, warum so etwas wie Köln passiert, sagt sie.

Und tatsächlich. Das Gruppenphänomen des gemeinsamen sexuellen Übergriffes auf eine Frau in der Öffentlichkeit gibt es im arabischen Raum. Es gibt sogar ein Wort dafür: El taharrush gamea. "Das allerdings auf die gesamte Gesellschaft, auf alle arabischen Männer umzulegen, leistet der Islamophobie weiter Vorschub", warnt Kaddor.

Doch dass es diese Tendenzen unter muslimischen Männern gibt, verneint sie keineswegs: Das habe vor allem mit der Gesellschaft zu tun. "Die arabische Kultur pflegt weiterhin ihren patriarchalen Zugang. Bestimmte Islamverständnisse zeichnen – mit böser Absicht – ein herabgewürdigtes Frauenbild."

Die Deutsch-Türkin Kelek verlangt eine offene Debatte, ohne Tabus. Man müsse fragen dürfen, mit welcher Gruppe von Männern wir es zu tun haben und wie sie sozialisiert worden sind. "Sonst werden wir keine Antworten finden."

Legitimation im Islam

Kelek ist sich sicher, dass sich die jungen Männer am Kölner Domplatz mit diesem patriarchalen Rollenbild des Islam legitimierten. Sie glaubt, dass der Islam im Allgemeinen dieses Frauenbild begünstige. Die Sure 4, Vers 38, etwa sage: "Diejenigen aber, die nicht gehorchen… verbannt sie in ihre Schlafgemächer und schlaget sie". Man dürfe laut Koran Frauen verstoßen, sie dürfen ohne Vormund keine Verträge abschließen. "Das müssen wir uns sehr kritisch anschauen. Der Islam ist keine rein spirituelle Religion. Er ist nicht frei von Politik und Staat. Im Gegenteil. Seine Rechtsvorgaben landen im Rechtssystem dieser Länder. Kelek bezeichnet den Islam sogar als "Staatssystem".

Für die Muslimin Kaddor hingegen kommt es darauf an, wie man den Koran auslege. "Je nachdem, wie ich dieses Buch verstehen möchte, dementsprechend kann ich über eine Frau ein bestimmtes Bild kreieren." Religion spiele ihrer Meinung nach eine untergeordnete Rolle – nach sozioökonomischen Faktoren.

Für Islamkritikerin Kelek ist das keine Auslegungssache. Denn es seien ja die Strukturen des Islam, in denen diese Männer groß werden.

Sexuell frustriert

Ein wichtiger Punkt sei die Frustriertheit der jungen Araber: "Sie befinden sich in einer nicht beneidenswerten Situation", sagt Schröter: Sie seien sozial an den Rand gedrängt, arbeitslos. Haben keine Frau. Sexualität werde in vielen arabischen Ländern heute tabuisiert. "Sie ist – zumindest in der normativen Ordnung – auf die Ehe beschränkt. Doch um zu heiraten, braucht man Geld, einen Job. Und viele junge Männer haben keinen Job." Deshalb sei das Heiratsalter in der arabischen Welt so stark nach oben gegangen. "Heute ist man oft erst 30, wenn man heiratet. Davor ist man schlichtweg sexuell frustriert."

Hinzu komme der Frust der enttäuschten Erwartung nach Ankunft in Europa. Es gehe doch nicht alles so einfach hier, wie man sich das vorgestellt hat."Diese jungen Männer kommen nach Europa – und ihre Frustration geht weiter. Sie finden – entgegen ihren Erwartungen – keinen Job, keine Frau. Zudem ist die Geschlechterordnung in Europa für sie nicht so leicht zu durchschauen: Es gibt sexualisierte Werbung, überall sieht man nackte Frauen; Pornografie und Prostitution sind zugänglich. Da ziehen sie falsche Schlüsse und glauben, dass deutsche oder österreichische Frauen völlig haltlos sind."

Strafen für Asylwerber

"Und das rüttelt sich nicht alleine zurecht", warnt Schröter. Kelek und Kaddor weisen darauf hin, dass Österreich wie Deutschland ein Einwanderungsland sei. Kelek etwa verlangt einen "Integrationsvertrag", Kaddor ein Integrationsministerium und Begegnungsmöglichkeiten mit den Einheimischen – auf Augenhöhe. In jedem Fall "klare Anweisungen" und Forderungen. "Männer und Frauen sind hier gleichberechtigt", hält Kelek fest. Der Neuankömmling müsse respektvoll mit dieser Freiheit umzugehen lernen. "Er muss es akzeptieren, dass wir hier so leben."

Strafen für jene Menschen, die sich nicht an die Anforderungen halten, seien alternativlos. Sowohl Kaddor als auch Kelek erwähnen in diesem Zusammenhang auch Abschiebung, wenn das möglich ist. Ansonsten Geld- oder Haftstrafen.

Kelek schlägt auch das Konzept "Hilfe zur Selbsthilfe" vor. Flüchtlinge sollen dort, wo sie gemeinsam untergebracht sind, gemeinsam den Alltag organisieren. Putzen, kochen, einkaufen. Bzw. die Fähigkeiten, die sie mitbringen, den anderen in Kursen vermitteln.

Zu viele Flüchtlinge

Die Probleme der einseitigen Auslegung der Religion und deren Frauenbild hätten die Zehntausenden Flüchtlinge jetzt nach Europa mitgebracht. Den Vorwurf, dass Deutschland bzw. Österreich "zu viele Flüchtlinge auf einmal" aufgenommen hat, sehen alle Gesprächspartnerinnen als legitim. Kelek hat zudem den Eindruck, dass die Berichterstattung "tendenziös" sei: "Es werden immer nur Frauen und Kinder gezeigt. Aber dass die Mehrheit die Gruppe der alleinstehenden jungen Männer unter 30 sind, wird unter den Teppich gekehrt. Darüber muss man reden dürfen! Dann könnte man kommunal auch ganz anders reagieren. Etwa Ausbildungsplätze schaffen."

Schröter sieht darin ebenfalls eine große Herausforderung: "Der Großteil der Flüchtlinge sind Männer. Viele davon alleinstehend. Die numerische Aufteilung zwischen Männern und Frauen in der Gesellschaft ist nicht mehr in Balance." Das sei eine weitere Frustrationsquelle für diese jungen Männer. Eine Frau zu finden ist in Europa noch unwahrscheinlicher geworden.

(kurier) Erstellt am
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