Griechenland: Zurück nach No-Go

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Foto: APA/AFP/SAKIS MITROLIDIS Für Flüchtlinge in Griechenland gibt es weder ein vor, noch ein zurück.

Das Land weiß nicht wohin mit den tausenden Flüchtlingen.

[Eine Reportage von Gerald Drißner]

Da schleift, bohrt und sägt jemand, das hört man durch die blauen Abdeckplanen, die das mehrstöckige, ehrwürdige Gebäude in der Athener Acharnon-Straße verhüllen. Für drei Millionen Euro soll es hübsch gemacht werden, mit Geld aus Brüssel, so steht es auf der Bautafel. Europa tut viel, damit das alte Europa erhalten bleibt. Gegenüber ist ebenfalls eine Baustelle. Das Restaurant „Kabul“, das afghanisch-pakistanische Spezialitäten anbietet, wird umgebaut. An der Tür kleben roten Buchstaben, die den Schriftzug „Welcome“ ergeben, ein Wort, das unfreiwillig an den Spätsommer des vergangenen Jahres erinnert, als Flüchtlinge von den Regierungen der reichen EU-Länder willkommen geheißen wurden.

Bild der Verzweiflung

Keine hundert Meter entfernt ist der Viktoria-Platz. Vor wenigen Tagen harrten dort noch hunderte Menschen aus, die nun fast alle verschwunden sind. Der Name des Platzes ging damals um die Welt, belagert von internationalen Journalisten drohten zwei Männer, sich aufzuhängen. Es war das Bild der Verzweiflung. Familien saßen unter Bäumen, auf denen sie Schilder angebracht hatten: „Öffnet die Grenze!“ Die Grünflächen, die belagert wurden, sind mittlerweile frisch bepflanzt, abends verjagen Polizisten jeden, der hier übernachten will. Obgleich die Beamten wissen, dass es in ganz Athen keinen Platz für die Menschen gibt. Reportage aus Griechenland Foto: Gerald Drissner Wahid ist der Mann in der Mitte.

„Mein Name ist Wahid“ schreibt ein junger Mann auf Englisch in meinen Block. Der Mann will reden. „Jedes Land behauptet plötzlich, dass Afghanistan kein Sicherheitsproblem hat“, sagt er aufgeregt. „Das stimmt nicht“, wird er laut. „Wir hatten drei Jahrzehnte Krieg, und wir haben noch immer Krieg!“ Die Situation dort sei so: „Wenn du für die Taliban arbeitest, tötet dich die Regierung. Wenn du für die Regierung arbeitest, töten dich die Taliban.“ - „Und jetzt haben wir auch noch Daesh“, wirft ein Kumpel von ihm ein, die Fanatiker des Terror-Netzwerks „Islamischer Staat“ also; also gewissermaßen Pest, Cholera und Krebs zusammen.

"Glaubst du wirklich, das mein Land sicher ist?"

Wahids krakelige Schrift sieht nicht aus wie die eines 22-Jährigen. Er ist einer der wenigen Afghanen, der passables Englisch spricht und hat zwei Jahre Informatik studiert. Der junge Mann ist aus Kapisa, einer Provinz nordöstlich der Hauptstadt Kabul. Sucht man im Internet nach der Gegend, erfährt man, dass dort vor wenigen Tagen mehrere Taliban-Kämpfer bei einer Militäroperation exekutiert wurden. Was ständig passiert, wie vor drei Wochen etwa, als man bei den Toten Raketenwerfer, fünfzig Kilogramm Sprengstoff und Schnellfeuerwaffen fand. „Glaubst du also wirklich, dass mein Land sicher ist?“, fragt er mich ratlos.

Vor einem Jahr wäre es wohl Satire gewesen, hätte der deutsche Innenminister von „sicheren Gebieten“ in Afghanistan gesprochen, obwohl das Außenamt vor Reisen dorthin „dringend warnt“. Fraglich ist auch, was seine österreichische Amtskollegin meint, wenn sie von „sehr vielen innerstaatlichen Flucht-Möglichkeiten“ in Afghanistan spricht. Reportage aus Griechenland Foto: Gerald Drissner Sammelaktion am Syntagma-Platz

Für Amnesty International hingegen ist es bereits „realitätsfremd“, die Türkei als „sicheres Drittland“ zu bezeichnen, zumal viele syrische und irakische Flüchtlinge Kurden sind, die in der Türkei drangsaliert werden, dem Land also, das sich nun fürstlich dafür bezahlen lässt, damit die Europäer die Flüchtlinge aus den Augen verlieren.

"Lagerhalle für Menschen"

Vor Kurzem schrieb die amerikanische Nachrichtenagentur AP, dass Griechenland zur „Lagerhalle für Menschen“ werde. Dem maroden Land, einem Staat mit 6000 kleinen und großen Inseln und 14.000 Kilometern Küste, wird von Politikern einiger EU-Länder vorgeworfen, seine Ränder nicht ordentlich zu schützen. Im vergangenen Jahr erreichten 856.000 Menschen die griechische Küste. Die meisten von ihnen wollten dahin, wo man sie offiziell willkommen hieß: nach Deutschland.

Wahid hofft noch immer darauf, dass sich Angela Merkel am Ende durchsetzen wird. Wie soll er auch wissen, dass die deutsche Bundeskanzlerin längst mit zwei Sprachen spricht: Dass sie in die Kameras sagt, dass die Balkanroute nicht geschlossen werden soll und es keine Obergrenze für Flüchtlinge geben dürfe. Und dass sie in den Hinterzimmern Klartext spricht, gesteuert von Umfragen, die eine andere Stimmung in Deutschland widerspiegeln. Für Wahid gibt es momentan weder ein Weiter, noch ein Zurück. Die Balkonroute ist dicht.

Solange die Menschen nur durchreisten, kam Griechenland einigermaßen klar mit der Situation. Wochenlang wurden immer mal wieder Fähren von den Inseln nach Athen geschickt. Ohne einen Plan zu haben, was danach mit den Menschen passiert, denn sie wollten ohnehin nur schnell weiter.

Reportage aus Griechenland Foto: Gerald Drissner Viktoria-Platz Geschätzte 40.000 Flüchtlinge sind derzeit in Griechenland und wissen keinen Ausweg mehr. Ratlos ist auch die griechische Politik. In den lokalen Medien wird spekuliert, dass die Flüchtlinge bleiben werden, denn es gebe Anzeichen dafür, dass der Deal mit der Türkei, auf den die EU-Politiker hoffen, nicht rückwirkend gelte. Die Türkei nähme in dem Fall also nur Leute zurück, die es künftig nach Europa schaffen.

Zelte auf Gleisen

Die Polizei hat mit der Räumung sämtlicher Plätze im Stadtzentrum Athens begonnen. So auch mit dem Viktoria-Platz, dem größten Sammelpunkt. Die Regierung versprach, vierzehn Flüchtlingslager einzurichten, doch bis heute sind noch nicht einmal die Standorte klar. In Idomeni im Norden, an der mazedonischen Grenze, ließ der Regen viele Menschen auf die Bahngleise ausweichen, auf der Suche nach einem trockenen, aber gefährlichen Platz für das Zelt. Die Menschen suchen nach neuen Wegen, was die Nachbarländer nervös macht. Bulgarien beorderte bereits das Militär an die Grenze und will einen Zaun bauen. Ein Hilfstrupp aus Italien soll auf dem Weg nach Albanien sein, um die Grenzschützer zu entlasten.

"Wir Griechen wissen, was Krieg bedeutet"

Bislang war es so, dass Flüchtlinge, nur wenig rechtlichen Schutz bekamen. Eine Art Transit-Visum: Menschen aus Afghanistan und dem Irak konnten damit einen Monat im Land bleiben, danach waren sie Illegale; Syrer hatten ein halbes Jahr Zeit. Dass die Menschen nicht verhungern, ist jenen Griechen zu verdanken, die zu den Flüchtlingslagern gehen und Essen vorbeibringen. „Jemand, der in Genf geboren wurde und dort aufgewachsen ist, kann wahrscheinlich nicht verstehen, wie es den Flüchtlingen ergeht“, sagte mir neulich ein Mann am Hafen. „Wir Griechen wissen, was Krieg und Flucht bedeutet. Viele von uns wurden aus der Türkei und aus Ägypten vertrieben. Wir hatten hier eine Diktatur, wir waren arm, und wir sind es jetzt wieder.“

Reportage aus Griechenland Foto: Gerald Drissner Wahid weiß nicht, wo er die kommenden Nächte verbringen wird. Seit zwei Monaten ist er auf der Flucht. „Ich war vor ein paar Tagen an der mazedonischen Grenze, dort waren 12.000 Menschen. Ich musste drei Stunden für ein Sandwich anstehen.“Deshalb fuhr er wieder nach Athen zurück, zum Viktoria-Platz, wo ihn Polizisten vertrieben und in den Süden der Stadt schickten, in das Cmap Elliniko.

Elliniko: Flüchtlinge statt Jobs und Wachstum

Mit der Straßenbahn ist es eine gut einstündige Fahrt vom Zentrum Athens zum Stadtrand. Da, wo das Meer beginnt. Wenige hundert Meter nach der „Bikini Beach Bar“, die noch ihren Winterschlaf hält, entlang einer sechsspurigen Schnellstraße, beginnt das Areal des ehemaligen Flughafens der Stadt. Auf dem Eingang prangt die Zahl 2001 und erinnert damit an das Jahr, als der Flughafen seinen Dienst einstellte. Schilder, Bushaltestellen, Gangways und Werbesujets sind noch immer da, als hätte man damals einfach alles stehen und liegen gelassen, wie nach einer Katastrophe. Ein Teil wurde unter Denkmalschutz gestellt, einige Hangars später zu Olympiastätten umgebaut. Der Bürgermeister hat keine Freude mit dem Camp, wie er einem Nachrichtenportal sagte: „In Elliniko erwarten die Griechen Baustellen zu sehen, Bulldozer, neue Jobs, Wachstum, Leben und Kultur.“

Vor dem Haupteingang spielen Kinder mit einer Werbeskulptur der ehemaligen Fluggesellschaft „Olympic Airways“. Auf dem Boden sitzt eine Gruppe junger Menschen, die eine Flasche „Sinecod“ Hustensirup herumreicht, aus der jeder einen großen Schluck nimmt, in der Hoffnung, dass der Husten damit weggeht. Plötzlich fährt ein alter Audi vor, ein griechischer Rentner steigt aus und hat zwei Tüten in der Hand. Die Menschen stürmen auf ihn zu, reißen ihm die Tüten aus der Hand, der Mann steigt verstört in seinen Wagen und fährt weg. Ein älterer Grieche steht hinter einem Gitter und ruft auf Englisch „Line! Line!“ und will den Menschen damit sagen, das sie sich in die Schlange stellen sollen. Er verteilt Plastikfläschchen mit Shampoo und Babyöl, es reicht nur für jeden Zweiten.

Flughafen als Unterkunft

Reportage aus Griechenland Foto: Gerald Drissner Es ist Freitagnachmittag, und weit und breit sind keine offiziellen Helfer der UN oder des Roten Kreuz zu sehen, auch keine Wachleute, keine Psychologen, keine Ärzte. Freiwillige kommen täglich vorbei und bereiten aus den gespendeten Waren Essenspakete vor, die dreimal täglich verteilt werden. Die Schilder an der Decke haben noch Strom und weisen den Weg zu „Departure gates“, „Duty Free“ und zur Passkontrolle, eingeteilt in „EU Nationals“ und andere. Zwei afghanische Männer wischen das Treppenhaus. Die Flüchtlinge putzen ihre Unterkunft selbst, eingeteilt werden sie von den freiwilligen Helfern. In der ehemaligen Abflughalle schert jemand mit einem Bartschneider Männern die Haare. Die gut viertausend Menschen hausen auf engstem Raum in bunten Zelten und laufen zum Meer, um sich zu waschen. Es gibt keine Fluchtwege, falls ein Feuer oder eine Massenpanik ausbricht. Die meisten Zelte hat die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ gestellt. Eine Sprecherin sagte, dass sie in Griechenland mit vierhundert Mitarbeitern im Einsatz seien. Sie würden hier das tun, was sie sonst eigentlich nicht machen: Zelte und Essen verteilen, Duschen und Toiletten installieren, denn sonst würde das niemand machen.

Als Wahid vor ein paar Tagen abends einen Platz im Camp in Elliniko wollte, weil er vom Viktoria-Platz vertrieben wurde, hielt ihn ein Polizist vor dem Eingang auf und verwehrte ihm den Zutritt. „Aber ich habe seit drei Tagen nicht geschlafen“, flehte Wahid ihn an. „Das ist nicht mein Problem!“, antwortete der Polizist in gebrochenem Englisch. „Das Camp ist voll! „Geh' nach Hause!“

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