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Demonstration der Entschlossenheit: Die Armee fuhr am Freitag am Rande des Tahrir-Platzes mit Panzern auf.
Demonstration der Entschlossenheit: Die Armee fuhr am Freitag am Rande des Tahrir-Platzes mit Panzern auf. - Foto: AP/Hassan Ammar

Letztes Update am 16.08.2013, 20:23

Reisewarnung für ganz Ägypten. Muslimbrüder riefen zum „Freitag der Wut“. Außenamt erließ zwei Tage nach dem Massaker im Land eine Reisewarnung für künftige Reisen. Rückholung von Urlaubern für den Notfall wird geplant.

Am zweiten Tag nach dem gewaltsamen Vorgehen der Armee gegen Muslimbrüder mit mehr als 600 Toten und Ausschreitungen im ganzen Land hat auch das  Außenministerium in Wien eine offizielle Reisewarnung für Ägypten erlassen. Schon zuvor hatten einzelne Reiseveranstalter wie TUI-Deutschland alle Reisen  in das nordafrikanische Land bis Mitte September abgesagt.
Während jedoch skandinavische Reiseveranstalter bereits begonnen haben, aufgrund von Reisewarnungen ihre Urlauber aus allen Landesteilen zurückholen,  blieb das Außenamt bei einer Reisewarnung pro futuro:  „Sie gilt für alle neuen Reiseantritte. Unverändert ist: Wer schon in Ägypten ist, kann bleiben und wird aufgefordert, umsichtig zu sein, den Anweisungen des Hotelpersonals zu folgen und sich regelmäßig auf der Homepage des Außenministeriums zu informieren“, sagte Alexander Schallenberg, Sprecher von Außenminister Spindelegger, dem KURIER. Denn die Lage in den Touristenregionen sei derzeit „ruhig“.

Informieren Sie sich über ihre Storno-Rechte: Fragen und Antworten finden Sie hier.

Nachlese: Der KURIER berichtete in Echtzeit von den Unruhen am Freitag.

Für Notfall geplant

Dennoch wird im Hintergrund für den Notfall – Ausfliegen der derzeit rund 5000 österreichischen  Urlauber aus Ägypten – geplant. Ein Krisenstab tagt permanent, ein  Team des Außen- und Innenministeriums ist in die Touristenregionen Sharm el Sheik und Hurghada aufgebrochen, um die Lage zu sondieren. Im  Fall des Falles würde das Außenamt wieder, wie schon  2011, eine Herkules-Transportmaschine und Flugzeuge der Reiseveranstalter einsetzen, um die Urlauber zurückzuholen. Die Reiseveranstalter  seien  für diesen Fall   „jederzeit bereit, die Urlauber zurückzuholen“, versichert Josef Peterleithner,  Präsident des Österreichischen Reiseverbandes. Wie schnell das dann geht, wollte  niemand sagen.

Blutiger Aufruhr in Ägypten

Im Falle einer Reisewarnung ohne Einschränkung auf künftige Reiseantritte hätte diese Rückholung sofort erfolgen müssen.
Auch die Schweiz und Deutschland rieten gestern von Reisen nach Ägypten ab,  Deutschland erließ aber keine „Reisewarnung“. Der Unterschied:  Eine Reisewarnung bedeutet auch, dass Urlaube automatisch kostenfrei storniert werden können, in der Realität ist  das aber auch vorher der Fall. Wenn zwischen Buchung und Reiseantritt ein Ereignis eintritt, wie etwa die in Ägypten erfolgte Verhängung des Ausnahmezustandes für das ganze Land, gibt es laut Außenamt Judikatur, die eine kostenfreie Stornierung ermöglicht.  Bisher boten Reiseveranstalter Umbuchungen auf „Kulanz“.

5000 Österreicher

Derzeit befinden sich rund 5000 österreichische Touristen in Ägypten.  75 Prozent davon urlauben in Hurghada, 20 Prozent in Sharm el Sheikh und fünf Prozent in Marsa Alam. „Es gibt hier keine Sicherheitsprobleme und auch keine Unruhen oder Demonstrationen. Geschäfte und Restaurants haben normal geöffnet. Es gibt auch keinerlei Einschränkungen in den Hotels“, berichtet Gulet-Reiseleiterin Sabine Rakusa aus Hurghada.
Am Freitag kamen Österreicher aus Kairo in Wien-Schwechat an. Ulrike Maller, die seit 30 Jahren dort am Stadtrand  lebt, ist „froh, dass die  Muslimbrüder gestürzt sind“. Sie seien „kriminell, eine terroristische Organisation“. Jassir Elzoghbi, der in Österreich lebt, kam vom Heimaturlaub zurück: „Die Leute haben Angst, man weiß nicht, was weiter passiert.“


AUA

Kostenloses Stornieren und Umbuchen

Auch nach der umfassenden Reisewarnung des Außenministeriums fliegt die AUA weiter nach Kairo. "Die An- und Abreisen von und über internationale Flughäfen in Ägypten sind von dieser Warnung nicht betroffen", heißt es in einer neuen Stellungnahme der Airline von Freitagabend. Eine Umbuchungs-bzw. Stornomöglichkeit gibt es unter www.austrian.com.

Tickets für Austrian-Linienflüge, die am oder vor dem 16. August bis einschließlich 30. September für Flüge nach Ägypten ausgestellt wurden, "können einmalig kostenlos umgebucht oder storniert werden. Bei Umbuchung muss der neue Abflug spätestens am 3. November 2013 erfolgen", teilte die AUA Freitagabend mit.

Für "myHoliday"-Passagiere der AUA von bzw. nach Hurghada oder Sharm el-Sheikh gibt es ebenso kostenlose Umbuchungs- bzw. Stornomöglichkeiten. Dafür solle man sich an das Call Center der AUA wenden. Dieses ist unter +43 (0) 820 320 321 kostenpflichtig zu erreichen.

Die Lage an Ort und Stelle werde genau beobachtet, man stehe in ständigem Kontakt mit zuständigen Behörden, hieß es vonseiten der AUA.


Q&A

Chaos, Bürgerkrieg – wohin steuert Ägypten?

Ägypten-Experte Günter Meyer rechnet mit einer weiteren Eskalation der Gewalt.

Steht Ägypten vor einem Bürgerkrieg?

Auch nach der jüngsten gewaltsamen Räumung der Protestcamps der Muslimbrüder mit Hunderten Toten steht die Bevölkerung Ägyptens mehrheitlich hinter Armee und Polizei – und gegen die Muslimbrüder. Aufgrund dieses Kräfteverhältnisses schätzt Ägypten-Experte Günter Meyer,Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Uni Mainz, die Gefahr eines Bürgerkrieges im Land für gering ein. Doch er geht davon aus: „Mit einer weiteren Eskalation der Gewalt ist zu rechnen.“

Wird es zu einer viele Opfer kostenden Kraftprobe zwischen Militär und Muslimbrüdern kommen?

„Mit sehr vielen weiteren Opfern ist in den kommenden Tagen und Wochen zu rechnen“, befürchtet Experte Meyer. „Der harte Kern der Muslimbrüder wird auf 500.000 bis eine Million Menschen geschätzt, sie sind hervorragend kadermäßig organisiert.“ Angesichts der kräftemäßig um ein Vielfaches überlegenen staatlichen Sicherheitskräfte „werden die Muslimbrüder aber langfristig die Verlierer sein“. Ruhige Zeiten seien damit aber nicht in Sicht: „Es besteht die Gefahr, dass die radikalen Gruppen der Muslimbrüder in den Untergrund gehen und von dort Terroranschläge und Attacken gegen die staatlichen Institutionen unternehmen werden.“

Können USA und EU Einfluss auf Ägyptens Militär nehmen?

Von ihren früheren Einflussmöglichkeiten sind sogar die USA weit entfernt, im Gegenteil, der Anti-Amerikanismus in Ägypten nimmt zu. Dass Dänemark und die Niederlande ihre Hilfsprogramme für Ägypten eingefroren haben, hält Experte Meyer für „irrelevant“. Selbst ein – noch gar nicht im Raum stehender – Stopp der jährlichen US-Militärhilfe in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar würde Kairo kaum schmerzen. Allein das mit den Militärs verbündete Saudi-Arabien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate haben in den vergangenen Wochen 12 Mrd. Dollar an Krediten zur Verfügung gestellt. „Die USA und der Westen insgesamt sitzen zwischen allen Stühlen“, sagt Experte Meyer: „Zuerst hat man die Muslimbrüder unterstützt und nun stellt man Forderungen an das Militär. Die starken nationalistischen Kräfte im Land sehen das als unzulässige Einmischung von außen.“

Wie geht es weiter?

Die Rebellion der Muslimbrüder dürfte in den nächsten Wochen und Monaten gewaltsam niedergeschlagen werden. Ob es danach möglich sein wird, den vom Militär und der Übergangsregierung vorgesehenen Fahrplan für die Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen einzuhalten, wird davon abhängen, wieweit Anhänger und Gegner der Muslimbrüder bereit sind, sich von ihren extremen Positionen aufeinander zuzubewegen.

(KURIER) Erstellt am 16.08.2013, 18:55


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