Rechter Ball: Kritik an Polizei von allen Seiten
Tausende demonstrierten Freitagabend gegen den WKR-Ball in der Wiener Hofburg. Zahlreiche Gäste wurden dabei am Zugang gehindert.
Letztes Update am 29.01.2012, 10:00
Sitzblockade in der Herrengasse: Demonstranten verhinderten die Zufahrt zweier Reisebusse zur Hofburg, die Ballgäste mussten zu Fuß gehen
Freitagabend ging in Wien der umstrittene Ball des Wiener Korporationsringes (WKR) über die Bühne. Begleitet wurde das Ballgeschehen von Demos und einer Kundgebung dagegen in der Innenstadt. An die 2500 Demonstranten waren laut Polizei, nach Angaben der Veranstalter bis zu 10.000, auf der Straße und vor der Bühne am Heldenplatz. Die Polizei stand mit einem Großaufgebot parat, um Ballbesuchern den sicheren Zugang in die Hofburg zu gewährleisten und Ausschreitungen zu unterbinden. Kritik an den Einsatzkräften übten am Samstag nicht nur die Demonstranten, sondern auch der Ballorganisator.
Das Vorsitzteam der Österreichischer Hochschülerschaft kritisierte etwa den Umgang mit den Demonstranten: "Die Polizei schlägt sich eindeutig auf die Seite der Burschenschafter. Dass ein erleichterter Zugang zur Hofburg wichtiger gewertet wird als ein legitimer Protest, ist empörend." SOS Mitmensch berichtete in einer Aussendung am Samstag davon, dass Aktivistinnen von einem Ballbesucher mit Pfefferspray attackiert worden seien. SOS Mitmensch zeigte sich über "das Nichteinschreiten" der Polizei "befremdet".
Auch Ballorganisator Udo Guggenbichler kritisierte die Einsatzkräfte und sprach von einem "demokratiepolitschen Skandal", denn die Polizei habe eine gesicherte Zufahrt der Ballgäste zur Hofburg nicht gewährleisten können. Die von der Exekutive vorgeschlagenen Routen seien nicht genügend abgesichert gewesen, Taxis seien "eingekesselt" worden. "Das ist ein vollkommenes Versagen der Polizeiführung, die anscheinend das Aggressionspotenzial unterschätzt hat", so Guggenbichler. Dessen ungeachtet sei der Ball selbst "ein wunderbares Fest für Freiheit und Demokratie" gewesen.
Protest
"Smash-WKR", "Burschis platzen lassen" oder "gegen faschistischen Terror" stand auf Transparenten der Demonstranten vor der Hofburg. Ein breites Spektrum linker Gruppen sowie Hochschülerschaft und Grüne, bis hin zur israelitischen Kultusgemeinde hatte gegen den Ball der Burschenschafter mobilisiert. "Es ist ein Affront, dass am Gedenktag für Ausschwitz verurteilte und nicht verurteilte Holocaustleugner in der Hofburg abfeiern", drückte Aktivist Mo die Meinung vieler aus.
Gegen 21 Uhr kam es rund um die Hofburg zu Konflikten zwischen einigen Gruppen von Demonstranten und Ballbesuchern, die am Zugang gehindert wurden. Diese wurden teils beschimpft, bespuckt, mit Fußtritten bedacht und mussten von Polizeieskorten begleitet werden. Neun Personen wurden verletzt, zwei Reisebussen wurde mittels Sitzblockaden die Zufahrt verwehrt.
Die Polizeibeamten nahmen in der Innenstadt insgesamt 20 Personen fest. Neun Demonstranten wurden wegen gerichtlich strafbarer Handlungen wie Körperverletzung, Gefährdung durch Sprengmitteln oder Widerstand gegen die Staatsgewalt und weitere elf wegen verwaltungsrechtlicher Tatbestände festgenommen. Im ersten Bezirk wurde ein Deutscher mit einem Sprengsatz in Dosenform aufgegriffen. Der Sprengsatz werde untersucht, so die Polizei.
Eine "Attacke" gab es schon am Nachmittag: die Hackergruppe "Anonymous" kaperte die Homepage des Korporationsringes. Dort war ein blaues Pony und das Sowjetwappen zu sehen, untermalt von der Russischen Hymne.
Einige Hundert Menschen, darunter Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Kirchenrepräsentanten und Parteiprominenz von SPÖ und Grünen, haben am Freitag am Wiener Heldenplatz den internationalen Holocaust-Gedenketag begangen.
Nur wenige Meter von der Hofburg entfernt, wo sich am Abend schlagende Burschenschafter zum umstrittenen Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) treffen wollten, legten sie einen Kranz nieder und formten aus Blumen den Schriftzug "Erinnern und Zeichen setzen!".
Gedacht wurde der sechs Millionen ermordeten Juden sowie der Sinti und Roma, Homosexuellen, politisch Verfolgten und Behinderten, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer gefallen sind.
"Ihr, die ihr heute hier tanzen und feiern werdet, wir erinnern euch an die Ermordung von zwei Dritteln des europäischen Judentums", sagte der Holocaust-Überlebende Rudolf Gelbard in seiner Rede.
Ariel Muzicant, Präsident der Wiener IKG, warnte vor der Gefahr der "Wurschtigkeit" in der Bevölkerung. Die Menschen seien bereit, eine Partei zu wählen, in der all das verherrlicht werde, was die schrecklichen Verbrechen des Nationalsozialismus ausgelöst habe, sagte er, ohne die FPÖ direkt zu nennen. "Es sind nicht die blöden Buben, die irgendwelche Hakenkreuze schmieren, die mich ängstigen, es sind diese Schreibtischtäter."
Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) erinnerte an die Symbolik des Gedenkens an jenem Ort, an dem die Menschen 1938 Adolf Hitler zugejubelt hatten. "Wir sind nicht das andere Österreich, wir sind Österreich", rief sie den Teilnehmern der Veranstaltung zu.
Grünen-Chefin Eva Glawischnig sprach von abgrundtiefen Bösartigkeit der NS-Verbrechen und der Verpflichtung, diese niemals zu vergessen. "Umso perfider ist es, dass auf diesen Gräbern von Auschwitz heute getanzt wird."
Einmal mehr verlangte sie den Rücktritt des dritten Nationalratspräsidenten und Burschenschafters Martin Graf (FPÖ).
Für die Kirchen gebe es "keine Schlussstrichmentalität", sagte der evangelische Bischof Michael Bünker.
Er rief zur Wachsamkeit gegenüber Rassismus, Antisemitismus und rechtsextremem Gedankengut auf und bezeichnete es als ungeheuerliche Geschmacklosigkeit und Verhöhnung der Opfer, dass der WKR-Ball am heutigen Tag stattfinden könne.
Dass auch die Kirche und viele Katholiken "in den bitteren Entscheidungsjahren des 20. Jahrhunderts" teilweise versagt und Schuld auf sich geladen hätten, erklärte die Präsidentin der Katholischen Aktion (KA), Luitgard Derschmidt.
Neben viel FPÖ-Prominenz begrüßte man am Ball, der etwas verspätet begann, auch ausländischer Gäste, darunter Mitglieder europäischer Rechtsparteien. Der Ball fand heuer zum letzten Mal in der Hofburg statt. Die FPÖ will sich den Rauswurf durch die Betreibergesellschaft nicht gefallen lassen: "Es wird noch Gespräche geben", sagt Martin Graf, dritter Nationalratspräsident.
Trotz Verbots wurden vereinzelt Besucher in Bundesheer-Uniform gesichtet. Zumindest von einem Gast nahm die Polizei aus diesem Grund die persönlichen Daten auf, er muss nun mit Konsequenzen wie etwa einer Geldstrafe rechnen. Dass die Weisung des Ministers nicht durch die Militärstreife, sondern durch die Polizei exekutiert wurde, hielt dieser für einen Skandal: "Offenbar gibt es hier keine Gewaltentrennung."
Minister im Programmheft
Aufregung gab es auch um Wissenschaftsminister Töchterle. Dieser wurde im Programmheft als Mitglied des Ehrenkomitees angeführt. Das war er allerdings nur auf dem Papier, er war nicht anwesend. Die Ballorganisatoren sprachen davon im Besitz einer entsprechenden schriftlichen Erlaubnis zu sein. Wissenschaftsminister Töchterle hat sich allerdings inzwischen via Presseaussendung vom Beitritt zum "Akademischen Ehrenkomitee" distanziert. Der Minister habe die seitens der Veranstalter übermittelte Einladung zum Ball nicht angenommen und persönlich auch keine Erklärung unterschrieben, dem "Akademischen Ehrenkomitee" beizutreten, hieß es in der Erklärung.
Neben Töchterle waren außerdem noch der Präsident der Österreichischen Universitätskonferenz, Heinrich Schmidinger, sowie der Rektor der Montanuniversität Leoben, Wilfried Eichlseder, im Programmheft angeführt.
Auch Heinrich Schmidinger hat sich zu der Causa bereits zu Wort gemeldet. Er kann sich nicht erklären, warum sein Name im Programmheft des WKR-Balls aufscheint. "Ich distanziere mich davon und kann mir das nicht erklären", meinte er am Samstagvormittag. "Ich lehne die Gesinnung der Ballveranstalter zutiefst ab. Ich habe das immer verurteilt", so Schmidinger.
Alter Herr
ist ein Verbindungsmitglied, das sein Studium abgeschlossen hat. Die Alten Herren unterstützen die Mitglieder finanziell.
Bursche
ist ein vollberechtigtes Mitglied einer Verbindung.
Corps
sind die ältesten Verbindungen. Sie gingen aus den studentischen Landsmannschaften des 17. und 18. Jahrhunderts hervor.
Couleur
Die Farben einer Verbindung, die als Zeichen der Zusammengehörigkeit am Couleurband getragen werden
Fux
ist ein Student während der ersten beiden Semester. Ein Fux steht in der Verbindungshierarchie ganz unten und ist Mitglied auf Probe.
Kneipe
Gesellige Trinkveranstaltung von Verbindungsstudenten, bei denen auch Alte Herren eingeladen sind.
Kommers
Festakt zu bestimmten Anlässen und mit streng geregeltem Ablauf.
Mensur
Traditioneller, streng reglementierter Fechtkampf zwischen zwei männlichen Mitgliedern verschiedener Studentenverbindungen mit scharfen Waffen.
Schlagende Verbindung
Verbindung, die Mensuren abhält
Schmiss
Gesichtsnarbe, die von einer beim Mensuren-Schlagen verursachten Verletzung herrührt.
Wichs
Festkleidung der Verbindungsstudenten. Kommt beim Kommers, bei Umzügen und Festen - wie etwa dem WKR-Ball - zum Einsatz.
Zipfel
Von den Besitzern zur Vermeidung von Verwechslungen an die Bierkrüge gehängte Stoffstücke.
Letztes Update am 29.01.2012, 10:00
Artikel vom 28.01.2012 07:16 | KURIER, apa | | « zurück zu Wien





