Burning Gears 2010
Burning Gears 2010
Burning Gears 2010

Sonntag, 14. März 2010

» Registrieren / Anmelden

"Spurenvernichtung" im Flakturm

Die Stadt will in einem der Flaktürme im Arenbergpark ein Datencenter einrichten. Historiker fordern eine Gedenkstätte.

NS-Flaktürme im Arenbergpark NS-Flaktürme im Arenbergpark: Die Stadt will einen davon als Datencenter vermieten DruckenSendenLeserbrief
kommentieren Bookmark and Share
Ein Datencenter im Flakturm. Das klingt bekannt. Aus den Plänen, im Augarten ein Datencenter unterzubringen, ist nichts geworden. Zwar wurde einer der bundeseigenen Türme von der Firma DCV (Daten Center Vienna) gemietet, doch nicht genutzt.

Nun will die Stadt Wien, Eigentümerin der beiden Flaktürme im Landstraßer Arenbergpark, den ehemaligen Leitturm als Datencenter vermieten. Das geht aus einer Anfrage der Wiener Grünen an Vizebürgermeister Michael Ludwig hervor. Die Grünen wollen den Turm lieber als Gedenkstätte erhalten, da er im Inneren im Original erhalten ist. Der Größere der beiden denkmalgeschützten Türme ist seit Monaten Gegenstand einer Kontroverse zwischen Anrainern und MAK (Museum für angewandte Kunst), das ihn künstlerisch verwerten will. Er gilt als weniger historisch wertvoll als der kleinere Turm. Architekturkritiker Jan Tabor bezeichnete die Pläne der Stadt als "bewusste Spurenvernichtung."

Zeitdokumente

Denn im Inneren des ehemaligen Leitturms befinden sich, laut Heidemarie Uhl von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einzigartig in Europa, Inschriften, die noch im Originalzustand erhalten sind und als Zeitdokumente große Bedeutung haben. Die Historikerin Ute Bauer untermauert in einer Studie den hohen dokumentarischen Stellenwert dieser Inschriften, die durch bauliche Adaptionen für ein Datenzentrum gefährdet wären.

Die Studie zeigt viele bisher weitgehend unbekannt Aspekte: Der Luftschutz der Flaktürme sei nur Nebenaspekt gewesen. "Vor allem waren die Flaktürme Propagandabauten."

Tatsächlich wurden im Arenbergpark nur drei von neun Geschoßen zum Luftschutz genutzt. Gebaut wurden die Türme von französischen, italienischen und russischen Zwangsarbeiten, die Spuren hinterlassen haben. "Milano e poi morire" ("Mailand und dann sterben") hat ein italienischer Zwangsarbeiter hier an die Wand gekritzelt. Ob er seine Heimat Mailand je wiedergesehen hat, ist nicht dokumentiert.

Interessantes Detail: Während eine Rathausabteilung (Gebäudemanagement) den Turm wirtschaftlich verwerten will, lässt eine andere Geld für die historische Erforschung springen: Das städtische Kulturamt hat die Flakturmstudie gefördert.



Fünf Flaktürme unter Denkmalschutz
Fünf von sechs Wiener Flaktürmen, die das nationalsozialistische Regime in den Jahren 1942 bis 1945 vorrangig zur Luftabwehr und als Luftschutzbunker errichten ließ, sind denkmalgeschützt. Im sechsten, im Esterhazy-Park, ist bereits 1958 das Haus des Meeres eingezogen. Die anderen stehen im Augarten, im Arenbergpark und in der Stiftskaserne. Ein Abbruch gilt aufgrund der dicken Mauern als unmöglich. Über Nutzungskonzepte wird seit Jahren gestritten. Laut einer Studie der Stadt (2002) sollen sie ihren Charakter als Mahnmale behalten. Änderungen des äußeren Erscheinungsbildes sind unerwünscht.

BUCHTIPP: Ute Bauer: Die Wiener Flaktürme im Spiegel österreichischer Erinnerungskultur. Phoibos, 29€.

Artikel vom 09.02.2010 15:46 | KURIER | Barbara Mader


kommentieren

Kommentare werden geladen...