Schnellste Verfahrensdauer: Seit sechs Jahren in Folge führt das Bezirksgericht Stockerau bei dem internen Ranking. Knapp zweieinhalb Monate, heißt das ministerielle Maß aller Gerichts(dinge). Nur Scheibbs ist annähernd so effizient wie das Stockerauer Gerichtsteam. Dennoch schwebt seit Wochen das Damoklesschwert der Schließung und Verlagerung des Bezirksgerichtes ins neue Justizzentrum nach Korneuburg über dem kleinen grauen Haus. „Wir sind seit sechs Jahren das effizienteste Gericht und das wollen sie schließen“, sagt Gerichtsvorsteher Karl Griebler.
Zwei Schließungswellen hat der „Herr Rat“ schon er- und überlebt. Gründe für den Weiterbestand gibt es viele. Man sieht sich als Nahversorger. „Ein Geschäftsmann schickt einen Anwalt“, sagt Griebler. Doch die meisten Kunden oder Klienten aus den Ortschaften rundherum sind älter, haben meist kein Auto und auch nicht das Geld, um zu einem Rechtsanwalt zu gehen. Also stehen sie am Dienstag, dem Amtstag vor den beiden Richterbüros Schlange, wenn in der Familie oder zu Hause der Hut brennt.
So war es auch am Dienstag. Trotz Semesterferien und Schneefalls kamen etliche Bewohner, um unentgeltlich juristischen Rat einzuholen. Eine Frau erkundigte sich, wie sie sich von ihrem alkoholkranken Mann scheiden lassen kann und wie viel Alimente ihr zustehen. Ein geschiedenes Ehepaar regelte mit dem Richter nach einer langen Streitphase in der Sprechstunde die Obsorge für den gemeinsamen Sohn. „Das sind die schönen Seiten und Erlebnisse des Amtstages, wenn es zu einer friedlichen Lösung kommt“, sagt Griebler. Diese Nahversorgung sieht Griebler künftig in Gefahr. Verhandlungen gibt es genug. Von Scheidungen und Familienrechtssachen bis hin zu Erbschafts- und Geldstreitigkeiten reicht die tägliche Verfahrenspalette.
Bürgermeister Helmut Laab nimmt die kolportierten Verlagerungsgerüchte sehr ernst. Er will das Bezirksgericht unbedingt in der Stadt halten und hat die anderen acht Bürgermeister im Sprengel brieflich um „Schützenhilfe“ (Protestresolution) gebeten. „Wenn hier investiert wurde und das Gericht jetzt abwandert, ist das eine Vergeudung von Volksvermögen“, sagt er.