Burning Gears 2010
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Donnerstag, 18. März 2010

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Wiener Konzerthaus bebte

Superkonzert als musikalische Brücke zwischen europäischer Klassik und asiatisch-kurdischen Liedern/plus Kommentar einer jungen Besucherin

Sivan Perwer-1.jpg DruckenSendenLeserbrief
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So poetisch kann Politik, können Lieder mit harten Wahrheiten sein. Melodiös, rhythmisch, manchmal sanft, zart, fast nur geflüstert, dann wieder kraftvoll und wuchtig und doch immer extrem musikalisch. Und das obwohl in der Verbindung zweier verschieden strukturierter Rhythmen nie zwanghaft vereint oder gar gegensätzlich - das war ein bislang einmaliges Experiment. Hoffentlich mit Wiederholung(en).
Şivan Perwer, der kurdische Kulturbotschaft in der Welt - und, obwohl angewiesen, im Exil zu leben, auch in seiner (engen und weiten) Heimat - sang seine Lieder Samstag Abend in einem fast dreistündigen Konzert im Wiener Konzerthaus. In einem völlig neuen Zusammenhang. Er uns sein kurdisch-orientalisches Ensemble waren Teil eines großen ganzen musiklaischen Klangkörpers aus Instrumenten und Stimmen: WienKlang, W.U.-Chor, Kammerton-Chor. Aus Perwers Liedern schuf der in Linz beheimatete kurdische Komponist Dalshad Said neue musikalische Werke für das große Orchester. Die eigenen Rhythmen kurdischer Musik (Makham) mit Vierteltönen, 9/8, 7/8 und 10/16-Takten verband er genial mit europäischer Konzertklassik. Die "Übersetzung" war manchmal deutlich hervorgehoben, dann wieder fast übergangslos verschmolzen. Bei einigen Liedern trat der Komponist auch selbst auf, um seine Virtuosität auf der Violine zu Gehör zu bringen. Nicht nur ein Ohren-, sondern auch ein Augenschmaus - verzückte Said doch auch durch "verspieltes" Spiel auf der Geige, die den Funken, dass er wahrhafte Spielfreude an den Abend legte, in der Sekunde auf das Publikum überspringen ließ.

Berührend

Sivan Perwer-2.jpg Sichtlich berührt und anfangs fast ein wenig verloren wirkte auf der Bühne vor dem großen Orchester und Chor Willi Resetartis, der vor sieben Jahren zum ersten Mal gemeinsam mit Şivan Perwer auf der Bühne des Burgtheaters gesungen und musiziert hatte. Dalshad Said hatte "Ostbahn-Kurdis" (Ehrentitel, den Bundespräsident Heinz Fischer in Anklang an den O-Kurti kreiiert hatte) "Wann die Musik vor bei ist" für den großen Klangkörper komponiert. Leise, sanft und sacht stieg Resetarits ein und sang seinen Text - von Perwer als Refrain-Verdopplung unterstützt.
Natürlich war fast klar, dass das Publikum danach noch lautstark nach einer Zugae verlangen würde. Und die äußerte das Auditorium auch kräftig mit dem Anstimmen von Perwers Klassiker: "Cana, cana…" (Cana min - Meine Liebe). Und so wandte sich der junge Dirigent Azis Sadiković immer wieder zwischen Orchester/Chor und der ZuhörerInnenschaft, die eben je nach Einsatz auch zum noch größeren Chor wurde, um ein Gesamt-Konzerthaus-Lied zu choreografieren.


Brückenschlag erfolgt

sivan Insgesamt wurde "Klassisch kurdisch - kurdisch klassisch" wirklich zu dem was Said und Perwer angepeilt hatten: einer Kulturbrücke zwischen asiatischer und europäischer Musik, wie Şivan in einem Gespräch zwei Wochen vor dem Konzert erläuterte. Es wurde der Beginn einer Neuheit."
Sivan Perver - das ist der kurdische Musiker schlechthin. Anerkannt und beliebt von allen Kurden, ob aus der Türkei, dem Irak, Syrien, dem Iran... eine künstlerische Integrationsfigur für die rund 45 Millionen Kurdinnen und Kurden. Er selbst lebt - in der Welt - im Exil, in Bonn und Paris, davor jahrelang im schwedischen Uppsala, in England und in den USA.
Vom Untergrund...
Vor Jahrzehnten wurden Kassetten mit seiner Musik unter der Hand von Hand zu Hand weitergegeben und kopiert. Wie heute die iranische Opposition ihre Nachrichten via Twitter und Facebook verbreitet, so funktionierte in der Türkei, wo die kurdische Sprache absolut verboten war, dieser kulturelle Widerstand in der alten Technologie. Perwer besingt in seinen Lieder einfühlsam und stimm(ungs)gewaltig nicht nur allgemein Gefühle wie Liebe, Trauer usw., sondern auch Fassungslosigkeit und Wut über das Leid seines Volkes. Etwa in Halabdja (Giftgasangriff auf die vor allem von KurdInnen bewohnte Stadt im Irak).

Forderungen an anwesende PolitikerInnen

sivan 5.jpg Bundespräsident Heinz FischerDer politische Widerstand einerseits und die Bestrebungen der offiziellen Türkei, sich zur EU hin zu öffnen, bereiten den Boden auf, dass Şivan Perwer mittlerweile überhaupt nur mit dem Gedanken spielen kann, vielleicht in sein Geburtsland zurückkehren zu können. Und von der Bühne weg äußerte er mehrfach den Wunsch, ein solches Konzert auch einmal dort spielen zu können - in Richtung Ehrentribüne, wo neben Österreichs Präsident Heinz Fischer auch sein kurdischer Kollege Massoud Barzani, kurdische PolitikerInnen aus der Türkei, die mit Politik-Verbot belegt sind, aber auch Abgeordnete der regierenden AKP in der Türkei, sowie VertreterInnen aus dem Irak, Venezuela und der Dominikanischen Republik weilten.
Heinz Wagner

Übersetzung

Ob in der auf einer wahren historischen Begebenheit beruhenden Ballade "Derwêşê Evdî", die nationale Konflikte in eine art Romeo- und Julia-Geschichte - Derwêsch und Adûl - einbettet, in "Lo Mamo" (He, Onkel) wo auf kurdisch, englisch, türkisch und arabisch praktisch ein Leitartikel zur Zerteilung Kurdistans (Türkei, Irak, Syrien, Iran) vertont gesungen - und konzertiert - wird, im Klagelied "Ya Star"(Oh weh!) - stets sind diese politischen Lieder extrem poetisch. Wenngleich sie natürlich ganz anders klingen als die Liebes- und Sehnsuchtslieder - "Bila bê" (sie soll kommen) oder "çavreş" (Schwarzäugige) - so ist ihnen doch die Poesie gemeinsam. Und trotz Wehmut, Melancholie, die phasenweise auch Anklänge an den Balkan beinhaltet, auch immer ein Funken, Schuss oder mehr an Hoffnung ("Hêviya te")

Kommentar einer jungen Besucherin

sivan-4.jpg Am 30.01.2010.ging es im Konzerthaus zauberhaft zu. Es waren viele Menschen da, die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten Sivan Perwer live zu erleben.
Auch ich konnte und durfte mir dieses Erlebnis nicht entgehen lassen und war live vor Ort. Es fällt mir schwer, den richtigen Ausdruck für das Erlebte zu finden, denn es war einfach ein unvergessliches Erlebnis, etwas was mich schwer beeindruckt hat und es nicht so schnell vergessen werde.
Ein Konzert voller Emotionen, voller Leben, voller Leidenschaft.
Es war der Traum eines Mannes der an diesem Abend in Erfüllung ging. Ostbahn Kurti der eine kurze Rede hielt, beeindruckte mit seinen Worten. Sein Wunsch bezüglich einer friedlicheren und toleranten Welt ging an diesem Abend in Erfüllung. Alleine das Orchester war mit Menschen aus 25 verschiedenen Nationen besetzt. Zu sehen, was man alles erreichen kann, wenn man nur daran glaubt und seine Ziele nicht aus den Augen verliert, gab mir Hoffnung.
Es wurde gejubelt und getanzt. Viele sangen mit und andere klatschten vor Freude. Der Versuch mit einem Konzert Menschen Akzeptanz, Toleranz und Harmonie zu vermitteln, ist meiner Meinung voll und ganz gelungen.
Ich habe verstanden, dass es nicht um die Hautfarbe, die Nation, den Glauben und die Sprache geht. Es geht um das Zusammenleben, um den Frieden, um das Verständnis für einander. Hoffentlich habe nicht nur ich die Botschaft erhalten, sondern auch alle anderen Menschen im Saal, was Ostbahn Kurti, Sivan Perwer und alle anderen Künstler damit sagen wollten. Wir sind Eins!!
Valbona Culjak, 16

Artikel vom 04.02.2010 11:21 | KURIER | Heinz Wagner


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