Thursday, May 24, 2012

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Thema: Sparpaket

Die sieben Baustellen des Milliarden-Sparpakets

Kanzler und Vizekanzler ziehen jetzt wieder an einem Strang. Doch ein Drittel des Pakets ist vorerst nur Überschrift. Die Reaktionen von Experten und Opposition sind geteilt.

Letztes Update am 12.02.2012, 18:23


SPÖ-Kanzler Faymann und sein VP-Vize Spindelegger: Voll des Lobes vom jeweiligen Gegenüber

Es ist vollbracht. Nach langen, schwierigen Verhandlungen haben Rot und Schwarz nach einer Sondersitzung der Regierung Freitagabend das Sparpaket präsentiert. 26,5 Milliarden Euro ist das Paket schwer, mit dem der Staatshaushalt bis 2016 saniert werden soll. Wen das Sparpaket am heftigsten trifft, lesen Sie hier im Detail.

Regierungschef Werner Faymann sprach von einem sozial ausgewogenen Paket. Er verwies auf neue Einnahmen, etwa durch einen befristeten Solidarbeitrag der Top-Verdiener – die SPÖ hatte ja auf einen Beitrag der Reichen gedrängt. „Wir werden im Unterschied zu anderen Ländern nicht Massensteuern wie die Umsatzsteuer auf Lebensmittel anheben.“ Vizekanzler Michael Spindelegger befand: „Das Ergebnis kann sich sehen lassen.“ Er verwies darauf, dass der Großteil durch Einsparungen erzielt werde – die ÖVP hatte zu Beginn auf ein reines Sparprogramm gedrängt.

Die Vertreter der Landwirte wollen, wie Beamte und ÖGB, das Kleingedruckte im Sparprogramm noch begutachten. Und die Industriellenvereinigung beklagt, dass es neue Steuern geben wird. Auch die Opposition ist unzufrieden und vermisst echte Reformen. Die ersten Reaktionen zwischen Lob und Kritik.

Hülle ohne Fülle? Sieben offene Punkte

Doch auch wenn die Regierung jubelt - ein Drittel der beschlossenen Spar- und Steuermaßnahmen sind noch gar nicht gesichert. Sieben der zahlreichen Punkte im rot-schwarzen Paket basieren auf dem Prinzip Hoffnung oder sind nur Überschriften, die erst mit Leben erfüllt werden müssen. Bei allen sieben Punkten handelt es sich um vergleichsweise sehr große Brocken im Sparpaket. Es sind dies:

- die 1,5 Mrd. Euro Einnahmen aus der EU-weiten Finanztransaktionssteuer
- die 1,1 Mrd. Euro aus Schwarzgeldern in der Schweiz
- die 1,37 Mrd. aus der Gesundheitsreform
- die 1,2 Mrd. Euro Struktureffekt bei den Pensionen
- die 2,6 Mrd. Sparbeitrag der Länder und
- die 1 Mrd. Förderreform.

In Summe hat die Regierung diese Maßnahmen mit 8,8 Mrd. Euro im Sparpaket budgetiert. Das ist genau ein Drittel des Gesamtvolumens von 26,5 Mrd. Euro. Der wohl größte Unsicherheitsfaktor sind dabei die Einnahmen aus einer Finanztransaktionssteuer (FTT). Diese soll, so die Hoffnung der Regierung, ab 2014 jährlich 500 Mio. Euro bringen. Basis für diese Annahme ist eine entsprechende EU-Maßnahme, die allerdings noch lange nicht beschlossen ist.

Ebenfalls vorerst nur ein Wunsch sind die Einnahmen aus der Besteuerung von österreichischem Schwarzgeld in der Schweiz. Vorbild für die geplante Abgabe ist ein deutsch-schweizerisches Abkommen. Zwischen Österreich und den Eidgenossen müsste so ein Vertrag aber erst vereinbart werden.

Äußerst fraglich sind in Kenntnis der bisher gescheiterten Reformversuche auch die geplanten 1,37 Mrd. Euro an Ersparnis durch eine Gesundheitsreform. Die dafür notwendigen Maßnahmen sind mit den Ländern noch lange nicht fixiert.

In anderen Bereichen ist die Erreichung des Sparziels fraglich. So sind etwa durch die Streichung von Doppel- und Dreifachförderungen Einsparungen von 500 Mio. Euro ab 2015 geplant. Dafür soll aber erst mit Ländern und Gemeinden eine "Förderpyramide" vereinbart werden, Realität ist diese noch nicht. Noch fraglich ist auch der 2,6-Mrd.-Euro-Sparbeitrag der Länder. Wo diese sparen wollen und sollen, wird erst verhandelt. Abzuwarten gilt es auch, ob der geplanten Struktureffekt von 1,2 Mrd. Euro durch den Anstieg des Pensionsalters erreicht wird.

In Schwebe ist auch die geplante Verkleinerung von Nationalrat und Bundesrat ab der nächsten Legislaturperiode. Für den Bundesrat braucht die Koalition die Unterstützung zumindest einer Oppositionspartei. Denn die Zahl der Bundesräte ist in der Verfassung vorgegeben. Für die Reduktion der Nationalratsmandate von 183 auf 165 reicht zwar die einfache Mehrheit, es ist aber fraglich, ob die Regierung in so einer Frage einfach über die Opposition drüberfahren würde. Diese Maßnahmen sind im Sparpaket mit keinem bestimmten Sparbeitrag eingespeist.

Die im Paket enthaltenen Maßnahmen im Pensionsbereich weisen für Arbeits- und Sozialrechtler Wolfgang Mazal "in die richtige Richtung". Das Rehabilitationsgeld sei "sehr sinnvoll", bei der Invaliditätspension könnte sich Mazal auch mehr vorstellen, "sensationell" wäre es für ihn, wenn es gelingt, das Pensionskonto so schnell umzusetzen.

Auch Pensionsexperte Bernd Marin hält die Maßnahmen für einen "sehr ambitionierten Versuch". Er sei "positiv überrascht", für österreichische Verhältnisse könne man durchaus die Note "Gut" vergeben - im internationalen Vergleich bzw. für die langfristigen Konsolidierungserfordernisse allerdings "kaum ein Genügend".

Für Klaus Hübner, Präsident der Kammer der Wirtschaftstreuhänder, ist das Sparpaket "unangenehm, aber ausgewogen" und "akzeptabel", wenn die vorgesehenen Reformen in vollem Umfang durchgezogen würden. "Ein Verhältnis von 90 zu 10 zwischen ausgabenseitigen Maßnahmen und neuen Belastungen wäre mir lieber gewesen, aber 70 zu 30 ist immer noch viel besser als 50 zu 50."

Für Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek ist das Sparpaket ein Bündel versäumter Chancen. "Insgesamt ist das Paket zwar ausgewogen, aber auch ausgewogen seicht, weil es nicht in die Tiefe geht." Er kritisiert, dass sich der Faktor Arbeit weiter verteuert und große Strukturreformen zu Pensionen, Gesundheit und Verwaltung fehlen.

VP-Ministerin Johanna Mikl-Leitner reklamierte einen Kantersieg für ihre Partei: „Das ist ein klares sieben zu drei.“ – Ihre Parole: 70 Prozent des Volumens werden durch Einsparungen erzielt, 30 Prozent durch neue Steuern.

Auch im SPÖ-Vorstand wurde darüber diskutiert, ob arbeitslose Einkommen ausreichend besteuert sind. „Es ist ein Skandal, wie die ÖVP die 80.000 Millionäre verteidigt“, befand Oberösterreichs SPÖ-Chef Josef Ackerl. Ein anderer SPÖ-Grande sagte dem KURIER: „Das Sparpaket geht tendenziös in Richtung ÖVP-Politik.“ Zudem sei vieles „schwammig formuliert“.

Wirtschaftskammer-Boss Christoph Leitl (ÖVP) mahnt die Regierung: „Nach dem Kassieren kommt reformieren, weil sonst in wenigen Jahren das nächste Spar- und Steuerpaket droht.“

Der Obmann des SPÖ-Pensionistenverbandes, Karl Blecha, spricht von einem "Erfolg und Beitrag der Pensionisten, der wirklich vertretbar ist".

IHS-Chef Bernhard Felderer bewertet das Sparpaket als "nicht schlecht", sieht aber keine großen Strukturreformen. Die einzige Strukturreform finde sich im Pensionsbereich, und diese sei eine "Softreform". Positiv bewertet Felderer, dass unterschiedliche Einkommensgruppen ähnlich zur Kasse gebeten würden.

Andreas Khol, Blechas ÖVP-Pendant, sagt, das Sparpaket sei zwar schmerzlich, allerdings "ausgezeichnet balanciert" und gleichmäßig über alle leistungsfähigen Bürger verteilt.

Wifo-Chef Karl Aiginger vermisst beim Budget Strukturreformen. Zu gering fällt aus Aigingers Sicht auch der Beitrag der Länder aus: "Was die Länder an Sparzielen bekommen haben, liegt an der Untergrenze."

Grünen-Chefin Eva Glawischnig meinte, sei positiv, dass sich SPÖ und ÖVP überhaupt geeinigt haben und die Grünen seien auch bereit, sich im parlamentarischen Werdegang des Pakets konstruktiv einzubringen. Aber auch sie sah "eine vertane Chance für große Reformen". Für Glawischnig stellt sich vor allem "die Frage nach der sozialen Ausgewogenheit" der Maßnahmen.

FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl wirft der Regierung vor, sie "verstecke" das Sparpaket im Freitagabend, so handle nur, wer "etwas zu verbergen" habe. Klar ist für die FPÖ, dass die Regierung weitermachen werde wie bisher und das Geld an "Pleitestaaten verschleudert werde" anstatt "bei eigenen Privilegien" wie den Politikerpensionen zu sparen

BZÖ-Chef Klubobmann Josef Bucher sprach von einem "Schröpfungspaket" und einer "Mogelpackung". Das einzig Konkrete in dem Sparpaket seien die Steuern und Abgaben. Es würden die Menschen zur Kasse gebeten, am System werde nicht gespart, so Bucher.

Die Regierungsparteien haben mit dem Sparpaket einen kleinen Hupfer über ihren eigenen Schatten gewagt und Bereitschaft zu Einschnitten bei ihrer Stammklientel gezeigt. Koalitionsintern ist in den vergangenen Tagen aber wohl durchaus "einiges an Porzellan zerschlagen" worden, so die Einschätzung des Politik-Berater Thomas Hofer. "Das ganz einige Koalitionsduo ist es nicht", so sein Eindruck. Eindeutigen "Sieger" gebe es keinen im Match zwischen SPÖ und ÖVP.

Auch BZÖ-Bündniskoordinator Markus Fauland kritisiert das "Versteckspiel rund um das Sparpaket". Zudem kritisiert er, dass den Österreichern werde - nach den bisherigen "inoffiziellen Informationen" - mit dem Sparpaket die Rechnung für "das Griechenland-Abenteuer" der Regierung präsentiert. Fauland wünscht sich "echte Reformen statt neuer Steuern".

Für den stellvertretenden Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD), Richard Holzer (im Bild rechts) ist das Sparpaket "natürlich kein Anlass zum Jubeln", aber man habe zumindest erreicht, dass nicht in bestehende Rechte eingegriffen werde. Das Ziel, dass den Menschen nicht ins Geldbörsel gegriffen wird, habe man damit erreicht.

David Ellensohn, der Klubchef der Wiener Grünen, bezeichnet das Paket als "nach derzeitigen Informationen enttäuschend". Es bringe in erster Linie Lasten für die "normale" Bevölkerung.

Beamte

Um die Zustimmung der Beamtenvertreter wurde bis zuletzt gerungen. Sie verwahrten sich gegen einen Sparbeitrag von 2,7 Milliarden Euro und drohten via KURIER gar mit Streik, sollten die Koalitionäre ihre Pläne eigenmächtig umsetzen.

Freitag Vormittag kam die Erfolgsmeldung. Man habe sich „grundsätzlich“ mit der Regierung geeinigt, ließ der schwarze Beamtengewerkschaftsboss Fritz Neugebauer wissen. Er urlaubte, war telefonisch mit dem VP-Chef handelseins geworden. Die Beamten, so Neugebauer am Freitag in der ZiB2 , müssten nun nur 1,8 Milliarden statt der „unverhältnismäßigen 2,7 Milliarden“ beitragen. Ob die 1,8 Milliarden über eine Nulllohnrunde oder anders eingespart werden, wolle er nach Rückkehr aus dem Urlaub verhandeln.

Auch Neugebauers rote Stellvertreter, die vor Ort die Stellung hielten, sind besänftigt. „In bestehende Rechte wird nicht eingegriffen. So wird kein Biennalsprung (automatische Gehaltssteigerung alle zwei Jahre) gestrichen. Außerdem ist beim Sparpaket eine gesamtgesellschaftliche Balance vorhanden“, sagt der SP-Beamtengewerkschaftsvize Peter Korecky.

Ja mit Vorbehalt sagen auch die sozialdemokratischen Gewerkschafter. ÖGB-Vize-Chefin Sabine Oberhauser zum KURIER: „Der Weg, den die Regierung eingeschlagen hat, wird von uns mitbeschritten.“ Endgültig zu urteilen sei aber erst, wenn der Budget-Entwurf als Gesetz vorliege. „Bei den Korridor-Pensionen wollen wir prüfen, ob Härten entstehen.“ Und: „Erbschafts- und Schenkungssteuer bleiben für uns auf der Agenda.“

Einsparungen Sparziel (in Euro) Steuereinnahmen Sparziel (in Euro)
Geringere Pensionserhöhungen und höheres Antrittsalter bei den Frühpensionen 7,8 Milliarden Aus für Spekulationsfrist bei Immobilien, Einführung einer Umwidmungsabgabe 1,6 Milliarden
Eine Nulllohnrunde für Beamte, Aufnahmestopp und gelockerter Versetzungsschutz 2,7 Milliarden „Solidarbeitrag“: Urlaubs- und Weihnachtsgeld wird bei Spitzenverdienern höher besteuert 400 Millionen
Kosten des Gesundheitssystems wachsen nicht mehr schneller als die Gesamtwirtschaft 1,8 Milliarden Unternehmensverluste im Ausland sollen im Inland nur mehr begrenzt absetzbar sein 300 Millionen
Kürzungen bei Infrastrukturprojekten und im operativen Betrieb der Bundesbahnen 1,4 Milliarden Erhöhung der Höchstbeitragsgrundlage bei der Sozialversicherung 300 Millionen pro Jahr
Neue Förder-Pyramide bringt Aus für Doppelförderungen zwischen Bund und Ländern 800 Millionen Mineralölsteuer für „Agrardiesel“ wird vom Staat nicht mehr zurückgezahlt 80 Millionen pro Jahr
Summe: 14,8 Milliarden Summe: 2,68 Milliarden
Gesamtvolumen des Sparpakets für 2012: 17,48 Milliarden
Verhältnis Einsparungen : Steuereinnahmen 82 : 18
Hier finden Sie mehr zu den einzelnen Punkten


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Artikel vom 10.02.2012 17:19 | KURIER, APA | Christian Böhmer und Karin Leitner, sho | « zurück zu Nachrichten


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