Thursday, February 23, 2012

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Guantanamo als "Symbol der Rechtlosigkeit"

Ein Jahrzehnt ist das Gefangenenlager in Betrieb, ein katastrophales Jahrzehnt, sagt Manfred Nowak im Interview.

Letztes Update am 10.01.2012, 22:36


Gebete hinter Stacheldraht: 770 Menschen saßen in Guantanamo.

Zehn Jahre ist es her, dass die ersten Gefangenen nach Guantanamo gebracht wurden – ohne Anklage, auf den bloßen Verdacht hin, mit El Kaida kooperiert zu haben. Und vor allem: jenseits internationalen Rechts. Der Begriff „Feindlicher Kombattant“ rückte an die Stelle des Wortes „Kriegsgefangener“. Manfred Nowak wurde 2004 von der UN-Menschenrechtskommission zum Sonderberichterstatter über Folter ernannt, eine Funktion, die er bis 2010 innehatte.

KURIER: Wie hat sich Guantanamo auf die Menschenrechtslage ausgewirkt?
Manfred Nowak: Guantanamo ist zum Symbol der Rechtlosigkeit der Bush-Regierung geworden, weil weder amerikanisches noch internationales Recht angewandt wurde. Menschen wurden ohne Anklage oder zum Teil auch ohne weitere Untersuchung festgenommen und inhaftiert. Wir waren die Ersten, die öffentlich die Schließung des Lagers gefordert haben. Und es hat sich durchaus etwas verändert – schon unter Bush. Und unter Obama gibt es zumindest keine Hinweise auf Folter mehr. Der rechtlose Zustand aber, der ist geblieben. Eine Lösung der Problematik ist ausgeblieben.

Welche Auswege aus dieser Situation sehen Sie?
Das Ziel kann nur bleiben, Guantanamo zu schließen. Wie das gehen soll? Es ist nicht leicht. Obama wurden reihenweise Prügel in den Weg gelegt. Er hat keine Unterstützung des Kongresses – und nur schwache Unterstützung aus Europa. Ich glaube nicht, dass er in seiner ersten Amtszeit noch einmal probieren wird, das Lager zu schließen. Und es ist fraglich, welche Priorität es in einer möglichen zweiten Amtszeit haben wird.

Kommt Europas Haltung zu Guantanamo und die Weigerung, Gefangene aufzunehmen, einer stillschweigenden Duldung gleich?
Europas Standpunkt war immer klar: Wir wollten Guantanamo nicht, warum sollten wir die Suppe auslöffeln. Der Amtsantritt Obamas kam in der Sache gewissermaßen einem Neustart gleich. Aber die europäische Haltung war sehr uneinheitlich. Es gab keine klare Unterstützung für die Schließung durch Aufnahme einer größeren Zahl von Ex-Guantanamo-Häftlingen in Europa. Das war politisch sehr unweise.

Wie hat sich die Rechtlosigkeit in diesem Krieg gegen den Terror auf die Reputation des Westens ausgewirkt?
Guantanamo war sicher nicht das schlimmste Gefängnis. Aber es wurde zum Symbol. Und es hat als solches ganz negativen Einfluss genommen – weil sich viele Staaten in ihrer Vorgehensweise legitimiert sahen.

Was bedeutet das global?
Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war, was die Menschenrechte angeht, katastrophal. Es war erstmals, dass eine Regierung Folter zugibt und das absolute Verbot von Folter infrage gestellt hat. Folter wurde salonfähig gemacht. Ihre Grausamkeit wurde systematisch verniedlicht.

Wie würden Sie jemandem entgegnen, der Gewaltanwendung zur Informationsgewinnung gutheißt?
Folter ist absolut verboten. Wenn man sie erlaubt, muss man sie auch regeln. Und dann müsste man sie in die Strafprozessordnung aufnehmen. Das wurde mit guten Gründen in der Zeit der Aufklärung abgeschafft und verboten. Diese ganze Diskussion über ihre Zulässigkeit ist eine falsche Diskussion – sie sollte begraben werden. Und begraben bleiben.

Das Gefangenenlager in der US-Militärbasis Guantanamo Bay auf Kuba ist die wohl umstrittenste Einrichtung der Vereinigten Staaten. Das Lager und das Schicksal der Häftlinge haben Politik und Gerichte in den USA in den vergangenen zehn Jahren immer wieder beschäftigt:

11. September 2001:

Anhänger des Terrornetzwerks Al-Kaida verüben mit Passagierflugzeugen Anschläge auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington. Fast 3.000 Menschen kommen ums Leben.

Eine Woche später stellt der US-Kongress Präsident George W. Bush eine Vollmacht aus, alle "notwendige und angemessene Gewalt" gegen die Verantwortlichen einzusetzen.

7. Oktober 2001:

Beginn des Militäreinsatzes in Afghanistan. Die US-Truppen nehmen am Hindukusch Hunderte Menschen fest. Im November schafft die Bush-Regierung die rechtliche Grundlage dafür, um Gefangene im "Kampf gegen den Terror" vor Militärtribunale stellen zu können.

11. Jänner 2002:

Die ersten 20 Gefangenen kommen in dem eigens für den Kampf gegen den Terror errichteten Lager in Guantanamo auf Kuba an.

7. Februar 2002:

Bush legt in einer Verordnung fest, dass "feindliche Kämpfer" nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) über den Umgang mit Kriegsgefangenen fallen.

24. Februar 2004:

Der Jemenit Ali Hamsa Ahmad al-Bahlul und der Sudanese Ibrahim Ahmed al-Kosi werden als erste Guantanamo-Häftlinge formal angeklagt.

28. Juni 2004:

Der Oberste US-Gerichtshof erlaubt Guantanamo-Häftlingen, gegen ihre Inhaftierung Beschwerde vor ordentlichen Gerichten einzulegen. Anderthalb Jahre später beschließt der Kongress dafür allerdings hohe Hürden.

29. Juni 2006:

Der Oberste Gerichtshof (Supreme Court) erklärt die Militärtribunale für verfassungswidrig und wirft Bush die Verletzung der Genfer Konventionen vor. Zwei Wochen später zieht der Präsident seine Verordnung vom Februar 2002 zurück. Im Herbst führt Bush dann eine neue Form der Militärtribunale ein.

21. Jänner 2009:

Keine 24 Stunden nach seinem Amtsantritt legt der neue Präsident Barack Obama die Verfahren vor den Militärtribunalen auf Eis. Am Tag darauf ordnet er die Schließung des Guantanamo-Lagers bis zum 22. Jänner 2010 an - den Termin wird er nicht einhalten können.

15. Mai 2009:

Obama kündigt an, das von Bush eingeführte System der Militärtribunale zu reformieren.

4. April 2011:

Das Justizministerium erklärt, dass die fünf in Guantanamo inhaftierten mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September doch keinen Zivilprozess bekommen und vor ein Militärtribunal gestellt werden.

9. November 2011:

Abdel Rahim al-Nashiri, der den Anschlag auf die "USS Cole" im Jahr 2000 geplant haben soll, wird als erster Terrorverdächtiger unter Obama von der Militärjustiz in Guantanamo formal angeklagt.

31. Dezember 2011:

Obama unterzeichnet ein Gesetz, das die Verwendung von Staatsgeldern für die Verlegung von Guantanamo-Häftlingen in die USA verbietet und damit eine Schließung des Lagers de facto verhindert.

11. Januar 2012:

Noch immer werden 171 Männer aus 20 verschiedenen Ländern in Guantanamo gefangen gehalten. Seit 2009 kamen allerdings keine neuen Gefangenen in das umstrittene Lager. Insgesamt 770 Häftlinge haben in den vergangenen Jahren in Guantanamo eingesessen.

"Gitmo": Keine Schließung in Sicht

171 Häftlinge Von den rund 770 Terrorverdächtigen in Guantanamo („Gitmo“) wurden bisher nur sechs von einem Militärgericht verurteilt, weiteren sieben steht demnächst ein Militärprozess bevor. 600 wurden freigelassen. Weitere 90 könnten freigehen, für sie findet sich aber kein Aufnahmeland. 50 Insassen gelten als zu gefährlich, um sie freizulassen.

US-Kongress
Das US-Parlament verweigerte die Genehmigung, alle Gitmo-Insassen in US-Gefängnisse zu verlegen. Geld für die Schließung des Lagers wurde blockiert.


Letztes Update am 10.01.2012, 22:36


Artikel vom 10.01.2012 15:22 | KURIER | Stefan Schocher | « zurück zu Nachrichten


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