Burning Gears 2010
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Samstag, 13. März 2010

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Besuch in einer chinesischen Fabrik

Nicht alles, was aus Fernost kommt, ist verwerflich. Visite in der Fabrik eines Steirers, der Mobiltelefon-Teile herstellen lässt.

Norbert Bäck Moderne Haftelmacher am Stadtrand von Peking. Der Grazer Unternehmer Norbert Bäck gibt ihnen Arbeit. Während in Europa reihenweise die Menschen gekündigt werden, sucht er bis Anfang Mai 1000 neue Arbeiter DruckenSendenLeserbrief
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Der Patron geht auch heute, es ist ein Samstag, durch seine Fabrik. Mustert sein emsiges Heer im blauen Hemd. Darf zufrieden sein. Er wollte die Besten haben. Er hat die Besten bekommen. Schulter an Schulter, Stirn an Stirn sitzen sie an ihrem Arbeitsplatz. In einer Fertigungshalle im Yanilao-Gewerbepark, im Osten von Peking, eine Autostunde vom Platz des himmlischen Friedens entfernt.
Keine Zeit für ein Lächeln, nicht einmal für einen Wortwechsel. Nur ein leises Gähnen lässt sich da und dort nicht hintanhalten.

Kaum älter als 22

So sehen sie also aus - die jungen Lohnarbeiter an der verlängerten Werkbank in Fernost: Einheitlich uniformiert im blauen Hemd. Sympathisch, fleißig, brav. Aus allen Provinzen des Riesenlands stammen sie. Männer, Frauen. Kaum älter als 22. Von ihren Familien ein ganzes Jahr lang getrennt. Konzentriert verrichten sie ihre Arbeit: Jeden Monat eine Million Headsets für die Mobiltelefone dieser Welt. Wohl auch für unseres. Auf Tafeln, die von den Vorarbeitern mit der Hand beschrieben werden, lässt sich der Arbeitstakt jedes Teams ablesen.

SXN Electronics Co. Ltd.: So nennt sich die Firma des Patrons. Der heißt Norbert Bäck. Ist ein Österreicher, genauer gesagt ein 46-jähriger HTL-Ingenieur aus Graz.
Seine Fabrik ist eine Fabrik, die niemals schläft: Derzeit wird in drei Schichten gewerkt. 24 Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche.

Tausend Plastikteile wandern auch an diesem Samstag durch jede Hand. Stück für Stück wird ein Kopfhörer nach dem anderen zusammengebaut. Der erste Arbeiter steckt, der zweite nietet, der dritte lötet, der vierte klebt, der x-te checkt. Natürlich könnte all diese Hilfsarbeiten aucheine automatisierte Maschine verrichten. Doch die käme zu teuer, erläutert der Fabriksbesitzer. Würde sich niemals rentieren. Kopfhörer aus Plastik fallen aus Sicht der Kostenrechner in jenes schnelllebige Segment globalisierter Industrie, in dem der fernöstliche Billiglohn-Mensch immer noch mehr bringt als jede Hochpreis-Produktionslinie.

"Knapp 200 € pro Monat." So viel will Norbert Bäck seinen loyalen Haftelmachern bezahlen. In seiner Heimat, die er vor mehr als einem Vierteljahrhundert verlassen hat, wurde er deshalb als "Sklaventreiber" abgetan.
Der derart Verunglimpfte will das zuerst nicht kommentieren. Dann sagt er doch: "Das ist mir schon sehr nahe gegangen."


"Sklaventreiber"

Nicht immer lässt sich die Welt so einfach und so strikt in Gut und Böse einteilen. Manchmal muss man näher hinsehen, länger zuhören. Faktum ist: Der Unternehmer aus dem Westen gibt 600 jungen Chinesen Arbeit, zahlt ihnen angeblich doppelt so viel Lohn als im Land üblich, dazu Kost und Logis auf seinem Firmenareal.

Der Steirer rekrutiert seine Arbeiter persönlich. Tourt daher regelmäßig durchs chinesische Hinterland, besucht unzählige Schulen, wo sich er und seine chinesische Frau inzwischen einen guten Namen erworben haben. Er bietet einen krisensicheren Job, der anstrengend ist, das schon, aber nicht akut die Gesundheit gefährdet.

Die jungen Leute aus der Provinz, die schon während der Schulzeit von den Eltern getrennt leben, haben bei ihm auch Aufstiegsmöglichkeiten: Vom Haftelmacher zum Haftelmacher-Kontrolleur. Das klingt für West-Menschen zynisch. In Österreich würde sich dafür kaum jemand melden. Doch hier heißt die Alternative: Arbeit am Reisfeld oder in einerFabrik, die von skrupellosen Profiteuren geführt wird.
Bäcks rechte Hand, eine gebildete junge Managerin, sagt: "Ihre
Eltern sind stolz darauf, dass sie den Sprung in die Hauptstadt geschafft haben." Ob als Taxifahrer oder Hilfsarbeiter, mache da kaum einen Unterschied.

Die Welt verlangt nach neuen Telefonen. Herr Bäck ist in Zugzwang geraten: "Schon ab Mai sollen wir hier vier Millionen Headsets pro Monat produzieren. Dafür brauche ich tausend neue Mitarbeiter." Tausend neue Mitarbeiter binnen weniger Wochen - fast doppelt so viele, wie seine Belegschaft derzeit zählt. Der einzige Mann, der in der Fabrik eine Krawatte trägt, sagt das nicht stolz, sondern mit einer Sorgenfalte auf der Stirn. Was bleibt ihm übrig? Während die Arbeit anderswo ausgeht, weiß er nicht, wie er all den Aufträgen nachkommen soll. Sklaventreiber? Es sind die Elektronikkonzerne, die am Ende mehr als er von den Niedriglöhnen profitieren.

Artikel vom 09.02.2010 08:54 | KURIER | Uwe Mauch, Peking


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