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Voraberger lebt „nur noch für den Boxsport.“
Voraberger lebt „nur noch für den Boxsport.“ - Foto: Box Team Vienna

Letztes Update am 27.01.2013, 07:35

Box, Baby!. Blond, Anfang 20, kocht gut, putzt gern. Nebenbei. Hauptsächlich lebt Fliegengewicht Eva „Golden Baby“ Voraberger für den Boxsport.

Seit Neujahr darf sich die 30-jährige Nicola Adams als erste Olympiasiegerin im Fliegengewicht mit einem Orden des British Empire an der Damenschleife schmücken. „Nur“ dem silbernen eines „Member“, aber immerhin. Die Grazerin Eva Voraberger, am 7. Februar 23, findet’s „supercool“, malt sich aber vor allem das berauschende Gefühl aus, zur Premiere von Frauenwettbewerben im Boxen bei den Olympischen Spielen auf dem Stockerl gestanden zu sein, die Siegerschleife um die Hüften. Ihr würde Weltmeisterin, ja Europameisterin, fürs Erste genügen: „Und die ganze Family aus dem Floridsdorfer Pro-Gym ist dabei, die ganze Gruppe, und alles bleibt so, wie es ist.“

Das denkt Eva, wenn sie an „Glück“ denkt. Wenn sie „Unglück“ denkt, dann aber nicht daran, wie die dreifache Weltmeisterin Susi Kentikian vergangenen Dezember als heulendes Elend durch den Düsseldorfer Reisholzring irrte, als ihr die amerikanische Außenseiterin Carina Moreno den vakanten WM-Gürtel der World Box Association entrissen hat – sondern daran, dass ihr Onkel an einem ihrer Geburtstage gestorben ist. A Herz wia a Bergwerk? Ihr Herz prüft Eva grad seit einem Jahr in Wien, entdeckt es zusehends im Geborgenheitsgefühl zwischen Gruppenleben in der Trainingshalle und Zusammenleben mit ihrem Freund Dominik, der natürlich auch boxt, und spürt Dankbarkeit, dass dieser Sport zu ihr gekommen ist. Sie „gerettet“ hat, wollte man’s dramatisch formulieren.

„Golden Baby“

Das Pro-Gym liegt im ersten Stock eines Einkaufszentrums in der Floridsdorfer Angerer Straße, sieht auf den ersten Blick wie ein landläufiges Fitnesszentrum aus, hört sich mit rhythmischem Tamtam auch wie eines an. Doch es riecht dort so gut, als würde ständig frisch gelüftet. Eva, Ringname: „Golden Baby“, weil immer irgendwas an ihrem Outfit glitzert, ein goldener Gürtel, ein silberner Schurz, eine bunte Stickerei, serviert artig Espresso. 1,61 Meter groß, hat sie 52 Kilo Normalgewicht, 50 Kilo Kampfgewicht, tritt deshalb in der Klasse „Fliegengewicht“ an, und richtet sich vor wichtigen Kämpfen nach einem strikten Ernährungsplan: „Pute, Fisch, Rind, Reis, frisches Obst und Gemüse, Olivenöl, Eiweißshakes. Wenig Fett, aber Fleisch und Kohlenhydrate, weil du ja Kraft zum Trainieren brauchst.“

Eva „Golden Baby“ Vo-ra-ber-ger, wie sie zum Fight in den Ring hinaus gedröhnt wird, erklärt, was sie lernt: „Hand und Fuß, Körper und Geist müssen eins sein beim Boxen.“ Dass sie Hand, Fuß und Körper täglich morgens und abends mit Laufen, Steppen, Radlfahren, „Sparring“ trainiert. Den Geist mit autogenem Training und Atemübungen. Darauf, den Schwerpunkt in die Mitte zu bringen: „Aus der Mitte wird das Geschehen koordiniert. Der Kampf, der Angriff und die Verteidigung. Boxen verlangt von dir, ein ausgeglichener Mensch zu werden. Der größte Fehler: Wenn du im Ring stehst und aggressiv bist, ganz wild danach, die Gegnerin auf den Kopf zu schlagen. Das bringt Adrenalin, aber weniger Luft. Du verkrampfst dich und kannst nicht schlagen. Die Lockere, die Entkrampfte schlägt immer besser.“ Das Training dauert rund vier Stunden, sechs Mal die Woche. „Unser Boxstil ist anders, als die Mädeln sonst boxen“, sagt der Blondschopf. „In meiner Gewichtsklasse wird viel und schnell geschlagen. Wir aber lernen, präzise und mit dem ganzen Körper zu schlagen, das Gewicht einzusetzen. So wie’s der Hansi Orsolics damals von Karl Marchart gelernt hat. Kleine respektvolle Verbeugung ins Nichts: Marchart ist vor einem Jahr gestorben.

Wie Familie

Hmhm, Hanse O. als Vorbild? Ja, jüngster Europameister, zum guten Schluss Sänger, aber zwischendurch doch mit eher gröberen Problemen behaftet? Eva jauchzt fast: „Er hat aber auch nicht so einen Boxstall gehabt. Bei uns ist es wie in einer Familie. Die Martha (Böhm heißt sie, und ist mit ihrem Mann die Besitzerin vom Pro-Gym) ist wie eine Mama, sie räumt hinter uns her, wird nur streng, wenn wir die Kaffeehäferln stehen lassen. Ist aber immer da, wenn wir reden wollen. Fährt zu allen Kämpfen mit. Ich seh sie jeden Tag! Der Peter Pospichal wieder, Ex-Boxer, unser Manager und zum Teil Trainer, hat keine Kinder. Sagt immer: Ihr seid’s meine Kinder. Macht uns sogar Zahnarzttermine aus, führt uns auch hin. Nicht so einer, der nur arbeitet, um Geld zu verdienen. Die beiden sind hier in Wien meine Familie. Abgesehen vom Dominik natürlich.“

Ja, Sponsoren gibt’s auch. „Auto Ludwig“ zum Beispiel, oder „Blut der Heizung“, und kaum fällt der Name, steht der Herr von „Blut der Heizung“ schon neben dem Tisch, um zu erklären, dass seine Firma Heizungsflüssigkeit produziert, und dass er früher auch geboxt hat.

Anfänge

Trotzdem. Warum will ein Mädel, eine junge Frau unbedingt boxen? Urwut auf Männer? Traumatisierende Kindheitserlebnisse? Ein Migrantenschicksal? Oder Sensationslust? Das doch wohl nicht, die Deutsche Regina Halmich hat den Rahm als Sensation im Ring schon Anfang der Neunzigerjahre abgeschöpft, und erst Recht, als sie 1995 Weltmeisterin im Fliegengewicht wurde. Nein, bei Vorabergers am Grazer Kalvarienberggürtel ist nur was ziemlich Alltägliches passiert. Eva erzählt: „Ein Bruder, sechs Jahre älter (der Ruhige bis jetzt: Landschaftsgärtner, Sportfischer, Jäger), die Mama hat im Dentallabor gearbeitet, der Papa in der Pathologie. Doch seit ich zwei war, hat er nicht mehr bei uns gelebt. Ein ewiges Hin und Her. Kaum war ich sieben, kam der Ersatzvater, im Prinzip ganz in Ordnung, aber ich bin an meinem Papa gehangen. Sehr.“ Volksschule, neue Mittelschule, Haushaltsschule klösterlich, „keine Leichte für die Mama“, was „nicht leicht zu nehmen“ bedeuten soll, aber bis 15 immer brav und pünktlich daheim.

Bis bei einem Freund ein neues Idol erschien: „Tanja, rotblond. Sie hat im ärgsten Slang geredet, und schien alles zu wissen, schließlich hatte sie mit elf ,das erste Mal’...“, sagt Ex-Freundin Eva, und dass sie das damals „total cool“ gefunden hat: „Dann hab ich halt auch Schule geschwänzt, bin mit Tanja rumgezogen und abends in die Discos. Die Mama hat sie nie mögen, ist immer mit ihr aneinandergeraten.“ Na, Eva hat mit dem „ersten Mal“ zumindest bis zum 17. Geburtstag gewartet, außerdem in der Disco „Bollwerk“ (rückblickend ein heiliger Ort) mit einem Thaiboxer „gequatscht“, der nicht nur große Töne gespuckt, sondern sie echt zum Training mitgenommen hat: „Bushido X. Von dem Tag an hab ich mich nur noch für diesen Sport interessiert.“ Die Mama hat den Tag und den Freund gesegnet, und das Training mit Thomas Hengstberger gefördert, obwohl sie nie viel für Sport übrig hatte. Hauptsache, Schluss mit Tanja, und das Kind lief wieder auf der graden Bahn!

Frauensport

Das Kind hat mit der Schlagkraft die schlagkräftigen Argumente gegen das Vorurteil „Boxen ist Männersport“ gelernt: „Ich steh ja mit einer Frau im Ring, also ist es ein Frauensport. Und sicher hört sich „schlagen“ arg an, aber ich seh’s als Disziplin, in der du auf dich allein gestellt bist.“ Sie hat Clint Eastwoods Oscarfilm zum Heulen, „Million Dollar Baby“, gesehen, jedes greifbare Boxerbuch gelesen, jeden Kampf auf RTL, Sat1 und YouTube angeschaut, sich intensiv ins autogene Training versenkt.

Seit sie in Wien lebt, noch intensiver. Kurz: „Ich leb nur noch für den Boxsport.“ Trainiert auch zwei Mal die Woche mit hochaggressiven Kindern aus dem Jugendzentrum für Schwererziehbare zwei Häuser weiter. Um bissl was davon zurückzugeben, was sie bekommen hat, um sie von der Straße wegzuhalten, von Gewalt in der Schule: „Ich biet es nur an, aber die meisten finden es super. Heißt ja nicht, dass sie später Wettkampf machen müssen.“ Sonntag bestreitet „Golden Baby“ Voraberger wieder einen Europa-Listen-Boxkampf, im Mai geht’s dann um den Titel „Europameisterin“. Und wenn man so weit kommt, boxt man sich in die Welt-Elite hinein. Nach und nach. Gelassene Geduld gehört dazu, und deshalb ärgert’s diese Beinahe-Buddhistin des Boxsports, dass sie sich beim Nägelnagen ertappt, wenn sie in der Mittagspause an eine spannende TV-Serie gerät.

Traditionell

Dominik, ihr Freund aus Ried im Innkreis, kommt aus der Dusche, und sagt, dass er lieber historische Dokumentationen über das Mittelalter und den Zweiten Weltkrieg sieht. Nach einem Boxkampf in Wels hat er ihr auf Facebook geschrieben, und jetzt wohnen sie miteinander gegenüber vom Pro-Gym. Sie lacht, und sagt, dass es bei ihnen traditionell zugeht: „Ich koch, back und hab einen ganz argen Putzfimmel. Der Mann macht den Dreck, aber ich mach gern Haushalt, und würde es von ihm nicht verlangen.“ Sie hat die Wohnung eingerichtet und schaut wie bei den Klamotten drauf, „dass farblich alles z’sammpasst“.

Wenn sie streiten, dann um „nichts“. Beide grinsen: „Wichtig, dass jeder Recht hat, aber das dauert fünf Minuten und dann wird wieder normal weiterg’redt.“ Sie sehen einander 24 Stunden am Tag, und sagen, das Wichtigste sei, einander zu vertrauen. „Eifersucht ist nicht das Thema, sondern Aufrichtigkeit. Geld auch nicht so wichtig, solange es uns und unserem Umfeld gut geht.“

Dominik erklärt: „Ich bin vom Land, wünsch mir ein Haus und ein Motorradl.“ Mehr sagt er nicht, weil das ja Evas G’schicht ist, aber es klingt beruhigend. Sie wünscht sich das auch, aber als Nächstliegendes den EM-Titel. Für den’s aktuell um ganz viel Seelen- und Körperdisziplin geht. „Zum Beispiel, dass man nach dem Training schlafen kann. Du strengst dich an, aber beim Techniktraining musst so viel nachdenken: Hand und Fuß gleichzeitig aus dem Schwerpunkt herausbewegen! Bei der linken Geraden den Ellbogen nicht anwinkeln, da verkrampfst dich leicht. Besser die Gerade aus einer sanften Hebung, wie wenn du Äpfel pflückst, schlagen! Die natürliche Bewegung neu lernen und wie im Schlaf aus dem Arm schütteln.“

(kurier/Ro Raftl) Erstellt am 27.01.2013, 07:35

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