Letztes Update am 03.01.2013, 12:47
Die Überschreitung des Everest ist ein Welterfolg, bleibt aber nicht ohne Opfer
Kaum ist Norman Dyhrenfurth, legendärer Filmemacher und Expeditionsleiter mit Wohnort Salzburg, von der Dhaulagiri-Expedition 1960 in die USA zurückgekehrt, denkt er schon an die nächste Herausforderung im Himalaja. Diesmal gerät der Mount Everest in sein Visier. Es sollte die vierte Besteigung in der Geschichte werden. Im Mai 1961 erhält der damals 43-Jährige die ersehnte Bewilligung aus Nepal. Nun liegt sein Fokus, trotz kalifornischer Sonne, nur in den eisigen Höhen des Himalaja.
900 Träger
Oberhalb des Basislagers auf 5400 Höhenmetern wird die Durchquerung des Khumbu-Eisbruchs vorbereitet, ein 600 Meter hoher extrem gefährlicher, endlos zerklüfteter Gletscherabbruch. Hier kommt es zur Katastrophe: Drei Männer arbeiten sich eine zehn Meter hohe Eiswand hoch. „Da gab es ein Geräusch, und alles unter, um und über uns begann sich zu bewegen,“ erzählt der Überlebende Dick Pownall, „ich konnte es zunächst nicht glauben, dann aber wusste ich, dass ich fiel, und ich dachte, also so ist der Tod.“
Pownall wird gerettet, ebenso der schwer verletzte Sherpa Ang Pema, der ausgegraben werden kann. Doch von Jake Breitenbach, dem Dritten im Bunde, gibt es kein Lebenszeichen. Nur noch das Seil, das ihn mit dem Sherpa verband, weist auf den Körper des Bergsteigers hin, doch es führt in die unterste Schicht der Eistrümmer. Breitenbach liegt fünf bis zehn Meter unter den Eisblöcken, und nur ein Bagger hätte seine letzte Ruhestätte noch freilegen können.
Nach diesem Unglück – an der Türschwelle zum Everest ein Todesopfer – verharrt die Expedition zwei Tage in Schockstarre, bis wieder langsam der Everest in den Vordergrund rückt: „Wir haben begonnen, uns wieder zusammenzureißen,“ schreibt Dyhrenfurth in seinen Erinnerungen, „und nun sind wir wieder eine Mannschaft, statt eine Anzahl kopfloser, deprimierter Einzelwesen.“
Filmen auf 8600 Metern
Am 1. Mai erreichen seine Kameraden als erste Amerikaner in der Geschichte den Gipfel auf 8848 Metern Seehöhe und hissen die US-Flagge. Die Pflicht, der Gipfelsieg auf der Normalroute, war geschafft, nun sollte die Kür folgen, die Übersteigung des Berges über eine noch nie gegangene Route.
Nur drei Wochen später sollte es soweit sein: Willi Unsoeld und Tom Hornbein klettern den Westgrat hoch, steigen in die Nordflanke ein und erreichen nach einem endlos erscheinenden Kampf den Gipfel. Im Hochlager trauen die Wartenden kaum ihren Ohren, als über das Funkgerät die Stimme Unsoelds zu hören ist, der den amerikanischen Dichter Robert Frost zitiert: „Des Waldes Dunkel zieht mich an, doch muss zu meinem Wort ich steh’n ... und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann.“
Lesen Sie das nächste Mal: Die internationale Himalaja-Expedition
Buchtipp: Günter, Hetti, Norman Dyhrenfurth – Zum dritten Pol von Andreas Nickel; AS Verlag; 26,80€
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