Schlankheits­wahn nach der Babypause

Vom Wochenbett zum Work-out: Model-Mamas gaukeln falsche Ideale vor.

Warum es besser ist, seinem Körper eine Babypause zu gönnen:
Nur zwei Monate nach der Geburt ihres zweiten Kindes zeigt sich Supermodel Gisele Bündchen wieder mit Topfigur im Bikini. So sah Belle Giselle noch zur Halbzeit ihrer Schwangerschaft aus. Auch Heidi Klum würde man nie ansehen, dass sie bereits vier Kinder zur Welt gebracht hat. Um in Form zu kommen, engagierte sie dafür den Fitness-Coach David Kirsch. Der Schlankheitswahn kommt also gleich nach dem Wochenbett. Förderer dieses Körperkults wie die US-Fitnesstrainerin Tracy Anderson, die auch Gwyneth Paltrow trainiert, ernten dafür heftige Kritik. Ihre neue DVD-Serie „Projekt Schwangerschaft“ kommentierte eine Journalistin (und dreifache Mutter) der New York Times kritisch: „Manchmal, in Nächten voller Schlafmangel, grüble ich über unser Ideal der ausgemergelten, sexy Frankenstein-Mutti, die wir geschaffen haben, und frage mich, wie wir sie zerstören können.“ Diese Ideale gehen auch an den Schwangeren hierzulande nicht völlig spurlos vorüber – wenn auch in gemäßigter Form.  Model-Mütter wie Bündchen und Co. sind zwar nicht oft die konrekten Vorbilder, aber viele Schwangere hoffen, ihre alte Figur bald wiederzuerlangen. Die Psychologin Margit Wurz erklärt, was hinter diesem Körperkult steht: „Dieses Auseinandergehen in der Schwangerschaft wird von den Frauen oft als belastend erlebt, weil es ein Kontrollverlust ist. Sie können es nicht steuern.“ Der Schlankheitswahn nach der Geburt gehe aber weniger von den Frauen, sondern meist von den Männern aus: „Die Frauen sind stolz und fühlen sich weiblich, weil sie gerade ein Kind geboren haben – das Natürlichste der Welt. Oft fordern aber die Partner, dass sie abnehmen, weil sie Probleme haben, die Sexualität wieder aufleben zu lassen.“ Dahinter würden jedoch meist andere Probleme in der Partnerschaft stecken – die Männer leiden etwa oft darunter, dass sie nicht mehr die erste Geige im Leben ihrer Frau spielen. „Frauen, die bald wieder anfangen Sport zu machen, wollen in erster Linie ihren Körper wieder in Besitz nehmen. Sie wollen ihn wieder spüren und die Kontrolle über ihn zurückerlangen. Es geht um das Ich gehöre mir wieder selbst.“ Sie dürfen endlich wieder Dinge tun, die sie in der Schwangerschaft nicht mehr durften. Das bestätigt auch Nicole Pascher, die das Kangatraining (kangatraining.com) entwickelt hat – ein Work-out, bei dem das Baby integriert ist. „Denn Mütter haben oft wenig Zeit, etwas für sic h zu tun. Ein Baby bleibt nicht einfach ruhig neben der Matte liegen, bis man mit seinen Übungen fertig ist. Und wenn es schläft, ist man selbst auch total erledigt. Die wenigsten haben eine Kinderbetreuung und können sich darauf konzentrieren, wieder super auszusehen.“ Das ist laut Pascher auch nicht das Ziel der Frauen: „Die meisten wollen nicht abnehmen, sondern wieder in Form kommen. Die Kilos stören weniger als dass der Körper nicht mehr fest ist.“ Es sei für den Beckenboden auch gar nicht gut, sofort nach der Geburt wieder zu trainieren. „Ich sage den Frauen immer: Es dauert neun Monate, bis das Baby da ist, man sollte sich genauso viel Zeit nehmen, um seine alte Figur wiederzuerlangen. Alles darunter ist unrealistisch.“ Es sei denn, der Fokus liegt ausschließlich darauf – dann geht es entsprechend schneller. „Doch diese Zeit sollte man vor allem sich selbst schenken. Und die meisten Frauen wollen das auch.“ Die Model-Mütter werden bei ihren Trainings eher belächelt. „Die meisten sagen so etwas wie: Ich möchte gar nicht wissen, wer sich in der Zwischenzeit um das Kind kümmert. Wo ist es denn die ganze Zeit, wenn die Mutter trainieren ist?“ Frauen, die zuvor schon sehr auf einen schlanken Körper geachtet haben, werden wohl dahinter sein, dass sie bald wieder zu ihrer alten Figur finden, meint die Psychologin Wurz. Generell meint sie aber, „dass die meisten Mütter im ersten Lebensjahr ihres Kindes sowieso mit anderen Dingen beschäftigt sind als mit ihrer Figur“.
(KURIER) Erstellt am

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