Baumgartner verteidigt Depardieu

Felix Baumgartner
Foto: APA Felix Baumgartner

„Wir wollen doch alle Geld sparen, da ist doch nichts Schlimmes dabei“, sagte der Salzburger.

Nach seinem Sprung aus der Stratosphäre am 14. Oktober 2012 kam auch Felix Baumgartners Image etwas ins Trudeln. Zuerst erklärte der 43-jährige Salzburger, was er von der Demokratie hält: „Da kannst du nichts bewegen. Wir würden eine gemäßigte Diktatur brauchen, wo es ein paar Leute aus der Privatwirtschaft gibt, die sich wirklich auskennen.“

 

Dann wurde er im November wegen Körperverletzung rechtskräftig zu einer Geldstrafe von 1500 Euro verurteilt. Er hatte im Jahr 2010 einem Lkw-Fahrer einen Faustschlag verpasst.

"Absurd"

Russia Depardieu Foto: AP/Mikhail Klimentyev Schließlich wurde Baumgartner auch dafür kritisiert, dass er des Geldes wegen von Österreich in die Schweiz gezogen ist. Nun hat der Extremsportler die Steuerflucht des französischen Schauspielers Gérard Depardieu nach Russland verteidigt. „Ich verstehe nicht, wieso die Leute sich beschweren, wenn jemand das macht. Wir wollen doch alle Geld sparen, da ist nichts Schlimmes dabei. Das tun wir doch alle mehr oder weniger“, erklärte Baumgartner in einem Radiointerview mit RTL Frankreich. Die in Frankreich geplante Reichensteuer von 75 Prozent kritisierte Baumgartner als „absurd“: „Wo ist da die Solidarität?“ Schließlich habe sich Depardieu seinen Erfolg selbst erarbeitet und viel für Frankreichs Image geleistet.

Baumgartner war im Frühjahr 2012 nach Arbon in die Schweiz übersiedelt, in eine Kleinstadt mit knapp 14.000 Einwohnern am Südufer des Bodensees – nahe bei Österreich, aber steuerlich doch weit genug entfernt. In Österreich gebe es keine Sicherheit, was die Steuern betreffe, hatte er in einem früheren Interview erklärt. In der Schweiz könne man sich mit dem Finanzminister einigen.

Baumgartner kritisierte gegenüber RTL Frankreich auch den Spitzensteuersatz von „55 Prozent“ in Österreich (tatsächlich sind es 50 Prozent). Er finde es deshalb normal, in ein Land zu gehen, in dem man besser behandelt werde.

Sponsor Red Bull wollte sich dazu nicht äußern.

Felix Baumgartner: Ein Leben in Bildern

Manch einer vergleicht Felix Baumgartner Stratosphären-Sprung ja mit der Mondlandung. Egal, ob man dies nun vermessen findet oder nicht – einen Konnex dorthin gibt es tatsächlich. Baumgartner verfolgt seine Ziele nämlich deshalb so verbissen, weil er sich von den Astronauten im TV inspirieren ließ. In jenem Jahr geboren, als Neil Armstrong den Mond betrat, formten sich in Baumgartners Kopf zwei Gedanken: Hubschrauberfliegen und Skydiving waren die Dinge, die dem Salzburger als Teenager vorschwebten. Er ließ sich nicht lange aufhalten: Mit 16 absolvierte er seinen ersten Skydive. Mehr Expertise holte er sich – nach einer Lehre zum Kfz-Mechaniker – beim Bundesheer, wo er das Fallschirmspringen bei einer Spezialeinheit lernte. Die 90er brachten das Base Jumping – ein Trend, auf den Baumgartner sofort aufsprang: 1997 gewann er den Gesamtweltcup im Base Jumping. Die Sportart an sich – Base setzt sich aus den Sprungorten Building (Gebäude), Antenna (Antenne), Span (Brücke) und Earth (Boden) zusammen – ist rechtlich umstritten; wird teils sogar mit Strafen geahndet. 1999 stellte Baumgartner den ersten Weltrekord auf – mit seinem Sprung von den Petronas Twin Towers in Kuala Lumpur, dem damals höchsten Gebäude der Welt. Dafür hatte er das Gebäude tagelang beobachtet, das Sicherheitspersonal ausgekundschaftet und sich schließlich, als Geschäftsmann verkleidet, Zutritt zum Gebäude verschafft. Den Fallschirm, mit dem er schließlich von einem Fensterputzkran absprang, hatte er in einem Aktenkoffer eingeschmuggelt. Noch mehr Aufmerksamkeit war ihm mit seinem Sprung von der Christusstatue in Rio sicher: Der niedrigste Sprung in der Basejump-Geschichte hat es in die Gazetten der Welt geschafft – und Baumgartner hat sich damit in die oberste Liga der Basejumper katapultiert. Der damals 30-Jährige ließ er sich dafür auf dem Gelände einschließen, um danach an einem mit einer Armbrust in die Höhe geschossenen Seil auf den 38 Meter hohen Cristo Redentor zu klettern. Weiter im Rekord-Reigen: Nach und nach sammelte Baumgartner die Titel  für den Sprung von höchsten Brücke (Millau-Brücke in Frankreich) und wiederum jene vom höchsten Gebäude (Taipei 101 Tower in Taiwan). In Kroatien gelang ihm sogar ein Sprung in eine Höhle. Weltweite Bekanntheit erlangte Baumgartner allerdings mit seinem bis dahin ungewöhnlichsten Vorhaben: Er war der erste Mensch, der unmotorisiert über den Ärmelkanal geflogen ist. Drei Jahre Arbeit hat der Salzburger, finanziert durch seinen Sponsor Red Bull, in die Karbon-Flügel gesteckt, mit denen er 2003 die Wasserstraße überquerte. 9800 Meter über dem englischen Dover sprang Baumgartner aus einem Flugzeug – und beschleunigte auf 354 Stundenkilometer. Binnen sechs Minuten hatte er die 35 Kilometer lange Strecke bis nach Calais zurückgelegt. Eine Steigerung dessen findet sich offenbar immer – etwa mit dem Durchbrechen der Schallmauer. Mit dem Stratosphären-Sprung ist Baumgartner ein Eintrag in den Geschichtsbüchern sicher - wenngleich es kritische Stimmen gibt: "Austromir"-Kosmonaut Franz Viehböck etwa sieht "keinen Sinn" in der ganzen Aktion, hat aber "Respekt davor". Schlussendlich darf man sich fragen, was danach kommt. Um mit Viehböck zu sprechen: "Für mich war das größte Problem die Zeit danach." Was Baumgartner daraus macht, wird man sehen.

"Hello Goodbye - Entscheidung aus Liebe" heißt ein Film mit Gerard Depardieu aus dem Jahr 2008. Der Filmstar sorgt in Frankreich derzeit für große Aufregung. Er will der Grande Nation den Rücken zukehren und künftig seine Zelte anderswo aufschlagen. Wie kam es zu dieser Abkühlung? Einige Filmtitel aus Depardieus Oeuvre geben Aufschluss. "Weh mir" (1993) - 
In Frankreich wurden 2012 neue Steuergesetze beschlossen, wonach Einkommen, die höher als eine Million Euro jährlich sind, von 2013 an mit 75 Prozent besteuert werden. "Obelix bei den Belgiern" hat "Obelix"-Darsteller Depardieu zwar noch nicht gedreht. Er tat es aber wohlhabenden Landsleuten gleich und verlegte Anfang Dezember seinen Wohnsitz nach Belgien, wo es keine Vermögenssteuer gibt. Depardieus Haus befindet sich in Nechin, 20 Kilometer östlich der französischen Stadt Lille. "Ich hasse Schauspieler!" (1986) - 
Mit seiner Steuerflucht zog der Schauspieler in Frankreich heftige Kritik auf sich. Premierminister Jean-Marc Ayrault bezeichnete Depardieus Umzug in einem Fernsehinterview als "unpatriotisch" und "ziemlich erbärmlich". "Abgetaucht" (1974) - 
Depardieu reagierte mit einem erzürnten offenen Brief. Er verlange keine Zustimmung, aber Respekt. Er verlasse Frankreich, weil die Regierung der Ansicht sei, Erfolg und Talent müssten bestraft werden. "Wer sind Sie, dass Sie glauben, so über mich urteilen zu können, Herr Ayrault?", empörte sich Depardieu. "Ich gebe Ihnen hiermit meinen Pass und meine Sozialversicherungsnummer - die ich nie benutzt habe - zurück. Wir haben nicht länger dasselbe Heimatland, ich bin ein echter Europäer, ein Weltbürger, so wie es mir mein Vater stets eingeimpft hat." "Die Wahl der Waffen" (1981) - 
Depardieu (63) müsse zunächst Belgier werden, um einen belgischen Pass zu bekommen, meint der belgische Außenminister Didier Reynders. Plötzlich wird Russland zur Option für Depardieu. Der Filmstar meinte sogar, Russlands Präsident Wladimir Putin habe ihm bereits einen Pass geschickt. Dies sei "wahrscheinlich ein Witz" gewesen, sagte Putins Sprecher. "Olé!" (2005) - 
Am 20. Dezember bekommt Depardieu erste "Liebesgrüße aus Moskau". Putin ist bereit, dem französischen Schauspieler einen russischen Pass auszuhändigen - falls sich dieser wirklich daran interessiert zeigt. "Falls Gerard eine Aufenthaltsgenehmigung oder einen russischen Pass haben möchte, ist das eine ausgemachte Sache", erklärte Putin. Er betonte, er habe enge freundschaftliche Beziehungen mit dem Schauspieler - "obwohl wir uns wenig sehen". "Eine reine Formalität" (1994) - 
Am 3.Jänner wird Depardieu Russe. Putin verlieh seinem "Freund" mit einem Dekret die russische Staatsbürgerschaft. Der Formulierung der Erklärung nach hat der 63-jährige Filmstar die Staatsbürgerschaft selbst beantragt. Ein Sprecher Depardieus lehnte eine Stellungnahme ab. "Bon voyage" (2003) - 
In einem Brief erklärt Depardieu seinen spektakulären Nationalitätenwechsel: "Ja, ich habe diese Anfrage auf einen Pass gestellt und ich bin erfreut, dass meiner Bitte stattgegeben wurde." "Angewidert" von der französischen Politik sei er, schreibt der Schauspieler - gefolgt von Ehrbekundungen für den Kremlchef. Er schätze Wladimir Putin, schreibt der Schauspieler. "I Want to Go Home" (1998) - 
Der im russischen Fernsehen veröffentlichte Brief Depardieus "an die russischen Journalisten" liest sich wie eine Liebeserklärung an die neue Wahlheimat: "Ich liebe Ihr Land Russland, seine Menschen, seine Geschichte, seine Schriftsteller." Er möge die Filme und die Schauspieler, mit denen er gearbeitet habe, schwärmt Depardieu. "Ich liebe Ihre Kultur, Ihre Intelligenz." Der 64-Jährige sieht sich sogar in Russland verwurzelt: "Mein Vater war Kommunist und hat Radio Moskau gehört! Das ist ein Teil meiner Kultur." "Die Flüchtigen" (1986) - 
Zugleich droht auch Frankreichs einstige Filmlegende Brigitte Bardot damit, einen russischen Pass zu beantragen.Nach ihrem angedrohten Nationalitätenwechsel werde die Tierschützerin bald den russischen Präsidenten Putin besuchen. Bardot: "Ich meine das sehr ernst. Ich habe die Nase gestrichen voll und ertrage dieses Land nicht mehr." Bardot sagte, der russische Präsident sei "sehr human" und habe "mehr für den Tierschutz getan als alle unsere Präsidenten". Bardot will die russische Staatsbürgerschaft beantragen, wenn die beiden Zirkuselefanten "Baby" und "Nepal" in Lyon eingeschläfert würden, "um aus diesem Land zu fliehen, das nur noch ein Tierfriedhof ist". Bei den Tieren besteht Verdacht auf Tuberkulose. "Green Card - Schein-Ehe mit Hindernissen" (1990) - 
Am Samstag traf Depardieu zu einem "Privatbesuch" in Russland ein. Der 64-Jährige traf Putin in dessen Residenz im Badeort Sotschi am Schwarzen Meer und erhielt dann auch seinen neuen russischen Pass. "Ganz so schlimm ist er auch nicht" (1975) - 
Depardieu bezeichnete Putins Russland als "große Demokratie". Eine französische Journalistengewerkschaft hat den Filmstar daher zu einer kritischen Haltung gegenüber der Führung in Russland aufgefordert. Depardieu solle bei seinem "Freund" Putin einmal nachfragen, was aus den Ermittlungen zu den zahlreichen Journalistenmorden in Russland geworden sei. "Pakt des Schweigens" (2003) - 
Die Journalistengewerkschaft regte auch an, Depardieu solle Putin fragen, "weshalb die Fernsehsender vollständig unter seiner Kontrolle stehen, warum einige Journalistenkollegen inhaftiert sind und weshalb Nachrichtenseiten im Internet regelmäßig gestört werden, wenn sie unbequeme Informationen über unseren Freund und dessen Umfeld verbreiten". "Rasputin" (2011) -
"Der Präsident hat mit Herrn Depardieu über dessen weitere künstlerischen Pläne und eine Reihe weiterer Fragen gesprochen", sagte Putin-Sprecher Peskow. . "Beide haben auch über den Film 'Rasputin' gesprochen, der bisher nicht in Russland zu sehen war." "Die Ausgebufften" (1974) - 
Stolz winkte der "Neo-Russe" mit dem Pass, als er in die Stadt Saransk, rund 650 Kilometer südöstlich von Moskau, weitergereist ist. Der Schauspieler feierte dort mit Freunden das orthodoxe Weihnachtsfest. Die Einbürgerung gilt auch als PR-Coup von Putin. Genau vor einem Jahr befand sich Russlands starker Mann nach Massenprotesten in einem Stimmungstief. Die französische Oppositionspolitikerin Valerie Pecresse sagte, sie sorge sich um das internationale Ansehen des Landes. "Ich leide, dass Frankreich zum Gespött der Welt wird." Kritik an Bardot und Depardieu kam auch vom Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit. Er nannte die beiden "ausgesprochene Dummköpfe". "Wenn sie sich zu Putin ins Bett legen wollen, dann sollen sie es tun, damit ist die Angelegenheit geregelt", sagte er im TV. Die Pariser Steuerpläne haben mittlerweile einen Rückschlag erlitten. Der französische Verfassungsrat erklärte den Höchststeuersatz von 75 Prozent für Jahreseinkommen von mehr als einer Million Euro für nicht verfassungskonform. Der sozialistische Präsident Francois Hollande, der die Reichensteuer im Wahlkampf versprochen hatte, reagierte nach Angaben seines Umfelds "gelassen".
(Kurier) Erstellt am

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