Zur mobilen Ansicht wechseln »
Foto: ORF/Ali Schafler

Letztes Update am 23.02.2013, 13:32

Tiroler Taktgefühl. Die Tiroler Skirennsportlerin Katharina Gutensohn legt ihren ersten Auftritt als Dancing Star am 8. März aufs ORF-Parkett.

Was macht eine moderne Mutter von drei Kindern in ihrer spärlichen Freizeit? Klar, sie jagt mit dem Mountainbike durch Berge, klettert mit dem Trial-Motorrad über Treppen oder springt über Schanzen – und im Winter fährt sie eben Skicross“, schrieb ein Sportreporter vom Berliner Tagespiegel vor drei Jahren milde erstaunt.

Der Kaffeehausmensch mit drei Büchern im Einkaufssackl stellt sich solche Tätigkeiten lieber gar nicht vor. Aber da die Tirolerin Katharina Gutensohn, 46, ja nun ein Dancing Star wird, liest man weiter, jetzt im Münchner Merkur: „Bei Skicross geht es in direkten Duellen Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau auf einem Hindernis-Kurs mit engen Kurven und hohen Sprüngen – Kollisionen bei Geschwindigkeiten bis 90km/h nicht ausgeschlossen.“

Aha! Und dass die Sportlerin diese direkten Vergleiche „einfach cool“ findet: „Wenn du jemanden vor dir hast, dann wirst du zum Jäger“, sagt Gutensohn und verrät, worauf es ankommt: „Wach sein, schnell reagieren – zuschnappen.“ Gut. Ein Statement zum Sport, das durchaus als Lebensmaxime brauchbar wäre. Beim Tanzen auch? Nur teilweise: „Ich tauche in eine völlig neue Welt ein. Erkenne, dass ich geschmeidiger, anschmiegsamer unterwegs sein sollte. Mein Coach ist nett und gut, aber er führt und ich muss machen, was er vorgibt – dazu noch die Schrittfolgen präzise einhalten, sonst läuft’s nicht synchron. Nicht der körperliche, der köpernahe Einsatz setzt mich ein wenig unter Druck. Eine rein mentale G’schicht. Beim Sport war ich nur auf den eigenen Körper bedacht, und hab alles selbst entschieden“, spürt das Kraftpaket Katharina – 57 Kilo „Kampfgewicht“ auf 1,72 Meter – zur Trainings-Halbzeit.

Die Energiegeladene hat mit 38 beim Skicross ein Weltcuprennen gewonnen, fast ohne Vorbereitung, zehn Monate nach der Geburt ihres zweiten Kindes, Tochter Lola. Vielleicht doch etwas dran an diesem unheimlichen Bewegungsmythos, denkt der Kaffeehausmensch.

Nun, in der Rennsaison 2010 startete Gutensohn, damals gerade noch 43, bei den Olympischen Winterspielen, erreichte Platz 26 und gab Ende Februar ihren Rücktritt bekannt. War 2009 Zweite im Skicross Gesamtweltcup. Nicht traurig sein. Ausgelassen hat sie nichts. ,„Kagu“, ihr Skizirkus-Kürzel („des mag i gern“) begann ihre erste Karriere als Alpin-Skiläuferin mit 16 bei der Juniorenweltmeisterschaft in Sestriere mit einer Silbermedaille in der Kombination, erkämpfte 1985 Silber im Abfahrtsweltcup für Österreich und gewann später noch einen für Deutschland, da sie mit 23 Land und Verband gewechselt hatte.Problemlos, denn sie war mit einem „sehr sportlichen“ Arzt aus Rosenheim verheiratet.

„Eine Jugendsünde, genau drei Jahr, i war 21, wie i g’heirat hab. Das ständige Reisen hat uns schließlich entzweit“, schiebt sie ihre erste Ehe vom Tisch des Dancing Star-Hotels in Wien VII. Färbt Hochdeutsch mit Tirolerisch, in so einen Zwischendialekt, von dem man nicht weiß, wie man ihn schreiben soll. Sehr schmal im Kleid, kaum aufgemascherlt, alterslos, gelassen.

Geduldig zu Kaffeehausmenschen, wenn auch bestimmt bissl belustigt. Sie hat grad am Hometrainer eine hundert Jahre alte, völlig zerfledderte Schwarte über das Leben Buddhas gelesen. Doch das begründet ihre Klarheit nicht, „na, alle Gefühle und Begierden abtöten, dös gangert gar nit“.

Außerdem ist sie katholisch, wenn sie sich auch nicht zu sagen traute, welcher Gott der vielen Religionen der wahre und richtige ist, „vielleicht sind ja alle nur einer“. Das Fegefeuer aber, davon ist sie überzeugt, „ist sich jeder selbst“. Ihre Gelassenheit kommt daher, dass ihr drei Mal das Kreuzband gerissen ist, als sie aktiv war, dass sie trotzdem nie den Hut aufs Rennskifahren gehaut, jedes Zurück an den Start mit endlosen Therapien wie beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht geschluckt und immer wieder neu begonnen hat: „Das ist schon eine Schule des Lebens.“Optimistisch berauschte sie sich weiterhin an Geschwindigkeitsrekorden. Sagt selbstbewusst: „Der Mensch hat schließlich einen freien Willen.“

Trat nicht nur drei Mal bei Olympischen Spielen an, hat nicht nur jeden gängigen Sport von Schwimmen, Klettern bis Tennis und Golfspielen geübt, verweigerte sich ebenso keiner schrägen Herausforderung: Rollerbladen den Berg rauf und runter, Bungeejumping, Paragliding, wobei sie bei einer Weltmeisterschaft den 4. Platz belegte, und Sich-mit-dem-Fallschirm-aus-Flugzeugen-Hauen, „weil’s a guats Gfühl war“. Mehr noch: „Die Toleranzschwelle steigt bei vielen anderen Dingen, der Angstfaktor wird geringer. Zusatz: „Seit ich Kinder hab, springe ich nicht mehr.“ Tja.

Vor Kurzem hat sie den Kunstflugpiloten Hannes Arch kennengelernt, und klar, will sie Freestyle mit ihm fliegen. Genüsslich: „Wenn ein Flugzeug einen kurzen Absacker macht, klopft das Herz und man spürt einen kleinen Schreck! Ich finde das schön, andere nicht! Aber diese Kicks haben nix mit dem normalen Leben zu tun.“ Ein Flug ins Universum würde sie trotzdem interessieren ...Das normale Leben spielt in Kirchberg in Tirol. „Der Platz, wo ich hingehör.“ Dort ist sie geboren, aufgewachsen, hat das Haus der Eltern umgebaut, mit einer modernen Holzkonstruktion, so, dass die Mutter ihre eigene Wohnung hat. Sie kocht das Mittagessen für die Familie, traditionell tirolerisch, unter Enkelapplaus.

Am Abend experimentiert Kagu dann abwechselnd mit ihrem Mann an indischen Currys und Wok-Gerichten. Der Vater ist vor 17 Jahren gestorben, mit 60 an Krebs, „was mich sehr geschmerzt hat“. Und ja, „er geht mir heut noch ab“. Er war Schlosser und Installateur, und sie wollte ein Bub sein, und er fand nichts Seltsames daran: „Hat mi aufs Dach mitg’nommen, mir alles gezeigt und erklärt. Gut gefunden, wenn auch ein Mädel ein Handwerk kann. Die Mutter weniger ... „Koda, Kater, hat er immer zu mir gesagt.“ Ein sehr guter Skifahrer. „Er ist voll mit mir Tiefschneefahren gangen, da war ich fünf oder sechs. Er hat jeden noch so versteckten Hügel, Winkel, jede Tiefschneepiste g’wisst. So schön war’s, wenn die ganze Familie auf den Pisten unterwegs war.“ Tanzschule? „Nie. Von gelernt weit entfernt.“

Ein einziges Mal machte sich die 16-Jährige in die Disco auf, aber: „Es hat mir überhaupt kan Spaß g’macht. Bin glei wieder fort.“ Eher burschikos sei sie gewesen, doch kein herausragendes Talent im Skiklub, immer im Mittelfeld bis 12, 13. Mit 14. kamen die ersten Erfolge. Sie ging nach Stams in die Sporthandelsschule, und dann ging’s ganz schnell: Mit 15 im ÖSV-Jugendkader, mit 17 bei Europacup und Weltcup, mit 18. der erste Weltcupsieg. „Geplant hab ich’s nicht.“Ihrer Energie und Neugier immer noch zu wenig: In-Design, Computergrafik, hat sie gelernt, und zwischen 2004 und 2006 den „akademischen Sportjournalisten-Lehrgang“ an der Uni Salzburg gemacht – die letzten Prüfungen schon mit einem ziemlichen Bäucherl, schwanger mit Lino, ihrem Jüngsten. „So Kleinigkeiten, die mich interessiert haben“, nennt sie das.

Wollte sich als Sportjournalistin perfektionieren, was sie unakademisch schon vorher als Co-Kommentatorin beim ORF zwei Saisonen lang trainiert hatte, oder beim Schreiben für verschiedene Zeitungen, von der Süddeutschen bis zu „Österreich“. Zuletzt hat sie Berichte für „Servus TV“ geliefert, „aber mit drei Kindern und Sport daneben geht si nimmer viel aus.“ Buntes genug.Das Jahr nach ihrem Ausstieg mit 31 aus dem Skiweltcup hat sie einmal so kommentiert: „Da bist du erst mal satt. Da brauchst du ein Jahr, bis du dich erholst. Ich habe ein Jahr nur das Leben genossen: Ewig schlafen und ausgehen, und nicht fragen, was am nächsten Tag ist.“

Dabei begegnete sie dem Zahnarzt, dem Vater ihres Ältesten, Luca, zwölf. Wieder ein Arzt, „Zufall“, doch als sich die Bewegungssüchtige zum Skicrossen aufmachte, fand sie endlich den Richtigen, den Mann für die Familiengründung: Wolfgang Auderer, 15 Jahre jünger als sie, aber „eine Vaternatur“. Meint: „Das sieht man“, und dass darüber hinaus „das Verständnis füreinander größer sei, wenn man aus der gleichen Branche kommt. Es lebt sich leichter.“

Eifersucht? Gelassenheit: „Schön wär’s, wenn’s hält, bis die Kinder halbwegs groß sind. Dann hat man’s heutzutage schon ziemlich gut gemacht.“Gemeinsam mit ihrem Cousin betreiben sie in Kirchberg eine Skirennschule für junge Talente. Schwieriger als man denkt, sie zu motivieren, wenn die Freunde mit 14, 15 das Partyleben beginnen. „Aber mei Mann ist ein guter Pädagoge. I hilf mit, aber meist bin i mit den Kindern. Am Stockerl zu stehen, ist gigantisch, aber wennsd ein Kind aufhebst und druckst und es druckt zurück, ist das ein Gefühl wie am Stockerl! Wir kuscheln auch viel, kugeln auf der Couch, das ist schon fein.“Alles hat seine Zeit. Nein, im Vergangenen ist sie nicht steckengeblieben. Rührt nicht um, in „Warum damals nicht?“, weil’s oft am Schnee lag, an der Startnummer, oder daran, „dass es im Kopf net passt hat. Skifahren ist ein extremer Mentalsport. Das wird oft unterschätzt.“ Ein kleiner Seufzer: „In meinem nächsten Leben werd’ ich Techniker und kein Abfahrer. Mit 57/58 Kilo musst stets Kopf und Kragen riskieren, um zu gewinnen!“Doch sie ist diszipliniert. Teilt ihren Tag gut ein. Extremsportelt meist nur in der Zeit, in der die Kinder in der Schule sind. Sonst geht’s ihr um die Schule und den Sport von Luca, Lola und Lino. Die Einladung zu Dancing Stars hat sie fürs Erste ziemlich verblüfft. Dann hat sie alles besprochen, mit den Kindern, dem Mann, den Müttern, und weil ihr alle zugeredet haben, lernt sie jetzt Tanzen. Nur drei Tage pro Woche, aber dann kompakt (vier will sie bei den Kindern sein).

Ja, Tanzpartner Christoph Santner passt: „Wir lachen oft dermaßen, wenn ein Teil gelingt und i beim zweiten wieder hängen bleib. Jeder kloane Schritt densd’ machst, ist wichtig, sonst ist’s mit der Harmonie vorbei. Aber Christoph trainiert auch mit Kindern, er hat was Kindisches a, und des ist guat für mi. An der Eleganz muss ich noch ein wenig arbeiten.“

(KURIER Freizeit am Samstag/Ro Raftl) Erstellt am 23.02.2013, 13:32
Bitte Javascript aktivieren!