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Kurier Fotowettbewerb 2014
Tief ausgeschnittenes Kleid, Highheels, langes, schwarzes Haar und dazu der Bart. Conchita Wursts Gesichtshaar irritiert. Und das durchaus gewollt.
Tief ausgeschnittenes Kleid, Highheels, langes, schwarzes Haar und dazu der Bart. Conchita Wursts Gesichtshaar irritiert. Und das durchaus gewollt. - Foto: Kurier/Julia Karzel

Letztes Update am 17.09.2013, 07:00

Conchita Wurst: "Ein Bart alleine reicht nicht". Die bärtige Künstlerin Conchita Wurst löst als Österreichs Beitrag zum Songcontest 2014 heftige Reaktionen aus.

Sie polarisiert. Immer. Überall. Daran ist Conchita Wurst gewöhnt, vielmehr: Es gehört zum Erfolgsrezept ihrer Inszenierung. Doch mit den harschen Reaktionen auf ihre Teilnahme am Songcontest 2014 hat selbst die Wurst nicht gerechnet: Eine Facebook-Seite namens "Nein zu Conchita Wurst beim Song Contest" sammelte innerhalb weniger Tage 38.000 Fans. Dort sprechen sich viele gegen die ORF-Entscheidung ohne Publikumsvoting aus. Noch viel mehr richten sich mit teils untergriffigen und homophoben Kommentaren direkt gegen die bärtige Kunstfigur. Nun spricht Conchita Wurst aka Tom Neuwirth über die Kontroverse rund um ihre Person.

KURIER: Ihre bevorstehende Teilnahme am Songcontest 2014 hat viele negative Reaktionen ausgelöst, vor allem in sozialen Medien. Wie gehen Sie damit um?

Conchita Wurst: Was Kritik an meiner Person betrifft, bin ich relativ entspannt. Seit es mich gibt, gibt es gleichermaßen Gegner und Befürworter von mir und meiner Kunst. Jedoch wurden teilweise Kommentare gepostet, die einfach menschenverachtend sind. Hier geht es schon lange nicht mehr um den Songcontest oder um mich, sondern darum, dass bestimmte Gruppen aufs Heftigste diskriminiert werden. Darum habe ich auf meiner Facebook-Seite darauf reagiert und ein Statement abgegeben.

Die Betreiber von „NEIN zu Conchita Wurst beim Songcontest“ erklären, dass sie nicht gegen die Person Conchita Wurst ankämpfen, sondern gegen die vom ORF ohne Publikumsvoting gefällte Entscheidung, Sie zum Songcontest zu schicken. Wird hier ein fremder Kampf auf Ihrem Rücken ausgefochten?

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Foto: Paz Stammler Photography
Zum einen darf der ORF entsenden, wen er will und ist nicht verpflichtet, dafür ein Voting zu veranstalten. Zum anderen kam beispielsweise bei Eric Papilaya, der ebenfalls ohne Abstimmung am Songcontest 2007 teilnahm, keine Gegenbewegung auf. Wenn nun gesagt wird, es ginge gar nicht um mich, sondern um die Entscheidung an sich, ist das absoluter Schwachsinn. Für viele ist es undenkbar, dass eine Person, die so manche in ihrer Andersartigkeit verstört, für Österreich an den Start geht. Und plötzlich pinnen sich Menschen, die der Songcontest früher gar nicht interessiert hat, diesen Patriotismus an die Stirn. Es ist ja auch bezeichnend, dass die homophoben Aussagen von den Betreibern der Seite toleriert werden, aber Postings, die die Seite kritisieren, umgehend gelöscht werden.

"Die Welt reagiert auf eine Frau mit Haaren im Gesicht."

Fordern Sie solch heftige Reaktionen nicht gerade mit Ihrer Erscheinung heraus?

Ja, und zwar ganz gezielt. Vor allem der Bart ist ein Mittel für mich, zu polarisieren, auf mich aufmerksam zu machen. Die Welt reagiert auf eine Frau mit Haaren im Gesicht. Was ich mir wünsche, wäre, dass sich die Leute ausgehend von meiner ungewöhnlichen Erscheinung Gedanken machen - über sexuelle Orientierung, aber genauso über das Anderssein an sich.  Manchmal muss man den Menschen einfach und plakativ klarmachen, worum es geht.

Apropos plakativ: Was hat es mit Ihrem Nachnamen "Wurst" auf sich?

Im deutschsprachigen Raum war dieser Nachname für mich die einzige logische Wahl, denn: Am Ende des Tages ist es einfach wurst, wie man aussieht und woher man kommt, weil einzig und allein der Mensch zählt. Leider ist die Reaktion auf Neues und Anderes oft eher Angst bis Ablehnung.

Würden Sie sich als transsexuell bezeichnen?

Nein. Transsexualität ist ein ernstes Thema und eine Entscheidung, die fürs Leben getroffen wird. Conchita ist eine Kunstfigur, Tom Neuwirths Alter Ego. Das, was wir Kunstfiguren machen, ist wie es der Name schon sagt, Kunst. Wir machen das gerne, es bereitet uns Spaß, aber am Abend sind wir immer noch gerne in dem Körper, in dem wir geboren wurden.

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Foto: Kurier/Julia Karzel
Welche Rolle spielte ihre Tätigkeit als bärtige Kunstfigur bei der Entscheidung des ORF?
Ich habe beim ORF ein Konzept eingereicht, wie es auch jedem anderen Künstler möglich war, der sich für die Teilnahme am Songcontest interessiert hat. Und ganz ehrlich: Wenn ich nicht singen könnte, hätte man mich nicht ausgewählt. Der ORF trägt ja für mich die Verantwortung. Es reicht nicht nur, einen Bart zu haben. Ein bisschen Talent muss auch dahinterstecken.

Tom Neuwirths Lebenslauf besagt, dass er aus dem oberösterreichischen Gmunden stammt, in Conchitas Biografie ist von einer Kindheit im kolumbianischen Hochland die Rede - was ist Show, was ist real?

Die einfachste Erklärung dafür ist, dass in meiner Brust zwei Herzen schlagen: Zum einen das der Kunstfigur und zum anderen das der Privatperson. Nachdem ich meinen Job ernst nehme, hat Conchita genauso ein Recht auf einen eigenen Lebenslauf wie Tom Neuwirth. Conchita ist real und wird auch nicht mit "er", sondern mit "sie" angesprochen. Es ist auch selbstverständlich, dass ich als Conchita auf die Damentoilette gehe.

Kreischen da nicht die Mädels auf der Toilette?

Nein, die lieben es. Und ich liebe es auch. Ich geh dann im Club immer in die Toilette und frage erstmal: 'Mädels, wer hat Lipgloss?'

Wie lange brauchen Sie, um sich zu schminken?

Es kommt immer darauf an, wie viel Zeit ich habe. Wenn mir jemand sagt, du musst in einer halben Stunde fertig sein, schaffe ich es in 40 Minuten. Wenn es heißt, lass dir Zeit, kann es vier Stunden dauern. Einfach weil das Spaß macht. Da sitze ich dann an meinem Schminktisch, mit einem Gläschen Prosecco und male mich an.

 

Conchita Wurst ist heute um 22.00 Uhr bei Willkommen Österreich auf ORF eins zu Gast.

 


Knecht

Da braucht jemand sehr viel Kraft

Noch eins zu Conchita. Man muss das nicht großartig finden, was Conchita macht, man kann daran alles mögliche kritisch beäugen: die Stimme, das Mainstream-Liedgut, das Frauenbild, das sie verkörpert. Wie in der Travestie allgemein üblich, wenig überraschend deshalb, weil es die größtmögliche Differenz zum noch immer gängigen Männlichkeitsklischee bildet. Wenn sich Hipster-Männer (Röhrenhosen, kariertes Hemd, Nerdbrille) als Hipster-Frauen (Röhrenhosen, kariertes Hemd, Nerdbrille) verkleiden würden, wäre das – und das ist schon gut so, weil ein Zeichen des Fortschritts in der Gleichberechtigung der Geschlechter –, fürs Varieté eher unbrauchbar. Jetzt einmal abgesehen von den bei Hipster-Männern so beliebten Vollbärten.

Und da sind wir wieder bei Conchita. Ihr Bart definiert den Unterschied zur üblichen Travestie, in der es darum geht, alle vermeintlich männlichen durch sog. weibliche Attribute zu ersetzen. Conchita macht das nicht. Sie ergänzt. Sie ist eine Mann-Frau und ein Frau-Mann. In ihr vermischen sich die Geschlechter, verwischen die Unterschiede. Und gerade das Unernste darin, die zwinkernde Heiterkeit, mit der damit ein durchaus ernsthaftes Anliegen transportiert wird, macht es so sympathisch. Da ist kein Bestemm darin, nichts Sektiererisches und kein Milligramm Aggression.

Umso unverständlicher die Welle von Hass und Intoleranz, die Conchita Wurst dafür überrollt. Es ist für eine einzelne Person schwer, so viel Hass auszuhalten. Das braucht viel Stärke, Kraft, gute, sehr gute Freunde. Und ein großes Maß an Gelassenheit: Sie könne, schreibt Conchita (heute Abend zu Gast in „Willkommen Österreich“) auf ihrer Facebook-Seite an die Fans der Anti-Conchita-Seite, „wirklich gut damit leben“, dass mit ihrer Person nicht jeder etwas anfangen könne. Aber: „Wie würde es euch gehen, wenn eure Freunde, Verwandten, Kinder, Kollegen usw. auf diese Weise beschimpft werden?“ Oder sie selber? Die Initiatoren der Anti-Conchita-Seite sollten das dringend bedenken.

(Kurier) Erstellt am 17.09.2013, 07:00

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