Zuerst werden wir dümmer, dann ärmer

Die Bildung der nächsten Generation ist Grundlage für Wohlstand, Pensionen und sozialen Frieden.

Bildungsnotstand überall, also auch bei den Volksvertretern. Robert Lugar vom geschrumpften Team Stronach wollte Flüchtlinge ausgerechnet mit der Bezeichnung "Neandertaler" beleidigen. Deren Erbgut lässt sich freilich bei Europäern und Asiaten nachweisen, zu 1,5 bis 4 Prozent. Wenn schon jemand zugewandert ist, dann der Homo sapiens, der "Weise", wie wir uns gerne nennen. Die neuesten Erkenntnisse dazu hätte Herr Lugar vor einem Monat im KURIER lesen können.

Apropos Weisheit: Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek war schließlich doch so klug, von New York aus mit dem KURIER über die erschreckenden Zustände in vielen Schulen zu sprechen. Die Antworten müssen uns freilich Sorgen machen. So rät die Ministerin den Ländern, ihre Budgets einfach zu überziehen. Der Bund werde die fehlenden Mittel schon refundieren. Ordentliche Planung stellen wir uns anders vor. Außerdem solle man nicht dramatisieren. Das klingt nach den unglaublichen Berichten aus verschiedenen Schulen in den letzten Tagen so, als würde man einem Ertrinkenden sagen, Wasser sei ohnehin gesund. Erfreulich ist freilich, dass Frau Heinisch-Hosek betont, dass sich kein Lehrer fürchte müsse, wenn er auf Missstände aufmerksam macht. Das sollte in einem demokratischen Gemeinwesen klar sein. Aber es ist fraglich, ob Lehrerinnen und Lehrer diesem Ministerwort glauben. Sie haben ja so ihre Erfahrungen, wie sie uns schreiben.

Ohne breite Bildung kein Wohlstand

An dieser aktuellen Debatte zeigt sich deutlich, wie wenig die Aussagen von Politikern mit den alltäglichen Erlebnissen der Menschen zu tun haben. Das ist die Ursache für die noch immer steigende Politikverdrossenheit. "Eh nicht dramatisch", sagt die Ressortchefin den Lehrern, die in Klassen stehen, wo kein Kind auch nur ein Wort Deutsch kann. Dazu kommen die ständigen Versprechungen, die ohne Folgen bleiben. So haben sowohl Sebastian Kurz als auch Werner Faymann im Jahr 2011 die Notwendigkeit des verpflichtenden zweiten Kindergartenjahres betont. Seither ist aber nichts passiert, außer wenn Praktiker auf der lokalen Ebene gehandelt haben. So gehen fast alle burgenländischen Kinder inzwischen zwei Jahre in den Kindergarten. Immerhin.

Dank einiger mutiger Lehrerinnen und Lehrer ist das Thema jetzt so virulent, dass die Politik handeln muss. Es gibt ja viele Freiwillige, die etwa als Lesepaten mithelfen, diese müssen motiviert werden. Mehr Sozialarbeiter müssen in die ausländischen Kulturvereine, damit man auch dort versteht, dass die deutsche Sprache Grundlage für ein Leben in Österreich ist. Und wer es unbedingt parteipolitisch will: Die Sozialdemokratie wurzelt in den Arbeiterbildungsvereinen, und auch der Aufstieg des Bürgertums wäre ohne Bildung undenkbar gewesen. Wenn auch nur ein Teil unserer Gesellschaft immer mehr verdummt, sind Demokratie und Wohlstand schneller gefährdet, als wir uns das vorstellen können.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?