Der europäische Islam braucht die Aufklärung

In Europa werden Muslime lernen müssen, Kritik am Islam zuzulassen. Das gehört zu unserer Gesellschaft.

"Mohamed – eine Abrechnung": Der Titel des Buches ist Programm. Der ägyptisch-deutsche Publizist Hamed Abdel-Samad rechnet mit dem Propheten ab, indem er diesen als psychisch instabilen, von seiner Mutter, die ihn als Baby weggegeben hat, gekränkten Mann beschreibt. Die Suren des Koran seien ihm nicht von Allah eingegeben worden, sondern dienten der Rechtfertigung von Handlungen im Leben Mohameds, der sich vom Händler zum Feldherrn und Religionsstifter entwickelt hat. Abdel-Samad spitzt extrem zu, was sich aus seiner Biografie – vom Gläubigen zum Kritiker – erklärt. So beschreibt er am Ende des Buches, wie ihm ein deutscher Student der katholischen Theologie einen Witz über die Mutter Maria erzählt. Das löste bei ihm Ängste aus, auch er werde sich einmal über seine Religion lustig machen. "Die Angst um meine heiligen Symbole führte mich in die Isolation. Ich entschied mich damals, mich von der deutschen Gesellschaft abzuschotten, um meine Religion vor Schmähung und Kritik zu schützen. Das war die friedliche Variante." Und über seinen katholischen Studienkollegen in Augsburg schreibt Abdel-Samad: "Er lachte über seine Religion, weil er frei von Dogmen und Zwängen war. Erst die Freiheit macht es möglich, dass man seinen Glauben behält und trotzdem eine gewisse Distanz zu diesem Glauben bewahrt, die Selbstkritik und Satire zulässt."

Muslime haben es nicht leicht im Moment. Im besten Fall werden sie schief angesehen, im schlimmsten als Terroristen verdächtigt. Jeder erwartet eine Distanz zum Terror. Da können Gelehrte und Funktionäre nur eines tun: Endlich eine Diskussion über Mohamed und den Koran zulassen. Auch über Suren, die Gewalt rechtfertigen. Wer glaubt, dass der Koran dem Propheten zwischen 610 und 632 von Gott eingegeben wurde, wird dennoch zugeben müssen, dass er erst später aufgeschrieben wurde, oft verschiedene Interpretationen zulässt und nur aus dem Kontext des 7. Jahrhunderts, der Lage in der arabischen Welt und den Kriegszügen Mohameds, verständlich ist. Widersprüche sind leicht zu entdecken.

Aufklärung: die Chance für Muslime in Europa

Für unsere Gesellschaft, die sich auf einen Zuwachs an Muslimen einstellen muss, kann ja nur eines wichtig sein: Dass Gläubige den Koran als Grundlage ihres privaten Glaubens, aber sicher nicht als Teil der staatlichen Ordnung sehen können. Wenn Muslime das schaffen, entgehen sie auch eher dem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, der die Kriege im Nahen Osten befeuert. Dem Christentum hat es gutgetan, dass es nicht mehr Teil von staatlicher Macht und Grund für Kriege ist. Und zu lernen, dass Zweifel zum Glauben gehört, war für manche Christen schmerzhaft, aber notwendig.

Der Koran wird von Terroristen missbraucht, sie scheren sich, siehe Paris, oft auch nicht um die Vorschriften. Nur durch moderne Auslegung und die klare Distanzierung von gewalttätigen und frauenfeindlichen Teilen werden Islam und Koran zu Europa gehören können.

(kurier) Erstellt am
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