Buchstabieren auch Sie nationalsozia­lis­tisch?

In der Regel sind die Telefonverbindungen heutzutage glasfaserklar, mitunter aber muss man doch auf die Buchstabiertafel zurückgreifen, um halbwegs sicher gehen zu können, dass der Zuhörer ein Wort, meist den Nachnamen, richtig notiert. Jedem Buchstaben ist in dieser Tafel ein prägnanter Begriff zugeordnet. International  verwendet man „Alfa, Bravo, Charlie“, im deutschsprachigen Raum  „Anton, Berta, Cäsar“.

Das stimmt allerdings nicht ganz. Denn die Schweizer buchstabieren zum Teil ganz anders. Sie sagen Anna statt Anton und Yverdon statt Ypsilon. Es gibt auch einige Unterschiede zwischen der deutschen Buchstabiertafel (DIN 5009) und dem heimischen Pendant (Ö-Norm A 1081). Das „Buchstabieralphabet“ ist im Österreichischen Wörterbuch abgedruckt (auch wenn das Wort selbst absurderweise nicht in dieses aufgenommen wurde).

Mit der Ö-Norm A 1081 grenzen wir uns also vom großen Bruder ab: Wir sagen nicht Ökonom, sondern Österreich. Und wir buchstabieren brav nationalsozialistisch. Sie glauben mir nicht?  Dann buchstabieren Sie doch bitte „Hans“. Ich traue mich  zu wetten: Heinrich – Anton – Nordpol – Siegfried.

Die Buchstabiertafel mit Wörtern tauchte erstmals im Berliner Telefonbuch von 1903 auf, wie man auf Wikipedia nachlesen kann. Sie wurde in den nächsten drei Jahrzehnten mehrfach überarbeitet, eine radikale Änderung aber gab es erst mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933. Ein Herr Schliemann hielt es „in Anbetracht des nationalen Umschwungs“ für nicht angebracht, „die in der Buchstabiertabelle des Telefonbuchs aufgeführten jüdischen Namen wie David, Nathan, Samuel etc. noch länger beizubehalten“. Er nehme an, dass sich geeignete deutsche Namen finden ließen.

Und so machte sich die Post tatsächlich ans „Ausmerzen“. Man stelle sich vor, Adolf Hitler hätte NSDAP buchstabieren müssen: Nathan – Samuel – David! Aus David wurde daher Dora, aus Jacob Jot, aus Nathan Nordpol, aus Samuel Siegfried und aus Zacharias Zeppelin.

1948  nahm man in die deutsche Buchstabiertafel zumindest zwei der biblischen Namen, Samuel und Zacharias, wieder auf. In Österreich hingegen kam es  nie  zur „Entnazifizierung“ des Alphabets.

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Vielleicht erinnern Sie sich: Anfang Juli 2013 präsentierte der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) den Bericht über bedenkliche Straßennamen (das Projekt kostete 70.000 Euro). Der Karl-Lueger-Ring wurde in der Folge in Universitätsring umbenannt. Aber was passierte sonst in den letzten zweieinhalb Jahren?Am 2. Februar fragte Ihr Tratsch-Partner im Büro des Stadtrats nach, ob es nicht Zeit für eine Evaluierung sei. Eine halbwegs brauchbare Antwort blieb trotz nochmaliger Nachfrage aus. Der Schluss liegt daher nahe, dass rein gar nichts passierte.

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Das Land Steiermark ist etwas schneller. Am 23. März 2015 war an dieser Stelle zu lesen, dass  der Interpretationspreis, ursprünglich nach dem Komponisten Johann Joseph Fux benannt, seit 1998 an einen Hitler-Günstling erinnere. Kulturlandesrat Christian Buchmann (ÖVP) war zunächst erstaunt, denn er wusste nicht, dass Karl Böhm für Hitler Partei ergriffen hatte. Doch  Buchmann machte sich schlau – und veranlasste nun eine neuerliche Umbenennung. In „Großer Interpretationspreis“.

(KURIER) Erstellt am
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