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02.

Juli

2015

Gerfundene Zeit

Und? Haben Sie die gestrige Schaltsekunde gut überstanden? Oder laborieren Sie unter dem gefürchteten „Mini-Jetlag“? Experten raten empfindlichen Personen ja, die Zeitumstellung aufzuteilen – jeden Tag eine Zehntelsekunde. Ansonsten gilt der Tipp, der im Gesundheitsjournalismus bei allen Arten von Beschwerden und Zuständen gilt: Viel trinken, mindestens drei Liter, und zwar lauwarmes Wasser oder ungesüßten Tee, schlückchenweise. Entscheidend ist: Es darf nicht gut schmecken. Eine Frage, die …

01.

Juli

2015

Qualität? Zumutung!

Der verstorbene Gerd Bacher pflegte zu sagen: Es interessiert mich nicht, es sei denn, es hat Qualität. Was zeigt das Fernsehen erst spät in der Nacht? Sex, Gewalt und Qualität. Das ist interessant, denn es lässt einen Rückschluss zu: Offenbar ist man beim Fernsehen heute der Meinung, Qualität sei – so wie Sex und Gewalt – eine Art Zumutung, die es möglichst gut zu verstecken gilt, damit niemand davon schockiert wird. Daher darf man Qualität, wenn einen das Rundfunkgesetz schon dazu nötigt, …

30.

Juni

2015

Wichtige Sekunde

In der Nacht von heute auf morgen, exakt um 01:59:59 Uhr unserer Zeit, wird in unsere Zeit eine Sekunde eingeschoben: eine Schaltsekunde. Das ist alle paar Jahre notwendig, weil die Erde für eine Umdrehung eine Spur länger braucht als die 24 Stunden, die die Atomuhr für einen Tag vorsieht. Jetzt wollen wir nicht nörgeln, was für Pfuscher die Atomuhrmacher gewesen sind, dass sie das beim Uhrmachen nicht wussten. Sondern das Positive sehen: Helene Fischer hat mehr Zeit, sich zwischen ihren …

29.

Juni

2015

Eintritts-Poesie

Warten auf dem Amt. Wer Zeitung/Buch vergessen hat und nicht zu den monotonen Handy-Glotzern gehört, hat trotzdem genug zu lesen. Denn an den Wänden findet sich, auf selbst gestrickten A4-Plakaten, die in der Literaturkritik weithin unterschätzte Eintritts-Poesie. Ein Auszug: "Sehr geehrte Kunden/innen KEIN EINTRITT Anmeldung Zi 150 Danke"; "Eintritt nach Aufruf", in Abwandlung "Eintritt nur nach Aufruf"; "Bitte! Kein! Eingang"; "Bitte einzeln eintreten"; "Bitte fest drücken"; "Eintritt …

28.

Juni

2015

Gesichtslos-Buch

Facebook wurde erfunden, um dem Rückstau von Katzenfotos und Heißluftsprüchen wie „Sei selbst die Veränderung“ ein Ventil zu geben.  Ohne Facebook wäre der Katzenfotoüberdruck so sehr angestiegen, dass es die Welt zerrissen hätte. (Twitter dagegen dient zum Spatzivergleich unter journalistischen Alpha-Rüden, zum Brüllen nach Kaffee und zur Verbreitung bemühter Wortspiele im Stil von „die FIFA hat wegen der WM einen Riesen-Qatar“.) Vor allem aber wurden die sozialen Netzwerke erfunden, …

27.

Juni

2015

Borg.

Wie man  weiß, gibt es vier Arten von Borg. 1. Schwedische Tennisspieler mit Stirnband. 2. Die bösen Maschinenmenschen aus „Star Trek“, die alle anderen assimilieren. 3. Bundesoberstufenrealgymnasien. 4.  Nicht ganz so schlanke „Musikantenstadl“-Moderatoren aus Österreich. Um 4. soll es heute gehen. „Nicht ganz so schlank“ ist jetzt keine Beleidigung, das hat Andy Borg  selbst über sich gesagt. Borg moderiert heute, Samstag, seinen letzten Stadl, er wird ersetzt durch Francine …

26.

Juni

2015

Liebeserklärung an ein Land

Mit 12 war es endlich ENDLICH so weit. Ich durfte zum ersten Mal in ein Flugzeug steigen. Vor Aufregung bekam ich Magenkrämpfe. Aber das Land, in dem mich das Flugzeug sanft absetzte, heilte mich blitzartig. Athen und seine Menschen – das war die Kulisse meiner schönsten Träume. Noch Jahrzehnte später weiß ich, wie mein Athen damals gerochen hat: eine unwiederbringliche Mischung aus Souvlaki, Zweitaktsprit und Orangenblüten. Immer wieder rieb ich mir die Augen: War ich tatsächlich hier? In …

25.

Juni

2015

Gin und Hetz

Oft wird gefragt, ob der Job des Bundespräsidenten oder der der Queen in Britannien nicht überflüssig sei. Letztere ist eine liebenswerte alte Hutblume, wie man bei allem Respekt sagen darf. Sie feiert in Berlin gerade ihren 89er. Mit 50 Liter Gin – aber der ist dem Vernehmen nach auch für die 600 Gäste der Gartenparty in der britischen Botschaft. Der Königin Gemahl nannte besagte Botschaft bei ihrer Eröffnung übrigens "eine unglaubliche Platzverschwendung". Er ist auch sonst meist gut drauf:…

24.

Juni

2015

Sommer!

Heute in sechs Monaten ist Weihnachten. Das ist wichtig zu wissen, weil man sonst nicht versteht, warum in sechs Wochen im Supermarkt die ersten Lebkuchen-Stapel stehen werden (wetten!?). Und warum schon überall "Sale" ist (einst: Sommerschlussverkauf). Sommerschluss?? Dabei geht’s doch erst richtig los mit dem Sommer. Und mit vielen guten Tipps: Urlaubsstauvermeidung (fahren, wo alle fahren, dann ist der Rest des Landes staufrei). Hitzekollapsvermeidung (Heizung abdrehen). …

23.

Juni

2015

Geheimes Beispiel

Sie kennen das: Geburtsdatum, Name der Kinder oder Buchstaben/Zahlen, von beiden mindestens drei. Und dann muss man alle nasenlang eines der gefühlt 57 Passwörter, die man hat, ändern. Da gehen bald die Ideen aus. Und für gewiefte Hacker sind selbst die fantasiereichsten Passwörter ohnehin nur ein Riesenspaß. Da klingt die Idee, dass die todsichere Spracherkennung bald das Passwort ersetzen soll (siehe Seite 24), bestechend. Bloß: Es gibt neben Doppelgängern auch Doppelsprecher. Der …

22.

Juni

2015

Nicht wegzudenken

Unlängst wieder einmal im Fernsehen gehört: "Herr XY ist aus dem Kulturleben der Region YZ nicht wegzudenken." Nicht wegzudenken ist eine der beliebtesten Phrasen des Journalismus – ein herrliches Beispiel für jene Fertigteilsprache, mit der unter Zeitdruck stehende Autoren gerne das Denken ersetzen. (Der skandalöserweise immer noch tote Satiriker Loriot persiflierte diese Phrase mit dem Satz "Frauen sind aus der heutigen Welt einfach nicht mehr wegzudenken"). Frage: Wie kann man etwas "…

21.

Juni

2015

Retour Richtung Höhle?

Es gibt interessante neue Erkenntnisse über die Intelligenz (siehe „Mein Sonntag“). Bis jetzt ist die Wissenschaft davon ausgegangen, dass wir immer klüger werden, und zwar als Folge von besserer Ernährung, besserer medizinischer Versorgung und mehr Bildung.  Um drei IQ-Punkte steige die durchschnittliche Intelligenz der Bevölkerung pro Jahrzehnt, berechnete die Forschung. Daraus ergeben sich zwei irritierende Fragen. a) Heißt das, die Menschen früherer Jahrhunderte waren dumm wie …

20.

Juni

2015

Gerechtigkeitssinn

Wir neigen ja dazu, zu glauben, dass wir als gute Menschen auf die Welt kommen, denen das Gutsein ausgetrieben wird, je länger unser Aufenthalt auf diesem Planeten dauert. (Es gibt aber auch Wissenschaftler, welche die umgekehrte These vertreten – der Mensch komme ohne Moral, also "böse" zur Welt, und lerne mit der Zeit, sich halbwegs anständig zu benehmen). Bei einer Versuchsreihe haben Forscher der Universi1tät Manchester jetzt herausgefunden, dass Dreijährige einen ausgeprägten …

19.

Juni

2015

Ziemlich wundern

Unlängst war an dieser  Stelle von der „Naivität“ die Rede: Wer die Welt zum Besseren verändern  möchte, werde als „naiv“ abgestempelt, sagte  der Liedermacher Konstantin Wecker sinngemäß – weswegen er die Bezeichnung „Naiver“ quasi als Ehrentitel nehme. Und damit sind wir bei Papst Franziskus. Der fordert in einer Enzyklika die Menschheit zum Umdenken im Umgang mit der Umwelt auf. Konkret ist von Verschmutzung, Wasserknappheit und  Tierquälerei die Rede. Und von der vom …

18.

Juni

2015

Nicht systemkompatibel

Der Anlassfall ist etwas für Freunde der höheren Spitzfindigkeit: Ist die Mercedes-Werbekampagne mit Anna Fenninger wirklich eine Mercedes-Werbekampagne, oder eine Werbekampagne für von Mercedes getragene  Charity-Aktionen? Und wenn ja, warum nicht? In Wahrheit ist der Anlass nebensächlich, zwischen Fenninger und dem ÖSV hätte es  sowieso gekracht. Fenninger, eine nicht nur erfolgreiche und populäre, sondern auch selbstbewusste und intelligente Athletin, will nicht mehr in das …

17.

Juni

2015

Naive vor!

Der Liedermacher Konstantin Wecker bekennt sich dazu, von einer gewaltfreien Welt zu träumen. Und wenn man ihn deswegen als naiv bezeichne, dann störe ihn das nicht: „Natürlich ist Pazifismus naiv, aber ich stehe zu meiner Naivität.“ Träumen, vielleicht sogar noch von einer besseren Welt, ist etwas, aus dem man herauswächst. Wir wissen das, wir Pragmatiker, die mit beiden Füßen fest im Leben stehen, wir wissen, was möglich ist und was nicht, wir haben gelernt, mit den Achseln zu zucken, …

16.

Juni

2015

Damit höre ich nie auf

Eine Szene im Billa: Ein junges Paar, ein Kind von etwa drei Jahren. Das Kind quengelt und sägt an Nerven, es will dieses, es will jenes, es greift in die Regale, es ist laut und lästig. Kurz, es ist, wie man so sagt (und nie nie nie tun würde): Zum An-die-Wand-Picken. Experten raten an dieser Stelle gerne, das Kind doch abzulenken, das würde immer funktionieren. Diese Experten haben noch nie ein Kind in freier Wildbahn gesehen. Als alles nichts hilft und das Volk bereits zu murren beginnt, …

15.

Juni

2015

Hornochsen im Streichelzoo

Es ist Sommer, da greift der Städter gerne zum Alpin-Flipflop, und die Städterin hüllt den Fuß in den Hochgebirgs-Stöckelschuh, und beide rennen auf die Alm. Und dort kommt es zum Konflikt, denn auf der Alm, da wohnt die Kuh, und die macht nicht gerne Platz. Die Berichte über blutige Zusammenstöße zwischen Kuh und Mensch mehren sich. Vor einem Jahr veröffentlichte der Tiroler Fremdenverkehrsverband deshalb sogar einen Verhaltenscodex, der sich aber nicht bewährte, da die meisten Kühe nicht …

14.

Juni

2015

Geht Rot-Rot noch?

Die Lage der SPÖ erinnert an eine außer Kontrolle geratene Gruppentherapie. Gegen einen schonungslosen Selbstfindungsprozess ist nichts einzuwenden. Aber kann man sich eine Rund-um-die-Uhr-Katharsis leisten, während man 24 Stunden am Tag regieren sollte, um die akuten Probleme des Landes in den Griff zu kriegen? Der Wiener Bürgermeister ortet schlicht ein "Kommunikationsproblem". Das klingt, als wolle er bei einem Komapatienten den eingewachsenen Zehennagel zuerst behandeln. Ein hoher …

13.

Juni

2015

Gewöhnt euch dran.

Auf  die Frage, ob man etwas, das sich nicht bewährt hat  oder sich nicht mehr bewährt, ändern könnte, gibt es in Österreich die drei klassischen Antworten: 1. Des hamma immer schon so gemacht. 2. Da kunnt ja a jeder kommen! 3. Wer lasst fragen? Anders ausgedrückt: Das System Österreich ist veränderungsresistent. Veränderungen werden hierzulande eher als Ruhestörung aufgefasst. Mögliche Veränderungen werden daher gerne so lange in Arbeitskreisen zwischengelagert, bis keiner mehr …

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