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27.

Jänner

2013

Letztes Update am 27.01.2013, 07:00

Gesellschafts­lehre.

Vor dem prachtvoll renovierten Saal hatte sich eine kleine Gruppe positioniert, um die Gäste zu begrüßen. Ich reihte mich ein, stand dann also vor Viscount Linley, dem sympathischen Enkel der Queen, und hatte das große Glück, als „Societyreporter“ vorgestellt zu werden.

Viscount Linley, der für einen Vortrag nach Wien gekommen war, zuckte bei dem Wort „Societyreporter“ nicht zusammen, zumindest nach außen hin war ihm nichts anzumerken. „Er wird nicht über das Event berichten“, hieß es dann weiter, „sondern darüber, dass Sie keine Krawatte tragen“, was hiermit geschehen ist.

Viscount Linley lächelte. In diesem Moment beschloss ich, meine Wirkung auf andere und die Reaktion auf meine Œuvres neu zu überdenken. Ich war, trotz Buckel, nicht unzufrieden gekommen und innerhalb von Sekunden zum Gesellschaftsredakteur degradiert, dessen Schaffen sich auf die Berichterstattung einer nichtvorhandenen Krawatte fokussiert.

Ich taumelte, musste mich anlehnen, als umgehend eine sehr freundliche Kellnerin erschien und mich ersuchte, vom Anlehnen Abstand zu nehmen, da es sich um eine frischrenovierte Wand handelte. Das war durchaus nachvollziehbar. Der Vortrag, ja der ganze Abend war sehr unterhaltend und auch die Vorsehung hatte Erbarmen.

Plötzlich stand ich erneut vor Viscount Linley, er schien mich noch nie zuvor gesehen zu haben, gab mir freundlich die Hand, ich schwieg eisern über meine Profession und schenkte der fehlenden Krawatte keinerlei Aufmerksamkeit.

(kurier) Erstellt am 27.01.2013, 07:00
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