Liebe Deinen Nächsten...

Stift Mehrerau
Foto: NIK
"Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst", heißt es in der Bibel. Ein Pater aus Vorarlberg hat das Zitat über Jahre hinweg zu wörtlich genommen und sehr frei interpretiert. Zudem hat er Liebe mit sexuellem Missbrauch verwechselt.
Pater Johannes aus dem Bregenzer Kloster Mehrerau soll mehrere Kinder sexuell missbraucht und vergewaltigt haben. Als Lehrer und Regens des Kloster-Gymnasiums. Der Mann ist geständig und wurde dennoch nie dafür verurteilt.
 
Das Kloster muss von seiner Vergangenheit gewusst haben. Jahrzehntelang wurde darüber geschwiegen. Was Pater Johannes wiederum ermöglichte, Kinder zu missbrauchen. Bereits 1968 war Pater Johannes wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes bedingt zu vier Monaten schweren Kerkers verurteilt worden. Anfang der 1970er-Jahre wurde er dennoch als Lehrer im Stiftsgymnasium aufgenommen. Das Zisterzienser-Stift ließ den Pädophilen wieder auf Kinder los. Erst im Jahr 2004 kam seine pädophile Neigung erneut ans Tageslicht. Der Polizei gestand Pater Johannes, von etwa 1970 bis 1982 "fünf bis zehn Schüler wiederholt sexuell missbraucht" zu haben. Das Gericht musste ihn dennoch ziehen lassen. Wegen Verjährung. Trotz Geständnisses.
 
Wo ist der Pater?
Von 1982 bis 2010 war Pater Johannes in einem Dorf in Tirol Pfarrer. Jetzt weilt er, schenkt man den Aussagen des Klosters Glauben, im Ausland. Wo er sich aufhält, wird nicht verraten. Das Landesgericht Feldkirch rollt nun zwei weitere Fälle sexuellen Missbrauchs von Klosterschülern durch den Pater auf und kam zum Schluss, dass die Verjährung hier nicht anzuwenden sei. Juristen gehen davon aus, dass das Kloster berufen wird.
Neben der juristischen gibt es auch eine moralische Komponente: Kann ein Orden wirklich wollen, dass Verbrechen nicht aufgeklärt werden? Soll - wie schon in den vergangenen 40 Jahren - wieder alles unter den Teppich gekehrt werden? Wollen die Brüder die Schuld schweigend unter ihrer Soutane mitschleppen? Trägt nicht der Orden die Verantwortung, wenn er einen verurteilten Pädophilen als Lehrer und später Leiter einer Schule einsetzt und er weiterhin Verbrechen an Kindern verüben kann? Denken die geistlichen Herren, es reiche, wenn sich Pater Johannes vor dem Herrgott, nicht aber vor einem irdischen Gericht verantwortet?
 
Christliche Werte
Beruft das Kloster nicht, kann das Gericht die Vorkommnisse aufarbeiten. Beruft es gegen die gerichtliche Ablehnung der Verjährung, sind weitere Instanzen am Zug. Die Hoffnung, dass sich das Urteil des Feldkircher Richters dennoch durchsetzt, besteht. Dann muss das Kloster Mehrerau, auch wenn sich das Verfahren möglicherweise Jahre verzögert haben wird, seiner unrühmlichen Geschichte stellen. Juristisch. Wie es sich mit den christlichen Werten ausgeht, sollte man sich mit allen Mitteln gegen eine gerichtliche Aufarbeitung der Fälle wehren, steht auf einem anderen Blatt.
(KURIER) Erstellt am
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