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Nach dem Aufdecken der schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon Deutschland wollen viele lieber anderswo einkaufen.
Nach dem Aufdecken der schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon Deutschland wollen viele lieber anderswo einkaufen. - Foto: APA/UWE ZUCCHI

Letztes Update am 19.02.2013, 18:21

Amazon-Skandal verursacht Protestwelle im Netz. Der Onlinehändler steht unter Druck. Nutzer wollen zumindest vorerst nicht mehr bestellen.

Nach tagelangem Schweigen meldet sich die involvierte österreichische Leiharbeitsfirma Trenkwalder zur Causa Amazon erstmals zu Wort. Die Firma geriet nach einer ARD-Dokumentation über katastrophale Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern ins Kreuzfeuer der Kritik. Trenkwalder habe mit 1.000 Leiharbeitern nur "einen kleineren Teil" der zusätzlichen Arbeitskräfte für das Amazon-Weihnachtsgeschäft gestellt, beteuerte das Unternehmen am Dienstagnachmittag in einer Stellungnahme. Trenkwalder sieht sich durch einen Bericht des deutschen Arbeitsministeriums entlastet. Dieses betonte allerdings am Dienstag, dass solch ein Bericht noch nicht vorliege.

Rund um den Skandal formiert sich im Netz weiter der Widerstand. "amazon? Nein Danke“ – so nennt sich eine jüngst auf Facebook formierte Protestgruppe, die infolge des Skandals um die widrigen Arbeitsbedingungen bei dem Onlinehändler in Deutschland gegründet wurde. Die Facebook-Gruppe zählt inzwischen mehr als 4000 Mitglieder. Gleichzeitig entstand eine Webseite, auf der man eine Protest-Petition unterzeichnen kann. Sie zählt bereits mehr als 26.600 Unterstützer. Auch auf anderen Social-Media-Kanälen, in Online- ebenso wie in Offline-Medien, stößt man dieser Tage auf heftige Kritik an dem Konzern: Es wird zum Boykott aufgerufen, neben den schlechten Arbeitsbedingungen ist von Steuerflucht die Rede und generellem Schaden für heimische Buchhändler. Die grundlegende Frage ist nun, was am Ende von der Aufregung und dem Aufdecken des Skandals übrig bleiben wird, ob sich Kunden tatsächlich „bewusster“ verhalten und auch, ob die Politik Maßnahmen ergreift.


Unter Druck

„Man merkt schon, dass der Druck aus der Öffentlichkeit etwas bewegt. Immerhin hat Amazon in Deutschland bereits reagiert und sich von bestimmten Firmen getrennt“, sagt Petra Hartlieb, Wiener Buchhändlerin und engagierte Amazon-Kritikerin, zum KURIER. Generell gibt es laut Hartlieb zwei wesentliche Punkte in der Diskussion. Einmal den Skandal um die Arbeitsbedingungen selbst und auf der anderen Seite, die Debatte, die schon davor im Gang war: Nämlich, ob man bei Amazon überhaupt kaufen sollte bzw. warum das der heimischen Wirtschaft und den Buchhändlern schade. „Es geht – aus unserer Sicht – um Bücher und da stimmt das Argument, diese seien bei Amazon billiger, gar nicht“, sagt Hartlieb. Immerhin gelte die Buchpreisbindung, das Problem liege mitunter woanders: Bei der Bequemlichkeit der Kunden und dem Umstand, dass man bei Amazon alles Mögliche auf einmal in Maus-Klick-Weite angeboten bekomme.

Bestell-Pause

Dass von heute auf morgen niemand mehr bei Amazon einkaufen wird, ist natürlich illusorisch. Auch Hartlieb sieht die Dinge realistisch und glaubt nicht an ein Wunder. „Dennoch ist es wichtig, dass jemand etwas sagt.“

Wie eine kleine Umfrage des KURIER in sozialen Netzwerken ergab, sieht das auch die Mehrheit der Nutzer eher nüchtern. Dass man niemals wieder etwas bei Amazon bestellen werde, sei unwahrscheinlich, so der Tenor. Aber man werde es sich künftig ganz genau überlegen. Viele wollen zumindest solange nicht mehr bei dem Internethändler einkaufen, bis die Arbeitsbedingungen nachweislich und dauerhaft verbessert wurden. Auch dass es eben um die eigene Bequemlichkeit gehe, räumen viele Amazon-Kunden ein, die sich im Zwiespalt zwischen Empörung und den eigenen Gewohnheiten befinden. Andere wiederum kritisieren die „Doppelmoral“ jener, die zum Boykott aufrufen, immerhin seien die Arbeitsbedingungen bei anderen Konzernen ebenso schlecht.

Alternativen

Gegen Onlinehandel ist die Buchhändlerin Hartlieb ganz und gar nicht, auch ihr Geschäft bietet die Bestellmöglichkeit im Internet an. „Ich bin überzeugt davon, dass nur jene Buchhandlungen überleben werden, die beides machen: Internethandel und physisches Geschäft vor Ort.“ Wichtig sei nun, dass die heimische Branche aktiv werde, Kampagnen schalte und den Konsumenten massiv ins Gedächtnis rufe, welche Alternativen es zu Amazon gibt und warum man lieber bei heimischen Händlern kaufen sollte.

Tatsächlich sei man bereits aktiv, heißt es vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels. So stehe ganz unabhängig vom Skandal um Amazon der diesjährige Jahreskongress des Verbandes unter dem Motto „Buy Local“, sagt eine Sprecherin der Branchenvereinigung zum KURIER. „Wir wollen Bewusstsein dafür schaffen, dass der stationäre Handel wichtig ist. Es gilt, diesen für die Kunden attraktiv zu machen.“

Mehr dazu auf futurezone.at.


Fakten

Proteste in Zahlen

4000 Mitglieder So viele Menschen hatten sich am Dienstag der Protestgruppe auf Facebook angeschlossen.

27 Tausend So viele Menschen haben eine Petition für bessere Arbeitsbedingungen unterzeichnet.

7700 Mitarbeiter So viele Menschen arbeiten bei Amazon Deutschland.

(kurier) Erstellt am 19.02.2013, 17:17


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