Wiedergeburt eines Radschlauchs

Kontiki
Foto: KURIER/Jeff Mangione

Schwarzer Gummi statt zarter Stoffe. In einer Taschenmanufaktur wird liebevoll recycelt.


Zu dritt sitzen sie in der kleinen Werkstatt im 16. Bezirk. Mitarbeiterin Charlie faltet die genähten Geldbörsen, Kollegin Jasmin brennt mit dem Feuerzeug abstehende Fäden ab. Aus dem Radio klingt Klavier. Es mischt sich mit dem Surren der Nähmaschine. Statt zarter Stoffe liegt schwarzer Gummi unter der Nadel. Designerin Karin Maislinger streicht liebevoll über reparierte Stellen eines Fahrradschlauchs. „Flicken sind selten, die meisten Reifen werden sofort entsorgt. Nur manchmal finden wir wie hier ein kleines Loch und flicken es selbst.“ Seit zehn Jahren näht die gebürtige Salzburgerin aus alten Fahrradschläuchen robuste Taschen zum Umhängen sowie Geldbörsen und Gürtel. Eine Form von Recycling, die seit einiger Zeit als „Upcycling“ bekannt ist. Gegenstände, die für den Abfall bestimmt sind, werden zu neuen Produkten aufgewertet. Ein Begriff, von dem die Designerin allerdings nicht viel hält: „Ich finde es schwierig ein Produkt zu bewerten. Oft ist das Ausgangsmaterial auch ein langlebiges, das nur durch das Verhalten des Konsumenten zu einem weniger wertvollen und kurzlebigen Produkt wird.“ Die 39-Jährige spricht aus Erfahrung. Denn bevor sie ihre Taschenmanufaktur „Kontiki“ (www.kontiki.or.at) gründete, hatte sie als Fahrerbetreuerin bei einem Wiener Radbotendienst gearbeitet. Der starke Verschleiß an Reifen brachte Karin zum Nachdenken. „Mir fiel auf, dass die Schläuche neuwertig sind und noch gut zu verwenden wären. Sie wären im Müll gelandet, also versuchte ich, daraus etwas Ästhetisches zu nähen.“ Mittlerweile sammeln Fahrradwerkstätten aus ganz Wien das Material für Maislinger. Upcycling erfüllt alle Merkmale eines Trends. Ähnlich wie bei der Selbermachwelle liefern vor allem Internet-Blogs und Videos Inspiration und Anleitung zum Werken. Alte Fenstergriffe, Blechdosen oder Plastikflaschen werden zu nützlichen Gegenständen weiterverarbeitet. Die Studentinnen Magdalena Akantisz und Lisa Schultz haben einen Monat lang jeden Tag ein Objekt aus Müll entworfen. Auch in der Modebranche ist Upcycling angekommen. In Berlin-Mitte verkauft der „Upcycling Fashion Store“ unter anderem Mode des Labels MILCH. Designerin Cloed Priscilla Baumgartner näht ausgemusterte Herrenanzüge zu Kleidern und Hüten um. Bevor bei Maislinger der Radschlauch unter die Nadel kommt, muss er in die Waschmaschine und auf den Wäscheständer. Je nach Modell schneidet sie ihn in Form. Dann spannt sie die Teile in den Schnellnäher. Das Licht der Tischlampe strahlt ihr ins Gesicht. Während sie konzentriert näht, erzählt sie, einmal einen Schlauch mit 50 Flicken in Händen gehalten zu haben. „Was sagt das über einen Menschen aus, der seinen Fahrradreifen so oft repariert?“ Sie hätte ihn gerne kennengelernt. Befürchtungen, dass ihre Quelle versiegt, hat sie nicht. Sie deutet auf die Tür zum Lager: „Es ist wie bei den Eichhörnchen. Wir sammeln im Sommer und Herbst, damit wir über den Winter kommen.“ Sie hofft, dass die Menschen weiterhin fleißig radeln. „Da dürfen ruhig ein paar Flicken drauf sein.“ Wieder denkt sie an den Schlauch mit den 50 Schrammen. Maislinger wünscht sich, dass mehr Menschen so verantwortungsbewusst mit ihrem Hab und Gut umgehen. Und den Wert der Dinge schätzen.

Projekt

Koffertisch & Toffifeelampe

Müll ist nützlich – zwei Studentinnen zeigen, wie’s geht.

Armreifen aus Pfirsichdosen, Omas Koffer vom Dachboden als Tischplatte oder Fenstergriffe, an denen Jacke und Mantel hängen. Müll ist nützlich, finden Magdalena Akantisz und Lisa Schultz. Für ihr Diplomarbeits-Projekt an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, gründeten sie eine virtuelle Upcycling-Plattform.

Selbstversuch

blog… Foto: www.weupcycle.com Aufgehängt: Ausrangierte Fenstergriffe erfüllen ihren neuen Zweck als Garderobehaken. Im Selbstversuch veröffentlichten sie auf ihrem Blog www.weupcycle.com 30 Tage lang 30 Dinge, die sie aus Müll herstellten. „Wir wollen den Menschen zeigen, dass man aus alten Dingen Neues gestalten kann, auch wenn man kein Industriedesigner ist“, sagt Magdalena. Überrascht hat die beiden die Flut an Zusendungen. „Das Interesse der Menschen ist groß. Über soziale Netzwerke hat sich unsere Idee verbreitet. Menschen aus aller Welt schicken uns Fotos ihrer Basteleien.“ Motiviert durch die Rückmeldungen, verlängerten Magdalena und Lisa das Projekt. Mittlerweile sind die Blog-Einträge bei Tag 620 angelangt. Bunte Milchpäckchen, als Geschenkbox gehören zu den neuen Beiträgen.

Als Wundermittel gegen die Wegwerfgesellschaft ist Upcycling nur ein heißer Tropfen: „Es ist schön, wenn es die Leute machen, aber es ist kein Lösungsmittel. Auf der Welt wird zu viel Müll produziert. Die Menschen sollten bewusst Produkte kaufen, die wenig Abfall verursachen“, sagt Magdalena.

Ideen zum Selbermachen unter www.weupcycle.com.

Infos zu Upcycling-Workshops in Wien gibt es unter plastisano.wordpress.com.

(KURIER) Erstellt am

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