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KURIER
Foto: MANFRED HORVATH/© Manfred HORVATH
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Letztes Update am 19.02.2013, 06:53

Eisige Seensucht. Europas größter Steppensee bietet faszinierende Naturerlebnisse und waghalsige Sportabenteuer.

Neusiedlersee im Winter
Foto: MANFRED HORVATH/© Manfred HORVATH
Zeitig in der Früh, so um acht, halb neun Uhr, wenn die Sonne noch tief steht und es klirrend kalt ist, herrscht absolute Stille am zugefrorenen Neusiedler See. Etwas später kann es ganz schön laut werden. Und das liegt nicht daran, dass sich an schönen Wintertagen mehr als 10.000 Menschen auf dem See tummeln. Es liegt an der Sonne. Wenn sie höher steigt, ihre Strahlen kräftiger werden und beginnen, das Eis zu wärmen, geht es los. Es knackt und knirscht, wenn das Eis sich ausdehnt. Und manchmal meint man sogar, so etwas wie laute Schüsse zu hören. Nur dass diese Schüsse ein paar Sekunden lang andauern. Das passiert, wenn Risse im Eis entstehen und sich immer weiter ausbreiten.

Neusiedlersee im Winter
Foto: MANFRED HORVATH/© Manfred HORVATH
Wer zu dieser Zeit auf dem Eis unterwegs ist, dem kann ganz schön unheimlich werden. Die Angst ist unbegründet. „So lange das Eis kracht, bricht es nicht“, weiß Freddy Lang. Der Segelschulbesitzer aus Mörbisch ist seit mehr als 30 Jahren auf dem See unterwegs. Im Sommer bei Regatten, im Winter mit dem Eissegler. Zugefroren ist der See fast jeden Winter. Doch perfekt wird das Eis im Schnitt nur alle sieben, acht Jahre. Ohne Löcher, ohne Rippen, die der Wind geformt hat, ohne dunkle Flecken, die anzeigen, dass die Eisdecke nicht stark genug ist und ohne Schnee. Mindestens zehn Zentimeter dick sollte es sein und spiegelglatt eben. Dann braucht es gar nicht viel Wind, um mit bis zu 140 Stundenkilometer über den See zu gleiten.

Neusiedlersee im Winter
Foto: MANFRED HORVATH/© Manfred HORVATH
Für den Eissegler reicht schon 1 Beaufort, das sind etwa fünf Stundenkilometer, um auf den fast vier Meter langen Kufen loszufahren. Bis zur fünffachen Windgeschwindigkeit sind drin, weil der Reibungswiderstand so gering ist. Ein Segelboot, so Lang, ist bestenfalls doppelt so schnell wie der Wind. „Das Faszinierende ist der Adrenalinstoß beim schnellen Dahingleiten“, sagt Lang. Den Kick holt man sich am besten bei der Fahrt in der Gruppe. Denn irgendwann erwischt es beinahe jeden Eissegler und er bricht ein. Allein wieder herauszukommen, ist nicht unmöglich, aber schwierig. Da ist es gut, Begleiter zu haben, die helfen.

Mole West
Foto: MANFRED HORVATH/© Manfred HORVATH
Den Adrenalinkick kann man sich auch beim Eissurfen holen. Das geht zwar nicht ganz so schnell – 80, 90 km/h sind aber allemal drin. Dabei steht der Surfer auf einem Brett mit Kufen und hält das Segel wie beim Windsurfen mit der Hand fest, kann Halsen, Wenden und Figuren fahren. Und hat im Stehen den Überblick, erkennt Spalten früher und kann reagieren. Beim Eis-Kiten, mit Schlittschuhen an den Füßen und einem Drachen am Seil in der Hand, kann man sogar abheben und über dem See schweben. „Es ist die Antarktis vor der Haustür“, sagt Helmut Rieder, der den See wie seine Westentasche kennt.

Neusiedlersee im Winter
Foto: MANFRED HORVATH/© Manfred HORVATH
Wer glaubt, dass der Winter auf dem See nur grau und farblos ist, irrt. „Es gibt Hunderte Farben und Formen zu sehen.“ Das Eis ist einmal weiß, grün, dann wieder dunkelblau. Es kann sich zum Eisstoß auftürmen, prächtige Kristalle oder Schlieren bilden. Oder es wird zum kalten Gefängnis für Schnecken oder Insekten, die der See erst beim nächsten Tauwetter wieder freigibt. Mitunter bilden sich unter der Oberfläche durch die Fäulnis des Schlamms am Seegrund riesige Methanblasen, die aufsteigen und das Eis zu sprengen drohen. Werden sie abgefackelt, kann man sich die Hände dran wärmen.

Neusiedlersee im Winter
Foto: MANFRED HORVATH/© Manfred HORVATH
Der Winter am See ist ein Naturschauspiel auf 320 Quadratkilometern, grenzüberschreitend obendrein. Der größte Steppensee Europas ist 36 Kilometer lang, bis zu 13 Kilometer breit und verbindet Österreich mit Ungarn. Je langsamer die Fortbewegung auf dem Eis, desto mehr Details lassen sich beobachten. Die gemäßigte Variante, sich aufs Eis zu wagen, ist Schlittschuhe anzuziehen, sich aufs Fahrrad mit Spikes zu setzen oder ganz einfach mit Wanderschuhen und Stöcken. Die Chancen, möglichst viel von der Natur mitzubekommen, sind dabei besonders groß. Vielleicht zeigt sich da auch einmal ein Seeadler oder ein Reiher, eine Graugans oder ein Turmfalke bei der Jagd. Denn nie ist die Luft über dem See so klar wie im Winter. Kein Flirren, messerscharfe Kontraste und kein Laub, das die Sicht behindert.

Neusiedlersee im Winter
Foto: MANFRED HORVATH/© Manfred HORVATH
Und wenn es mit dem Zufrieren gar nicht klappt, dann bleibt immer noch die Tour „Burgenland extrem“ – eine Seeumrundung in 24 Stunden. Start ist am 22. Februar in Oggau. Um 4.30 Uhr früh. Es sind ja immerhin 120 Kilometer zurückzulegen. Zu Fuß.

Fotos: Manfred Horvath

Winterbewohner

 

(kurier freizeit am samstag) Erstellt am 19.02.2013, 06:53


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