Letztes Update am 14.08.2012, 07:15
Kappadokien: Alles in Schwebe.
Türkische Sensationen: Sie heißen Feenkamine und sehen ziemlich phallisch aus. Die seltsamen Gebilde auf den Vulkanbergen bei Göreme in Zentralanatolien wurden von Wind und Wasser geformt.
Liebestal und Feenkamine: Die bizarre Wunderwelt Kappadokiens aus vom Heißluftballon aus – ein Abenteuer in der Luft, bei dem man die Leichtigkeit des Seins erleben kann.
Am frühen Morgen, knapp nach Sonnenaufgang, wenn der Wind nicht zu heftig bläst, ist die beste Zeit. Es zischt laut, fast wie bei einem Düsenjet, als der Gasbrenner die Luft erwärmt, die den riesigen Ballon füllt. Die Stille danach ist der Lohn.
Die Taue werden gelöst und der Ballon beginnt aufzusteigen. Die zehn Passagiere im Korb erleben die märchenhafte Schönheit Kappadokiens im Schweben.
Lautlos gleitet der Ballon durch die Luft. Über eine Obstplantage, die Äpfel auf den Bäumen zum Greifen nah, dann weiter in die Höhe, vorbei an der bizarren Tuffsteinlandschaft, die aus den ehemaligen Vulkanbergen im Göreme Nationalpark entstanden ist.
Wind und Regen haben aus dem weichen Tuff riesige Felskegel geformt. Phallisch sehen die wundersamen Gebilde im Love Valley – im Liebestal oder im Tal der Mönche aus.
Feenkamine werden sie genannt und sie werfen lange Schatten in der schrägen Morgensonne.
Der Ballon gleitet über Hügel, immer wieder unterbricht das Zischen des Brenners die Ruhe.
Er überfliegt Göreme, das sich in einem Talkessel ausbreitet.
Und der Blick nach unten zeigt bereits die nächste Absonderlichkeit. Das ganze Tal ist ein riesiges Freilichtmuseum, das Werk asketischer kappadokischer Mönche, die Kirchen bauten und...
...sich in natürliche Grotten oder Tuffsteinhöhlen zurückzogen, um dort Gott gefällig zu sein.
Manche ließen sich sogar einmauern um ihre Tage ausschließlich mit Gedanken an Gott zu füllen. Kontemplation der höchsten Stufe.
Die Sakralbauten, die da vor mehr als 1000 Jahren entstanden sind, wurden nach dem Vorbild byzanthinischer Formen aus dem weichen Tuff gehöhlt.
Nicht nur die Mönche, auch die ganz gewöhnlichen Menschen schufen sich Wohnraum im Fels. Sie bauten riesige Systeme, die durch ein kompliziertes Gangsystem verbunden waren, in den Fels.
Da gab es Schlafräume, Werkstätten, Mühlen, ja sogar Taubenschläge. Stets wurde erweitert, ausgebaut, angebaut. Manchmal so lange, bis es zur Katastrophe kam.
In Eski Çavusin beispielsweise, brach im Jahr 1963 ein riesiges Stück des durchlöcherten Felsens ab, stürzte auf die Ortschaft und verschüttete Häuser und Menschen.
Damit den Bewohnern von Göreme ein ähnliches Schicksal erspart bleibt, stehen seither „wilde“ Zubauten unter strenger Strafe und die Bewohner, deren Felshäuser vom Einsturz bedroht waren, mussten in ganz normale Wohnsiedlungen ziehen.
Dafür wissen jetzt Touristen die Annehmlichkeiten der Felsbauten zu schätzen: Viele Häuser wurden zu luxuriösen Hotels ausgebaut, in denen sich die Atmosphäre und das Lebensgefühl der Einheimischen erahnen lassen.
Mit Jacuzzi statt Hamam allerdings. In Göreme und auch in Uçisar etwa, wo ein französischer Architekt Felswohnungen zu Luxusstudios gemacht hat.
Die Bewohner Kappadokiens waren seit der Vorzeit äußerst einfallsreich, wenn es um die Beschaffung von Wohnraum ging. Sie siedelten sich sogar unter der Erde an.
Rund 40 unterirdische Städte entstanden in ganz Kappadokien mit einem raffinierten Be- und Entlüftungssystem. Bis zu zwölf Stockwerke tief wurden sie in den Boden gegraben, die Hitze blieb draußen, die Raumtemperatur stieg kaum jemals über zehn Grad.
Vor allem aber boten sie den Bewohnern Schutz vor Feinden.
Einige dieser eindrucksvollen Höhlenstädte (Kaymaklı, Derinkuyu) sind öffentlich zugänglich, zumindest soweit sie schon erforscht sind.
Längst sind die Nachfahren der Erbauer schon in alle Gänge und Winkel vorgedrungen.
Einige andere Städte sind offenbar so gut getarnt, dass sie noch gar nicht entdeckt worden sind. Es gibt nur Vermutungen über ihre Existenz.
Aber womöglich zeigt sich ja bei einer Ballonfahrt der Eingang zu einem bisher verborgen gebliebenen unterirdischen Labyrinth.
(kurier)
Erstellt am 15.08.2012, 07:00