Letztes Update am 20.10.2012, 15:25
In einem Bummelzug von Moskau nach Nizza.
3.300 Kilometer im Bummelzug ohne Umsteigen: Die direkte Bahnverbindung zwischen Moskau und Nizza macht ein Stück Geschichte an der Côte d’Azur wieder lebendig.
Die goldene Küste von Nizza: Die Leute rieben sich schon vor mehr als hundert Jahren die Hände, weil die russische Zarenfamilie für gute Geschäfte an der Côte d’ Azur sorgte.
Vor 150 Jahren grummelte Alexandre Dumas, Nizza sei im Grunde eine englische Stadt, in der man hin und wieder einen Einheimischen treffen könne.
C’est la vie, britische Sommerfrischler zieht es nach wie vor in Scharen an die Côte d’Azur. Aber der literarische Vater des Grafen von Monte Christo würde sich wundern, wie locker heute der Rubel zwischen Cannes und Monte Carlo rollt. Besser gesagt: wieder rollt.
Denn Russen zählten Mitte des 19. Jahrhunderts zu den ersten der gehobenen Gesellschaft Europas, die von einem „zauberhaften Land, das keinen Winter kennt“, sprachen. Die Zarenfamilie war vor der Kälte gerne an die Côte geflüchtet.
Eh klar, würden wir auch machen. In ihrem Gefolge kamen Kaufleute, Glücksritter – und Kirchenmänner. Während die einen die Casinos frequentierten, freuten sich die anderen über ihren eigenen Prachtbau: Anno 1912 wurde in Nizza mit der Kathedrale Saint-Nicolas die größte und prunkvollste russisch-orthodoxe Kirche außerhalb Russlands eingeweiht. Ebendort erschien mit der „Riviera-Gazeta“ in russischer Sprache auch die Haus-und-Hof-Postille des Nouveau-Chic des Ostens.
So gesehen müssen die ersten Touristen, die per Bahn ohne Umsteigen von Moskau an die südfranzösische Küste fuhren, sich ein wenig wie zu Hause gefühlt haben. Mehr als hundert Jahre ist das her, aber etwas von den großen Strapazen, die Reisende damals auf sich genommen haben, erahnt jeder, der einen Blick auf die bleichen Gesichter wirft, die nun wöchentlich, jeden Samstag um 19.12 Uhr, am Bahnsteig des Gare de Nice ausgespuckt werden.
Mehr als zwei Tage, mehr als 50 Stunden waren sie unterwegs. Nonstop, abgesehen von kleinen Pausen und Unterbrechungen, in denen andere Loks vorgespannt, oder die zwölf Waggons jeweils anderen Spurweiten angepasst wurden. Zugegeben, ein Direktflug ist schneller – aber auch unromantischer. Wen wundert’s, dass der Marathon im Bummelzug – die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den 3.300 Kilometern beträgt gemächliche 62 km/h – gerade bei jungen Flitterwöchnern hoch im Kurs steht.
50 Stunden im Zug, da ist viel Zeit zum Schauen, Träumen, Lesen und Schlafen und ... man sieht Gegenden, über die man mit dem Flugzeug sonst nur hinweggedüst wäre, deren unterschiedliche Topografie einem vielleicht nicht einmal aufgefallen wäre. Auf der einzigartigen Tour durch sechs Staaten, zwei Dutzend Städte und zwei Zeitzonen braust man durch malerische polnische Landschaften, überquert die Alpen, reist an Verona,...
... Mailand und...
... Genua vorbei und fährt schließlich der Côte d`Azur entlang, bis zum ersehnten Ziel – Nizza.
Welch Unterschied zu dem Bild, das sich noch manche Dogmatiker von dieser legendären transnationalen Verbindung machen. In einem „Russland Forum“ im Internet liest sich das etwa so: „Es hat lang gedauert, bis dieser Zug wieder fahren konnte: Bis 1917 brachte er die russischen Adligen an die Côte d’Azur, wo sie das Geld der Arbeiter und Bauern und ihre Ländereien in den Casinos von Nizza oder San Remo durchbringen konnten. Zuerst der Krieg und schlussendlich die Bolschewiken setzten diesen sehr eigenen Butterfahrten ein Ende.“
Eurokrise hin oder her, heute ist für die Moskowiter an der azurblauen Küste wieder alles in Butter. Die Zahl der russischen Bürger, die Eigentumsvillen und -Appartements an der französischen Riviera besitzen, ist in den vergangenen acht Jahren um das 40-Fache gestiegen – von 50 auf immerhin 2.000.
Und: Im ersten Halbjahr 2011 wuchs die Zahl russischer Touristen gegenüber dem Vorjahr um deutlich mehr als ein Drittel.
Nicht weiter verwunderlich, dass es sich in den Straßen und Gassen von Nizza heute noch so anfühlt, wie es der rasende Reporter Egon Erwin Kisch bereits vor einem Dreivierteljahrhundert in „Das Räderwerk von Monte Carlo“ über die Nachbarstadt geschrieben hatte:
„,Monte’ lebt immer noch, trotz allen Krisen ist es bevölkert von Touristen und Spielern, von reichen Leuten, von solchen, die es scheinen, von solchen, die es werden wollen.“
Die Route beginnt in Moskau.
Seit 1990 stehen der Kreml und der Rote Platz von Moskau auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes Erster größerer Halt nach Moskau:
Minsk, die Haupstadt Weißrusslands. Kein Zufall auch, dass die Reise Moskau – Nizza am Weißrussischen Bahnhof, dem Altona von Moskau, ihren Anfang nimmt. Minsk ist internationaler Verkehrsknotenpunkt in Osteuropa.
In Innsbruck und...
... Bozen sind die Temperaturen deutlich frischer.
In Verona ist der Halt so kurz, dass sich nur der Gang zur Bahnhofstrafik ausgeht, nicht aber...
...zum berühmtesten Balkon der Welt, jenem von Romeo und Julia.
Die Zwischenstopps sind zu kurz für eine Stadtbesichtigung, leider. Sonst könnte man sich die wahrscheinlich schönste und luxuriöseste Shopping Mall Europas ansehen: Galleria Vittorio Emanuele in Mailand.
Oder: Renzo Pianos Glaskuppel „La Bolla“ im Hafen von Genua.
(kurier)
Erstellt am 23.07.2012, 07:00