Letztes Update am 09.08.2012, 09:04
Gefährdete Welt: March-Thaya-Auen.
Das nordöstliche Weinviertel gilt durch seine Tier- und Pflanzenvielfalt als eines der wertvollsten Gebiete Europas. Höchste Zeit, es auch dementsprechend zu schützen.
Laubwälder am sich träge biegenden Fluss, auf dem nur ein paar Wasserflöhe ihre flüchtigen Spuren hinterlassen. Zirpen, Zwitschern und Summen erfüllt die satte Luft, Spinnennetze und Libellenflügel glänzen im Sonnenlicht. Unsichtbar, aber dafür umso nachhaltiger, geht ein Biber seiner anspruchsvollen Arbeit nach, und sogar in einem toten Baum, der so malerisch am Ufer liegt, als wäre er von Designerhand dort drapiert worden, ist mehr Leben als man glauben möchte. Die Natur atmet, ruhig aber stetig – eine perfekte Idylle: Die March-Thaya-Auen.
Vor kaum mehr als 20 Jahren war das nordöstliche Weinviertel das Ende der Welt. Zumindest der westlichen, die sich schon immer gern, wenn nicht als die einzige, so doch als einzig wahre gesehen hat. Heute?
Heute liegen die ehemaligen Vorposten Rabensburg und Hohenau praktisch im Zentrum Europas.
Und zum Glück sagen sich hier nicht nur Fuchs und Hase, sondern auch Großes Mausohr und Rotbauchunke, Frauennerfling, Löffler und Steinbeißer, Ameisenbläuling, Grüne Keiljungfer und Großer Eichenbock gute Nacht.
Noch, muss an dieser Stelle leider hinzugefügt werden. Denn das Paradies der March-Thaya-Auen ist verletzlich. Vor allem, weil es nicht ausreichend geschützt ist.
570 gefährdete Tier- und Pflanzenarten lebten hier, 70 davon sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden.
Aber auch mit den verbliebenen Arten ist es „Mitteleuropas interessantestes Gebiet“, wie Gerhard Egger vom WWF betont, denn: „Was die Artenvielfalt betrifft, sind die March-Thaya-Auen wirklich herausragend.“
Vor allem die Vogelwelt sucht ihresgleichen. Laut einer Studie der internationalen Vogelschutzorganisation BirdLife beherbergt das Gebiet 31 bedeutende Arten. Zum Vergleich: Die nahegelegenen Donauauen, immerhin schon seit 1996 Nationalpark, bringen es auf sieben.
Warum die March-Thaya-Auen dennoch nur als „Europaschutzgebiet“ gelten und nicht den umfassenden Schutz – und die finanziellen Mittel – eines Nationalparks genießen? „Ein eklatantes Missverhältnis“, sagt Egger.
Schon vor Jahren hat der WWF 1.000 Hektar des insgesamt 16.000 Hektar großen Gebiets, das sich von Rabensburg über Drösing bis Marchegg erstreckt, gekauft. Um zumindest dort tatsächlichen Naturschutz gewährleisten zu können.
Ein wichtiges Projekt, das bereits in Angriff genommen wurde: Die March soll sich wieder biegen und winden dürfen, wie es ihr gefällt.
Bis in die 1980er-Jahre hinein wurden ihr nämlich ganze 36 Windungen gekappt. Die Begradigung hat den Fluss nicht nur um 14 Kilometer verkürzt, sondern auch dafür gesorgt, dass die charakteristische Lebenswelt der Altarme verschwindet – und mit ihnen Wechselkröte, Kammmolch und Moorfrosch.
Eine Renaturierung, die auch in der Bevölkerung durchwegs Anklang findet. „Durch die Regulierung ist das Grundwasser stark gesunken, was auch für die hier lebenden Menschen problematisch ist“, erklärt Gerhard Egger.
Außerdem: „Ein natürlich mäandernder Fluss wirkt sich positiv auf den Fischbestand aus – und darüber freuen sich alle.“
Bleibt zu hoffen, dass diese Bemühungen bleibende Spuren hinterlassen – denn vor allem zwischen den Metropolen Wien und Bratislava wird der Platz schön langsam eng.
Dafür arbeitet man intensiv mit den slowakischen und tschechischen Nachbarn zusammen, wo man schon einen Schritt weiter als in Österreich ist: Dort gilt die Aulandschaft bereits als Biosphärenpark.
(kurier)
Erstellt am 09.08.2012, 07:00