Dubai: Shopping, Sonne, Superlative

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Foto: Dubai Tourism

Immer mehr Österreicher flüchten im Winter nach Dubai. Urlauber schätzen das Emirat am Persischen Golf als Shopping- und Sonnenparadies. Doch Dubai will mehr und erholt sich langsam von der Krise.

Jana war schon fünf Mal in Dubai und damit fünf Mal öfter als ich. „Es ist gigantisch“, sagt sie. Und als ich sie frage, was ich bisher versäumt habe, meint sie: „Ganz schön viel.“ Als sich die Türen der Emirates öffnen, ist es Nacht und trotzdem so schön warm. Nur sechs Flugstunden von Wien entfernt hat sich also die Sonne versteckt. Die Fahrt zum Hotel Atlantis ist nicht lang. Nach 30 Minuten taucht es in der Ferne auf und sieht aus, wie ein verwunschenes Schloss in XXL. Gigantisch, Jana hatte recht. Türmchen und Spitzbögen, Kitsch und Tradition, perfekter könnte die Mischung aus 1001 Nacht und Disneyland nicht sein. Will man sie aber in ihrer Gesamtheit erfassen, hilft nur ein Perspektivenwechsel. Geoffrey ist gefragt.

UAE DUBAI ECONOMY Foto: APA/ALI HAIDER Der Pilot der Firma „Seawings“ führt Rundflüge über Dubai durch. „Anschnallen, gleicht geht es los“, sagt er und drückt den Gashebel nach vorn. Es ruckelt, doch wenig später gleitet das Wasserflugzeug fast schwerelos dahin. „Da drüben an der Küste ist dein Hotel“, schnarrt es im Kopfhörer. Majestätisch liegt das Atlantis an der Spitze von „The Palm Jumeirah“, einer von drei künstlichen Inselgruppen. Es ist nicht nur für Hotelgäste ein Magnet. Tagesbesucher sehen sich das riesige Aquarium „The Lost Chambers“ an, staunend, welche Geschöpfe das Meer bewohnen. Andere vergnügen sich im Wasserpark oder schwimmen in der Dolphin Bay mit klugen Delfinen.

UAE DUBAI HOTELS Foto: APA/OLIVIER MATTHYS Geoffrey dreht ab und fliegt in Richtung Stadt. Von oben offenbart sich die beeindruckende Architektur. Gold glänzende Fassaden, in sich gedrehte Hochhäuser, Wolkenkratzer, die dünn wie Nadeln in den Himmel ragen und trotzdem stramm stehen wie Zinnsoldaten. Die Wüste lebt, wie der beliebig in den Sand gesetzte Streifen Beton beweist. Eine moderne Fata Morgana – unwirklich und trotzdem real. Mittendrin das herausragendste aller Gebäude: Der Burj Khalifa ist mit 828 Metern Höhe bis heute das höchste Bauwerk der Welt. Es symbolisiert, wofür Dubai einst stand. Höher, schneller, weiter, ehe die Krise dem Land seine Grenzen aufzeigte. So konnte das Prestigeobjekt nur mit Hilfe des Nachbaremirates Abu Dhabi fertiggestellt werden. Reich an Öl, das noch Hunderte Jahre sprudeln soll, hatte es das nötige Kleingeld zur Hand. Im Gegensatz zu Dubai, wo das Öl nur noch fünf Prozent des Landeseinkommens ausmachen und Tourismus immer wichtiger wird. Langsam scheinen aber bessere Zeiten anzubrechen, wie der „Dubai Al Maktoum International Airport“ beweist. Im Juni 2010 eröffnet, soll er bis zum Endausbau 2020 der kapazitätsmäßig größte Flughafen der Welt werden.

Die Turbostadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist als Luxus-Urlaubsziel bekannt. Nämlich als eines, in dem man binnen weniger Flugstunden dem Herbstbeginn in Österreich entkommt. Wo 50 Grad im September noch immer auf dem Tagesprogramm stehen. Allerdings muss es nicht immer Dubai sein. Die Stadt der Superlative bedient Shopping-Freaks (Riesen-Shopping-Malls), Disneyland-Fanaten (Riesen-Aquarien, Riesen-Vergnügung, Riesen-Kitsch) und Riesigkeits-Liebhaber. Aber sie verdeckt mit ihren Höchsthäusern und Baukränen ein bisschen die Natur-Schönheit des Landes außerhalb von Dubai und Abu Dhabi. Aber auch für Herbstflüchtlinge, die es vor dem Winter noch einmal richtig heiß haben wollen, beginnt der Arabische Emirate-Urlaub meist in Dubai. Die Flugverbindungen sind mittlerweile perfekt, zwischen 10 und 50 Grad liegen nur viereinhalb Flugstunden. Und wenn man schon einmal in Dubai ist, wäre Folgendes sehenswürdig.

Bild: Die Spitze des Burj Khalifa, mit 828 Meter höchstes Gebäude der Welt. Vom Aussichtsdeck des Burj (Turm, Anm.) Khalifa aus, erschließt sich das disneylandeske Dubai am schnellsten. Außerdem sieht man über den Stadtrand und ahnt schon, dass das Land noch mehr bietet. Sehenswert ist auch die Jumeirah Moschee im gleichnamigen Stadtteil. Hier werden Führungen angeboten, bei denen Frauen den Islam erklären, um Religionen und Kulturen zusammenzubringen. Ein gutes Erlebnis. Nicht weit davon ist Dubais bekanntestes Wahrzeichen, der Burj al Arab. Die Betreiber verstehen sich als 7-Sterne-Hotel, die meisten Gäste verstehen das nicht. Nach dem obligaten Foto vom "Segel-Turm" kann man sich also getrost dem Strand zuwenden. Der sieht nämlich so aus. Tatsächlich hat Dubai einen Stadtstrand, auf dem man zwar artig bleiben muss, der aber zugleich Postkarten-Motiv sein könnte. Trotzdem sollte man sich losreißen, um endlich aufzubrechen. Zum Überblick: Abu Dhabi ist Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate und zugleich das mit Abstand größte Emirat. Dubai ist die Nummer zwei, wobei die Stadt Dubai größer ist als die Stadt Abu Dhabi. Die anderen Emirate sind Sharjah, Ajman, Fujairah, Umm al-Qaiwain und Ras al-Khaimah. Zurück zum Strand: Hier ein Sonnenaufgang in Khor Fakkan, Emirat Sharjah. Es liegt am Golf von Oman, wohingegen Dubai am Persischen Golf liegt, den die Araber prinzipiell nur Arabischer Golf nennen. Das ist eine unklare Sache, wie auch der Golf - persisch oder arabisch - selbst es ist: Durch Inselaufschüttungen und Mega-Bauvorhaben der Emirate ist das Wasser nun etwas trüb und die Meeresfauna verstört. Nicht so der Golf von Oman, der Teil des Indischen Ozeans ist. Hier ist die Wasserqualität so gut, dass sich gelegentlich sogar Walhaie hierher verirren. Rochen, kleinere Haie und viele bunte Fische sind ohnehin üblich. Vom Flughafen in Dubai ist man mit dem Mietwagen (sowohl Miete als auch Sprit sind in den Emiraten günstig) in zwei Stunden durch das Land an der anderen Küste. Ein Hotel zu finden ist auch einfach. Und mit ein bisschen Glück hat man einen Hotelstrand, auf dem man dann eben schon im Sonnenaufgang schnorcheln geht ... mit vier Wasserschildkröten. Wobei die zwei Stunden implizieren, dass man nicht links oder rechts schaut. Die Fahrt durch das Land ist nämlich mit reizvollen Blicken übersäht: bildhafte Akazien vor den Spitzen des Al Hajar-Gebirges, gelegentlich ein prächtiger Bau. Wer allerdings auf eine kleine Rast in den vielen Tälern und Ebenen des Gebirges aus ist, sollte dringend Wasser bei sich haben. Die Steine heizen sich auf, die staubige Luft macht den Mund trocken. Und 40 Grad sind hier auch in den Bergen normal. Dafür entschädigt eine unfassbare Stille, die man im nur eine Stunde entfernten Dubai nicht erahnen würde. Ein guter Platz, um sich alles, aber wirklich alles, durch den Kopf gehen zu lassen. Auf der Fahrt tauchen auch kleine und große Fabriken auf, ebenso riesenhaft wie nahezu alles in den Emiraten. Aber dann ist man - wie gesagt am Meer. Die Fahrt an der Küstenstraße lädt zum ständigen Verweilen ein. Allerdings muss man wissen, dass Sharjah und Fujairah, die am Golf von Oman liegen, die strengsten Gesetze aller Emirate haben. Alkohol ist nahezu überall verboten. Was wiederum die Partyhorden abstößt. Was wiederum fein für den Entspannungssucher ist. Anderer Schauplatz, auch sehr warm: Praktisch überall in den Emiraten werden Wüstensafaris und Dünen-Touren angeboten. Am meisten zwar von den Großstädten aus, aber auch in der Gegend um Al Ain oder den großen Oasen. Je weiter man von Abu Dhabi oder Dubai entfernt ist, umso weniger frequentiert und origineller ist der Wüstenbesuch meistens. Wer allerdings eine gemütliche Runde auf Sandhaufen erwartet, wird sich wundern: Die ausgebildeten Fahrer holen aus den Gefährten viel raus, die Dünen sind hoch und gelegentlich steil abschüssig. Gute Nerven und ein leerer Magen sind empfehlenswert. Gelegentliche Kontrollverluste sind von den Fahrern dabei einkalkuliert. Und nach dem ersten Schrecken macht es fast noch mehr Spaß, den Könner beim Improvisieren und Einfangen des Autos zu beobachten. Die nötige Ausbildung machen es dem ungeübten Autofahrer unmöglich, selbst Hand ans Steuer zu legen. Manche Anbieter haben sich allerdings auf einfachere Wüstenstrecken spezialisiert, trotzdem eine nicht ganz ungefährliche Sache. Wichtig ist auch die Wahl eines vertrauenserweckenden Anbieters. Sind die Autos zu alt (der viele Sand setzt ihnen ziemlich zu) oder die Fahrer nicht erfahren genug, kann die Tour rasch ein bisschen zu abenteuerlich werden. Mit der richtigen Agentur bleibt es sicher und der kurze Stopp zum Wüste-Genießen wird zum Erlebnis. Eine andere Möglichkeit, in den Emiraten auch außerhalb Dubais die Wärme zu genießen, sind Besuche von Wüsten-Forts. Die sind zwar meistens recht touristisch (ja, natürlich auch Kamelreiten), dafür ist die Sand-Hitze am Abend erträglicher. Auch hier gilt: Je weiter von Dubai und Abu Dhabi weg, umso authentischer. Touristen-Programm wird trotzdem immer geboten. Die Bauchtänzerin ist ebenso Pflicht wie ... ... das Henna-Tattoo. Kleiner Tipp: Keine zu großflächigen Motive einreden lassen. Essen, bloßes Sein und Stimmung unter freiem Wüsten-Himmel sind aber jedenfalls ein seltenes Erlebnis. Ein gutes. Bei der Rückkehr nach Dubai wirkt die Stadt dann noch absurder. Hat man einmal inhaliert, wie trocken dieses Land ist, sticht einem die Absurdität grünen Rasens noch mehr ins Auge. Dubai brüstet sich damit, auch in Punkto Wasserverbrauch die Nummer Eins der Welt zu sein. Toll. Aber es geht immer noch ein bisserl mehr, vor allem in Dubai. Also in die Skihalle. Und einmal erfühlen, was ein Temperaturunterschied von plus 50 zu minus 1 Grad binnen zehn Minuten kann. Tatsächlich ist es ein Spaß, die Pisten in der Halle einmal auszuprobieren, wenn auch für den Durchschnitts-Österreich etwas verzweifelt. Dafür lässt sich das nationale Ego mit ein paar Schwüngen und fremden Blicken herrlich aufpolieren. Es mag zwar surreal sein, den Emirate-Herbstflucht-Urlaub auf einer Skihütte ausklingen zu lassen. Andererseits ist es vielleicht kurz vor dem Abflug keine schlechte Möglichkeit, sich auf die Rückkehr vorzubereiten. Eines noch: Die heiße Schokolade auf der Hütte gibt es in Dubai ohne Rum. Dafür mit allerlei anderem Inhalt.

Es schnarrt wieder im Kopfhörer. „Da unten ist The World“, sagt Geoffrey. Die Welt, die uns zu Füßen liegt, macht die Auswirkungen des Lehman-Debakels mehr als sichtbar. Traurig sieht sie aus, die Ansammlung künstlich aufgeschütteter Inseln, die einer Weltkarte gleichen sollen. Österreich, Schweiz, Deutschland: Alles da, nur steht nichts drauf. Bebaut wurden bisher nur zwei Inseln. Auf einer hat sich Scheich Muhammad, der Herrscher Dubais, eine Dependance gebaut. Er hat auch Michael Schumacher eine Insel geschenkt. Die Formel-1-Legende weiß aber bis heute nicht, was sie damit anstellen soll. Ein Lebenszeichen gibt es dafür aus dem Libanon, wo im Sommer 2012 der „Royal Island Beach Club“ eröffnet wurde.

UAE SHOPPING MALL KHAN MURJAN Foto: APA/ALI HAIDER Noch einmal fliegen wir zurück in Richtung Stadt. Geoffrey deutet auf den Dubai Creek, den Meeresarm, an dem Dubai einst als Fischerdorf entstand. Die UNESCO überlegt, den Dubai Creek zum Weltkulturerbe zu ernennen. Auch Wissenschaftler wollen Dubai kulturell pushen und nehmen sich in Studien historischer Golfstädte und deren Erhaltung an. In der Tageszeitung „7 Days“ lese ich von Harvard-Professor Andreas Georgoulias, der die ältesten Stadtteile Dubais, Deira und Bur Dubai, als „absolut kulturell“ bezeichnet. Von wegen nur Shopping-Malls und Restaurant-Besuche. In Zukunft soll der Dubai-Urlauber zum Kulturfreak werden.

 APTOPIX Mideast Dubai City of Gold Foto: AP/Kamran Jebreili Auf den Souks, Märkten, wo Gold und Gewürze feilgeboten werden, herrscht Alltag in Reinkultur. Hier treffen unzählige Nationen aufeinander und leben doch friedlich zusammen. 85 Prozent der Bewohner kommen aus dem Ausland. Das Gewusel, Gefeilsche und Geschrei ist sehens- und hörenswert. Bisher wollen das aber erst zehn Prozent der 10 Millionen Besucher jährlich erleben. Geoffrey hat das Flugzeug mittlerweile zum Stillstand gebracht. Wir verabschieden uns und er gibt mir einen letzten Insidertipp mit auf den Weg: „Fahr unbedingt in die Wüste. Es ist gigantisch.“

Im „Al Maha Desert Resort“ weiß ich, was er meint. 1999 als Hommage an das traditionelle Leben im Emirat eröffnet, erstreckt es sich über weitläufige Wanderdünen und gleicht einem Luxus-Beduinenlager mit 42 Suiten. Privatsphäre ist das oberstes Gebot. Nur einige Onyx-Antilopen schauen hie und da vorbei. Auch wer die Ruhe nicht gesucht hat, findet sie hier. Nicht einmal im Restaurant wird man mit Musik beschallt. Im Privat-Pool mit Wüstenblick schon gar nicht. Die Stille tut der Seele gut. Nun kann auch ich es sagen. Dubai ist gigantisch. Selbst hier im Nirgendwo.

(kurier) Erstellt am

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