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Die Lewinsky-Affäre: Ein Satz machte Weltgeschichte: „I did not have sexual relations with that woman, Ms. Lewinsky“.
Die Lewinsky-Affäre: Ein Satz machte Weltgeschichte: „I did not have sexual relations with that woman, Ms. Lewinsky“. - Foto: AP

Letztes Update am 12.11.2012, 15:35

Verhängnisvolle Affären. Mächtige üben viel Kontrolle aus. Ihre Hormone entziehen sich dieser allerdings oft.

Macht braucht vor allem Selbstkontrolle. Denn Menschen in Macht-Positionen müssen vorsichtig sein: Medien suchen bei ihnen nach Skandalen, das Volk nach Entgleisungen. Disziplin wurde für Spitzenpolitiker, Wirtschaftsbosse und andere Berühmtheiten zu einer der wichtigsten Eigenschaften.
Für den zurückgetretenen CIA-Chef David Petraeus (siehe S. 5) war Disziplin stets eine Selbstverständlichkeit. Der ehemalige Elite-Soldat galt als besonnener und hochintelligenter Mensch. Umso weniger verstehen viele, warum er nun über seine Hormone stolperte. Sexualtherapeutin Sonja Kinigadner: „Das ist keine Frage des Verstandes, sondern innerer Bedürfnisse. Auf der einen Seite haben solche Menschen hohe moralische Regeln, die Sexualität will aber gelebt werden. Oft haben gerade sehr restriktive Männer sehr wilde sexuelle Fantasien.“

Spannungsfeld

Es bleibt ein Rätsel, warum Spitzenkräften, die für ihre Karriere auf vieles verzichten, oft der banale Sexualtrieb zum Verhängnis wird. Ein Grund dafür ist das Spannungsfeld zwischen dem Gefühl der unwiderstehlichen Unverwundbarkeit und der Auslage, in der sie stehen. Kinigadner: „Mächtige Männer werden angehimmelt. Ältere Männer lieben den Reiz des Neuen. Durch die verbotenen Situationen erreichen sie ihre Erregungsfähigkeit wieder. Das sind Männer im hohen Adrenalinmodus.“

Ein weiterer Grund für folgenschwere Fehltritte ist getrübtes Urteilsvermögen, glaubt Wolf-Dietrich Zuzan, Spezialgebiet politische Psychologie: „Emotionen beeinflussen unser Denken. Als Paula Broadwell und Petraeus an seiner Biografie arbeiteten, ist ein enges Verhältnis entstanden. Der General hat in Folge das Risiko falsch eingeschätzt. Das war objektiv sehr hoch. Er hat es subjektiv als gering eingeschätzt.“
Sogenannte Sexskandale hat es schon immer gegeben, allerdings sind die Konsequenzen heute schlimmer. Politikwissenschaftler und Skandal-Experte Hubert Sickinger: „In den vergangenen Jahrzehnten ist die Angreifbarkeit gewachsen, Medien agieren
schärfer. In den 1950er- und -60er-Jahren war das Privatleben von Politikern kein großes Thema – man denke nur an Kennedy oder Allan Welsh Dulles.

Heute werden Entscheidungsträger eher hinsichtlich des persönlichen Lebens gecheckt. Trotzdem muss man sagen: Es hängt immer von der Person ab. Es gibt ja viele Politiker, die keine Affäre haben.“

Machtlos

Wenn jedoch ein solcher Skandal öffentlich wird, spiegelt das fast immer eine zu groß gewordene Schlucht zwischen persönlichem Wunsch und vorgespiegelter Realität wider. Psychologin Kinigadner: „Manchmal wollen sie sogar entdeckt werden, um zu zeigen, dass ihnen der authentische Umgang mit Sexualität fehlt.“
Wie groß diese Diskrepanz ist, entscheidet auch darüber, ob jemand zurücktreten muss. Sickinger: „Clinton musste wegen Lewinsky nicht gehen. Ein republikanischer Präsident oder ein Konservativer wie Petraeus kommen aber bei ihrer Parteibasis nicht mehr durch. Es ist eine Frage des Unterschiedes zwischen Anspruch und Wirklichkeit.“
Ist dieser Spalt in einem Menschen zu groß, vermag ihn nicht einmal mehr die größte Disziplin zu kitten.

(KURIER) Erstellt am 12.11.2012, 15:35

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