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Letztes Update am 06.03.2013, 12:40

„Westeuropa keine Insel der Seligen mehr“. Reisemediziner: Viele neue und neu aufgetretene Infektionskrankheiten in Europa auf dem Vormarsch – von Dengue-Fieber auf Madeira bis zur Malaria in Griechenland. Experte warnt aber vor Panik.

Malaria in Griechenland, Dengue-Fieber auf Madeira, das Krim-Kongo-Fieber in der Türkei und im Kosovo: „Es gibt einige Beispiele für neue oder wiederaufgetretene Infektionskrankheiten in Europa“, erklärte Univ.-Doz. Herwig Kollaritsch vom Zentrum für Reisemedizin und Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien bei der Apothekertagung in Saalfelden. Und: Es könnte noch mehr werden: „2012 gab es erstmals mehr als eine Milliarde Reisende weltweit: „Innerhalb von 48 Stunden kann jeder Erreger jeden anderen möglichen Ort auf der Welt erreichen. Wir bekommen über die Hintertür Infektionen nach Österreich, die wir schon lange nicht mehr gesehen haben – oder die es überhaupt noch nie gegeben hat.“
Obwohl einige der Entwicklungen bedenklich seien, warnt Kollaritsch aber vor Panikmache.

Dengue-Fieber: Die Übertragung erfolgt durch Aedes aegypti-Stechmücken. Hat mittlerweile die stärksten Zuwächse im internationalen Reiseverkehr: „Reisende importieren nach Österreich bereits mehr Dengue- als Malariafälle.“ 2012 waren es 74 Dengue-Fälle. „Der Erkrankte hat zwar immer das Gefühl, sein letztes Stündchen hat geschlagen, aber wirklich gefährliche Verlaufsformen sind sehr selten.“ Nur bei zehn Prozent der Infektionen kommt es zu hohem Fieber und Gelenksschmerzen.
In Europa gab es bereits 2010 kleine Ausbrüche in Südfrankreich und Kroatien (seither aber nichts mehr) – und seit September einen ganz massiven auf Madeira mitbereits mehr als 2000 Fällen. „Madeira ist das größte Problem derzeit“, sagt Kollaritsch: „Trotz des Winters kam die Übertragung nicht zum Erlöschen.“ Dutzende Fälle seien bereits nach Europa exportiert worden, zwei auch nach Österreich. „Die Gefahr, dass sich Dengue auch am Festland von Portugal festsetzt, ist relativ groß.“

Malaria: Griechenland war seit den 60er Jahren malariafrei. Aber im Vorjahr gab es erstmals wieder sogenannte autochthone (nicht eingeschleppte) Fälle - also einen Infektionszyklus im Land. „Es waren mindestens 12 bis 20 Fälle im südöstlichen Peloponnes“, so Kollaritsch. Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise: „Die staatliche Infektionsüberwachung scheint sich verschlechtert zu haben.“ Für Reisende sei die Situation noch nicht bedenklich, „aber man muss sich genau anschauen, wie die Entwicklung voranschreitet.“
2011 wurden 44 Malariafälle nach Österreich importiert, 1999 waren es noch 93. Dies geht Hand in Hand mit einem globalen Rückgang der Malariafälle durch bessere Überwachungsprogramme und konsequentere Behandlung.

Krim-Kongo-Fieber: Klingt nach sehr weit weg, nimmt aber zum Beispiel in Teilen der Türkei (aber nicht die Reiseziele) sehr stark zu. Das Krim-Kongo-Fieber wird durch Zecken übertragen. „2002 hat die Türkei 17 Fälle gemeldet, 2009 rund 1300 Fälle. 128 Menschen starben.“ Vor allem durch Heimatbesuche von Türken oder Österreichern mit türkischen Wurzeln könnte es auch zu einem „Import“ nach Österreich kommen: „Bis jetzt ist aber noch kein Fall bekannt.“ Nach England sind aber bereits mehrere Fälle importiert worden: „Wir sind in Westeuropa keine Insel der Seligen mehr.“

Chikungunya-Virus: Ihm fehlten lange Zeit die richtigen Mücken in Europa für eine Übertragung. Doch vor einigen Jahren hat es sich durch nur eine einzige genetische Mutation an die in Europa vorkomende „Tigermücke“ (Aedes albopictus) angepasst, die bisher als Träger des Virus ungeeignet war.
2006 kam es zu einer ersten Epidemie in Italien, rund um Ravenna. Kollaritsch: „Auch in Österreich ist es denkbar, dass Chikungunya lokal übertragen wird.“ 25 Prozent aller Patienten haben schwere Gelenksschmerzen.

West-Nil-Virus: „Auch hier sind alle Voraussetzungen gegeben, dass es bei uns heimisch wird“, sagt Kollaritsch: 2012 gab es 161 Fälle in Griechenland, 50 in Italien, 70 in Serbien und einen importieren Fall in Österreich. In Vögeln (dem Reservoir der Viren) wurde es in Österreich bereits nachgewiesen, und bei 0,5 Prozent aller Blutspender finden sich Antikörper im Blut - die hatten also schon Kontakt mit dem Virus. Die für eine Übertragung geeignete Steckmücken-Art ist in Österreich heimisch.
Bei jungen Menschen verläuft der fieberhafte Infekt in der Regel ohne Komplikationen, ein großer Teil hat auch überhaupt keine Symptome. Allerdings: Bei einem von 150 Infizierten kommt es zu neurologischen Komplikationen – wie etwa Hirn- oder Hirnhautentzündung.
Die Firma Baxter forscht übrigens - auch in Wien- an einem Impfstoff gegen das West-Nil-Virus.

Kollaritsch warnte aber auch vor einer verzerrten Wahrnehmung des Risikos: „Ebola hat in in 40 Jahren 3567 Erkrankungen hervorgerufen und 2250 Menschen getötet. An Masern erkrankten allein 2007 weltweit 279.006 Menschen und 197.000 Todesfälle wurden von der WHO gemeldet – aber darüber redet niemand.“

(KURIER) Erstellt am 06.03.2013, 12:40


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