Zur mobilen Ansicht wechseln »
Foto: AP/Elise Amendola

Letztes Update am 17.02.2013, 08:00

Was kann ein Haar erzählen?. Die Polizei bereitet ein umstrittenes Projekt vor – Drogenverdächtige sollen Haare lassen, die dann getestet werden. Höchste Zeit nachzufragen.

Mit einem Einzelhaar geht gar nichts“, stellt Christian Reiter klar. Der Gerichtsmediziner an der Medizinischen Universität Wien, weiß wovon er redet, hat er doch bereits unzählige Haaranalysen durchgeführt; unter anderem an Beethovens Mähne. „Man braucht schon ein bleistiftdickes Büschel, das möglichst nahe an der Kopfhaut abgeschnitten oder – noch besser – mit der Wurzel ausgerissen werden muss“, sagt Reiter und widerspricht damit Fritz Lang, dem Direktor des Bundeskriminalamtes. Lang will in den nächsten Wochen den Haartest-Pilotversuch an drei Standorten in Ostösterreich beginnen: „Es genügen vier bis sechs Haare. Wenn sie in der Früh mit einer Bürste durch ihre Haare fahren, sind da mehr Haare drinnen“, ließ er wissen.

Kopf-Chronometer

Haar ist in der Lage, Wirkstoffe, die im Körper zirkulieren, aufzunehmen. Anders als in den Organen, wo ein ständiger Austausch stattfindet, werden die Substanzen im Haar aber deponiert, erklärt Reiter: „Es ist ein Chronometer, ähnlich wie Jahresringe in Bäumen. Es sagt uns, was tatsächlich im Blut zirkulierte, als dieser Haarteil entstanden ist.“ Kokain, Cannabis, Heroin, Ecstasy, Beruhigungsmittel oder Psychopharmaka lassen sich so bereits eine Woche nach dem Konsum genauso nachweisen wie Schwermetalle, Dopingmittel wie Nandrolon und Anabolika. Da Haare etwa einen Zentimeter pro Monat wachsen, kann man aus einem zwölf Zentimeter langen Haarstrang den Drogenkonsum des gesamten vergangenen Jahres ablesen.

grafik_haare.jpg
Foto: Grafik: Eber
Das braucht aber Haarspalterei: Einzeln werden die Haare mit einem Skalpell in fünf Millimeter-Stückerl geschnitten. „Was nicht ganz einfach ist“, sagt Reiter. Jeder Teilabschnitt kommt gesondert in ein Röhrchen – für jeden Monat ein Stück. Dann werden die Haare in Lösemitteln unter Ultraschall-Einfluss extrahiert. Reiter: „Man weicht die Wirkstoffe aus den Haaren heraus.“ Im Extrakt lassen sich dann z. B. mit Gaschromatografie die Drogen und Drogen-Abbauprodukte nachweisen. Reiter: „Cannabis ist schwer nachweisbar. Es zirkuliert über lange Zeit im Körper, daher sind die Ergebnisse noch verwaschener als bei einem Morphin oder bei Kokain.“

Umso besser lässt sich an der Haarpracht aber neuerdings erkennen, wo sich ein Mensch in den vergangen Monaten oder Jahren aufgehalten hat. Wissenschaftler in Salt Lake City haben entdeckt, dass die Haare genau dasselbe Verhältnis von Sauer- und Wasserstoffatomen annehmen, wie es sich im Trinkwasser einer Region findet. Wer nicht ununterbrochen importiertes Mineralwasser trinkt, kann deshalb auf seinen letzten Aufenthaltsort festgenagelt werden.

Analyse-Grenzen

Bei einer weiteren Frage stößt die Wissenschaft allerdings an ihre Grenzen: „Der Drogen-Haartest beantwortet mir nur, ob die Substanz im Körper war. Ich kann mir aber kein Bild darüber machen, wie viel jemand genommen hat. War er bummzu oder hat er nur genascht,“ sagt der Gerichtsmediziner.

Verfälscht wird das Ergebnis möglicherweise auch, wenn die Testperson dauergewelltes oder gefärbtes Haar hat. „Durch Dauerwelle und Färben können die Substanzen teilweise aus dem Haar herausgelöst werden“, sagt Reiter.

Wer dunkles Haar hat, ist von Natur aus benachteiligt: Mehr Pigmente bedeuten auch, dass mehr Drogen oder andere Stoffe eingelagert werden können. Blonde kommen deshalb beim Haartest eher ungeschoren davon. Apropos (un-)geschoren: Das hilft immer, sagt der Gerichtsmediziner. Und erinnert sich an vergangene Jahre, in denen so manch Berühmtheit beschuldigt wurde, Suchtmittel genommen zu haben, daraufhin „plötzlich die Frisur änderte und sich eine Glatze scheren ließ. Damit ist der Nachweis natürlich nicht mehr möglich.“

Aber eines funktioniert, so Gerichtsmediziner Reiter, gewiss nicht – die Ausrede mit dem Mohnstrudel: „Die Mengen an Opiaten im Strudel sind unerheblich.“


Geschichte

Wussten sie, dass ...

... Haare ein tolles Konsvervierungsmedium sind? Sofern sie nicht durch Schimmel- oder Bakterien-Befall verrotten, sind sie praktisch ewig haltbar. Man kann also in den Haaren ägyptischer Mumien nachschauen, ob dubiose Substanzen genommen wurden. Tatsächlich haben Wissenschaftler Rauschgift nachgewiesen. In Haaren, Knochen und Muskeln von neun Mumien aus der Zeit zwischen 1070 vor und 395 nach Christi Geburt fanden sie Haschisch, Nikotin und – besonders überraschend – auch Kokain, eine Pflanze der Neuzeit. Offenbar nutzten die alten Ägypter Haschisch als Medizin.

... in einer Haarprobe von Napoleon Arsen nachgewiesen wurde, das er wohl sukzessive aufgenommen hatte? Ob er daran auch starb, ließ sich nicht mehr klären.

... Ötzi sich vorwiegend vegetarisch ernährte? Woher man das weiß? Eine Analyse der Haare des Mannes vom Hauslabjoch hat es ergeben. In einer anderen Untersuchung fand man einen hohen Anteil an Schwermetallen. Vermutung: Ötzi war in der Kupferverarbeitung tätig.

Ludwig van Beethoven…
Foto: Haydn Festspiele Eisenstadt
... der österreichische Gerichtsmediziner Christian Reiter die Geschichte rund um Ludwig van Beethovens Tod mithilfe von Haar-Analysen rekonstruieren konnte? Der Arzt Andreas Wawruch behandelte den schwer kranken Komponisten in den letzten Monaten vor seinem Tod mit einer bleihaltigen Seife. Der vermeintliche Entzündungshemmer verschlimmerte die Bleivergiftung aber und ist bis heute in Beethovens Haaren nachweisbar.

... Forscher der BOKU Wien eine Locke von Friedrich Schiller untersucht haben und Schwermetallbelastungen fanden? Damals enthielt das Trinkwasser viel Blei, und Tapeten sowie Wandfarben wurden mit Schwermetallen hergestellt.

BELGIUM SOCCER UEFA EUROPA LEAGUE
Foto: APA/JULIEN WARNAND
... der deutsche Fußballtrainer Christoph Daum 2000 nach heftigem Leugnen erst durch eine Haar-Analyse des Drogenmissbrauchs überführt werden konnte?

... Drogen auch schon in Haaren von Kindern nachgewiesen wurden? Fünf Kinder in Bremen bekamen 2010 von ihren drogensüchtigen Eltern Heroin und Kokain verabreicht, um sie ruhigzustellen, ergab ein Test.

... Seehunde ganz leicht auf Seh-, Geruchs- oder Gehörsinn verzichten könnten, wenn sie unter Wasser auf Beutezug sind? Niemals aber auf ihren Schnauzer. Die Barthaare, auch Vibrissen genannt, sind ihr wichtigstes Sinnesorgan: Mit deren Hilfe erspüren sie schwächste Verwirbelungen, die Fische beim Schwimmen verursachen. Sogar mehrere Minuten nachdem die Beute vorbeigezogen ist, können sie der unsichtbaren Fährte noch folgen. Die Vibrissen dienen als ultraempfindliche Sensoren, die kleinste Wasserbewegungen detektieren und an das Gehirn weiterleiten.

(Kurier) Erstellt am 17.02.2013, 08:00

Stichworte:


Diskussion

Kommentare aktualisieren
Bitte Javascript aktivieren!