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Letztes Update am 12.12.2012, 14:27

Antibabypille-Erfinder Djerassi geehrt . Carl Djerassi erhielt das Ehrendoktorat der Medizinischen Universität Wien.

Der aus Österreich stammende, 1938 vor den Nazis in die USA geflüchtete Chemiker Carl Djerassi (89) erhielt am Mittwoch das Ehrendoktorat der Medizinischen Universität Wien. MedUni-Rektor Wolfgang Schütz verlieh dem Erfinder der Antibabypille die Auszeichnung im Rahmen einer Festveranstaltung. Der Wissenschafter, Schriftsteller und Kunstsammler hat im Juni dieses Jahres bereits die Ehrendoktorwürde der Universität Wien entgegengenommen.

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Carl Djerassi wurde am 29. Oktober 1923 als Sohn jüdischer Eltern in Wien geboren. 1938 musste er vor den Nationalsozialisten fliehen und emigrierte über London in die USA. Nach dem Chemiestudium begann seine wissenschaftliche Karriere, in deren Verlauf er 1200 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichte. Zunächst hatte er eine neue Methode zur Synthese von Cortison beschrieben.

"Mutter der Pille"

Der emeritierte Chemie-Professor nennt sich «intellektuell polygam». In seiner Autobiografie bezeichnet sich der Wissenschafter außerdem als "Mutter der Pille". 1951 gelang ihm die Synthetisierung des Schwangerschaftshormons Gestagen. Eine wichtige Entdeckung für die Entwicklung der Pille.

Mit 60 Jahren begann seine literarische Laufbahn, auch als Kunstsammler hat sich Djerassi einen Namen gemacht, er gilt als Experte für Paul Klee. Er selbst besitzt eine wertvolle Paul-Klee-Sammlung mit gut 180 Werken des deutsch-schweizerischen Künstlers der klassischen Moderne. Die Hälfte der Werke soll nach seinem Tod das Wiener Museum Albertina erben. In Kalifornien, wo er seit den 1950er Jahren lebt, unterstützt Djerassi junge Künstler. Der Direktor des Landesmuseum Niederösterreich, Carl Aigner, beschrieb Carl Djerassi in seiner Laudatio als "aus der Kultur der Wiener Moderne kommenden Renaissance-Menschen, dessen Leben von Kunst und Wissenschaft bestimmt war und ist".

Seit den 1980er Jahren schrieb Djerassi Gedichte und Kurzgeschichten und später Romane, die er «Science in Fiction» nennt.

Die MedUni wolle mit dieser Ehrung ein Zeichen setzen, so der Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Arnold Pollak. Mit Djerassi würdige man einen jener Menschen, "die für die oft zitierte 'Vertreibung der Vernunft' aus den Schulen und Universitäten dieses Landes stehen. Einen jener Menschen, die vor Verfolgung und Vernichtung durch den nationalsozialistischen Terror aus diesem Land fliehen mussten und in der Emigration Großes leisteten – und denen dieses Land oft allzu lange nicht die Hand gereicht hat.“


Chronologie der Pille

 ~ 1920

Der Innsbrucker Chemiker Ludwig Haberlandt entdeckt, dass eine gezielte Hormongabe dem weiblichen Körper eine Schwangerschaft vorgaukelt und den Eisprung verhindert.

1951

Der aus Österreich stammende Chemiker Carl Djerassi stellt in Mexiko-Stadt Norethisteron her, eine synthetische Form des Sexualhormons Gestagen. Die US-Frauenrechtlerin Margaret Sanger beauftragt den Biologen Gregory Pincus, ein Verhütungsmittel zu entwickeln.

1952

Der Chemiker Frank Colton entwickelt für die Pharmafirma G. D. Searle in Chicago das künstliche Gestagen Norethynodrel.

1954

Pincus startet im US-Staat Massachusetts die ersten Humanversuche mit 50 Frauen. Größere Studien folgen ab 1956 in Puerto Rico und Los Angeles.

1957

Die US-Zulassungsbehörde FDA lässt auf Antrag von G. D. Searle das Präparat Enovid, Hauptwirkstoff Norethynodrel, gegen Menstruationsstörungen zu.

1959

Am 29. Oktober beantragt die Pharmafirma G. D. Searle die Zulassung von Enovid als Verhütungsmittel. Zu dieser Zeit nehmen bereits mehr als eine halbe Million Frauen das Präparat.

1960

Am 9. Mai gibt die FDA die Zulassung von Enovid als Verhütungsmittel bekannt.

1961

Am 1. Juni bringt das Pharmaunternehmen Schering das Mittel Anovlar in Deutschland auf den Markt. Im November bringt ein britischer Arzt erstmals den Thrombose-Tod einer jungen Frau mit der Pille in Verbindung.

1965

In der DDR wird auf der Leipziger Messe die "Wunschkindpille" Ovosiston vorgestellt und später kostenlos verteilt.

1968

Papst Paul VI. lehnt in der Enzyklika "Humanae vitae" die künstliche Empfängnisverhütung ab. Zu dieser Zeit sind in den USA schon sieben verschiedene Marken der Pille erhältlich.

(apa/mn) Erstellt am 12.12.2012, 14:27


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