„Wie zugeklebte Warnlamperln“

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Foto: ELNUR/FOTOLIA 36502341/Elnur/Fotolia ...und endet oft mit böser Überraschung.

Alkohol trinken ohne Nachwirkungen versprechen neue Produkte. Ärzte üben heftige Kritik

Die Zielgruppe sind „aktive Leute, die mitten im Leben stehen und Spaß an einem dynamischen Lifestyle haben – ohne die mühsamen Nachwirkungen eines Katers am Morgen danach“.

So bewirbt ein Wiener Unternehmen den „funktionellen Lifestyle-Shot“ NOHO (No HangOver, zu Deutsch: Kein Kater) , ein Nahrungsergänzungsmittel zum Trinken aus den USA. „NOHO stellt die Gesetze des Alkoholkonsums völlig auf den Kopf“, heißt es: Nehme man ein Fläschchen vor dem ersten Glas Alkohol und eines vor dem Schlafengehen zu sich, „verhindert dies den gemeinen Kater am nächsten Tag“ – unter anderem durch „die Kraft der Kaktusfeige und der Ingwerwurzel“. Heftige Kritik kommt von Medizinern. „Der Jugend wird ein flockiger Lifestyle vorgelebt. Dabei werden die Gefahren des Alkoholkonsums elegant ausgeblendet“, so Felix Fischer, emeritierter Leiter der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg Linz, in der ÄrzteWoche.

Vergiftung

„Das ist ungefähr so, wie wenn ein Autohersteller dazu rät, beim Aufleuchten von Warnlampen einfach ein schwarzes Klebeband über die Lamperln zu picken“, sagt Univ.-Prof. Michael Musalek, Ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts in Wien, der größten Suchtklinik Europas, zum KURIER. „Der Kater ist eine Reaktion des Gehirns auf eine Vergiftung. Derartige Präparate gaukeln dem Körper aber vor, dass man gar keine Vergiftung gehabt hat. Alle Warnzeichen fallen weg, aber die Schädigung durch den Alkohol bleibt.“

„Das Warnlicht wird nicht ausgeschaltet“, entgegnet Verena Thiem, Geschäftsführerin von NOHO Austria. „Unser Produkt hilft nicht, eine Flasche Wodka zu vertragen. Es geht darum, die Nebenwirkungen bei einem durchschnittlichen Alkoholkonsum zu verhindern – und nicht zu mehr Konsum anzuregen.“ NOHO enthalte wichtige Mineralstoffe, Vitamine und Antioxidantien und lade den Körper damit schon im Vorhinein auf. Dadurch verhindere es die Dehydration (Austrocknung). „Es hilft dem Körper, Alkohol besser zu verarbeiten und richtet sich an Menschen, die am nächsten Tag fit sein müssen.“ Studien, die das belegen, gibt es allerdings noch keine.

Etwas länger sind bereits die österreichischen Anti-Kater-Party-Pillen K.U.R.T. auf dem Markt. Laut Werbung „für all diejenigen, die Alkohol genießen wollen, jedoch bei dem ersten Glas Rotwein oder Champagner scheitern“. Die Kapsel enthalten als „Nachfüllpackung“ jenes Enzym, welches für den Abbau von Histamin aus Nahrungsmitteln im Körper verantwortlich ist – und das laut dem Tullner Unternehmen Sciotec Diagnostic Technologies durch den Konsum von Alkohol gehemmt wird.

Keine Studien

Auch bei K.U.R.T. ist umstritten, wie wirksam es ist: Dass dieses DAO-Enzym zumindest einem Teil der Menschen mit Histaminunverträglichkeit helfen kann, die Symptome zu reduzieren, hat eine Studie gezeigt „Klinische Studien oder sonstige Hinweise, dass Kapseln mit DAO-Enzym auch einem Alkohol-Kater vorbeugen könnten, existieren allerdings keine“, so eine Beurteilung des Departments für Evidenzbasierte Medizin (Donau-Uni Krems) vom März auf der Plattform medizin-transparent.at.

Für den Suchtexperten Musalek ist unabhängig von der Diskussion über die Wirkung bereits der Ansatz problematisch: „Jedes Angebot, das verspricht, unangenehme Nebenwirkungen des Alkohols zu verhindern, erhöht die Verfügbarkeit alkoholischer Getränke.“ Und zahlreiche Studien hätten gezeigt, dass diese Verfügbarkeit der entscheidende Faktor dafür sei, wie viele alkoholkranke Menschen es in einer Gesellschaft gebe.

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Wenn sich der Kater anschleicht

Tipps

So überleben Sie Ihre Feier

Sorgen Sie für eine Unterlage. Wer hungrig auf einer Feier erscheint, macht drei Fehler: Der erste Drink, ob Sekt oder Glühwein, fährt sofort und ungebremst ins Blut. Nach dem zweiten beginnt man zu lallen. Außerdem ist man irgendwann wirklich hungrig und damit dem Können des Cateringunternehmens ausgesetzt, was für empfindsame Zungen eine Zumutung sein kann. Und drittens ist es einfach peinlich, sofort nach der Eröffnung im Laufschritt das Buffet zu stürmen. (Was noch peinlicher ist: Es gibt gar kein Buffet, sondern den ganzen Abend nur lächerliche Happen, Fingerfood genannt.) Im Bild: Fettes Essen vor dem ersten Drink verlängert die Absorption des Alkohols. Wählen Sie aus. Billige Alkopops, Sekt um 1,50 oder billiger Schnaps enthalten große Mengen an Fuselalkoholen. Das sei gesagt, falls Sie zu den Auserwählten gehören, die den Unterschied zwischen guter und weniger guter Ware nicht am Geschmack erkennen. Ihre Leber und Ihr Kopf erkennen Sie am Tag danach in jedem Fall. Auch Getränke mit viel Zucker oder viel Kohlensäure überlassen Sie besser den anderen. Zucker und Bubbles transportieren den Alkohol schneller ins Blut als Ihr Chef am nächsten Morgen allen das vor ein paar Stunden angebotene Du-Wort wieder entzieht.
  Wer klug ist, nimmt vor der Feier eine Kleinigkeit zu sich. Während alle über den Caterer miauen, lehnt man genüßlich an der Bar - man hat ja keinen Hunger mehr. Vorsicht beim Mischen. So wie das Mischen von Direktor und Assi, wie auch von Marketing und Technik unvorhersehbare, oft fatale Konsequenzen nach sich zieht, ist auch die Kombination der Getränke bei der Feier zu überdenken. Zuerst zwei Gläser Punsch, dann ein Glühwein, zwischendurch ein Whisky-Sour, dann zwei Glas Sekt, schließlich Obstler und noch ein paar Biere, um mit Gin Tonic abzuschließen, führt zu einem Tohuwabohu in Ihrem Magen und Ihrem Kopf, das Sie Dinge tun und sagen läßt, die Ihnen am nächsten Morgen (oder während Ihrer noch verbleibenden Karriere) Kopfzerbrechen bereiten könnten. Von den ganz realen Kopfschmerzen einmal abgesehen. Selbsttest. Wenn Sie Ihre Kollegen auf der Feier nicht mehr doppelt, sondern vierfach sehen, ist es Zeit, den Heimweg anzutreten. Ab Mitternacht nur noch Wodka. Sagten wir das schon? Besser wäre Wasser. Aber wer will sich auf einer Firmenparty schon als maßvoller Langweiler outen. Auf dem Weg nach Hause ist es dann eh schon wurst.Wenn Sie zwölf Stunden, nachdem Sie sich zu Bett begeben haben, noch Lust haben, mit der Burenhäutl oder der Currywurst, die Sie gegen 4 Uhr morgens zu sich genommen haben, zu konversieren – dann greifen Sie jetzt bitte zu und vergessen Sie nicht auf die doppelte Portion Pepperoni. Zuviel Alkohol im Blut ist nicht das einzige, was man bei einer (Firmen-)Feier besser nicht mit nach Hause nehmen sollte. Vor dem Zubettgehen. Überzeugen Sie sich, dass in Ihrer Manteltasche nicht der oder die Kollegin hockt, mit dem oder der Sie sich den ganzen Abend so glänzend amüsiert haben. Und dann: eine Suppe bringt Ihnen die Salze und Mineralien zurück, die der Alkohol gerade aus Ihrem Körper spült. Ein großes Glas Wasser ersetzt die Flüssigkeit, die Sie im Lauf des Abends und darauffolgenden Morgens loswerden. Bevor Sie zu Bett gehen, nehmen Sie eine stark dosierte Magnesiumtablette zu sich.
(kurier) Erstellt am

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