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KURIER Romy 2014
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- Foto: SaloneGusto

Letztes Update am 03.11.2012, 15:04

Slow Food: Die große Chance der Kleinen. Salone del Gusto: Auf Europas wichtigster Lebensmittelmesse werben Produzenten für Qualität. Der KURIER traf dort Wiens Slow Food-Sprecherin Barbara van Melle.

Vor einigen Jahren eröffnete McDonalds in dem süditalienischen Städtchen Altamura eine Filiale. Altamura ist für sein nach alter Tradition am offenen Feuer gebackenes Brot aus Durumweizen berühmt. Kurze Zeit später wurde das M-Schild wieder abmontiert, die Filiale geschlossen. Ein Bäcker aus der vierten Generation der Familie Di Gesu hatte den Geruch der Industriefritten als "Provokation" empfunden. Daher mietete Di Gesu einen kleinen Laden neben McDonald’s. Dort bot er ein komplettes Essen aus frischer, duftender, selbst gebackener Focaccia mit Paradeisern und einem Dessert an – zum Preis eines Happy Meal. McDonald’s versuchte es mit Promotions und einem Fernseher in der Filiale. Doch die Leute von Altamura aßen lieber die Focaccia der Familie di Gesu.

Industriefritten als Provokation

Diese Geschichte erzählt Giuseppe di Gesu, der aussieht wie ein Model für die nächste Zegna-Kampagne, auf dem Turiner "Salone del Gusto" nur auf Nachfrage. Auch heuer stellt er auf dieser wichtigsten Lebensmittelmesse Europas aus, die alle zwei Jahre in Turin stattfindet. Aber er spricht lieber über das Brot der Familie, über die Vorzüge des fast zweihundert Jahre alten Holzofens aus Marmorsteinen, der es möglich macht, Brot bei extrem heißen Temperaturen (und nach heutigen Hygienevorschriften) zu backen. Das Altamura-Brot hat eine besonders kräftige Kruste. Der Hitzeschock bei 400 Grad verhindert, dass sich im Brot Blasen bilden.


"Wir suchen Verbündende."

Ein Ofen wie der von Di Gesu wäre heute unfinanzierbar – schon wegen des meterdicken Marmors. Deshalb ist das Brot aus Altamura eine nicht vermehrbare Delikatesse. So wie viele andere Produkte auf dem "Salone del Gusto": Schinken, Käse, Gemüse, tradierte Rezepte. Nach handwerklichen Methoden arbeitende Produzenten sind die Slow-Food-Helden von heute. Der Gründer Carlo Petrini rief "Slow Food" 1989 als Gegenreaktion zu den Fast-Food-Ketten und zur Essens­industrie ins Leben. Mittlerweile verschwimmt die Grenze zwischen Gut und Böse. Barbara van Melle, Sprecherin von Slow Food Wien: "Wir kämpfen nicht mehr gegen die großen Produzenten, sondern suchen unter ihnen Verbündete."

"Weniger EU-Geld für Großindustrie, Förderung des Handwerks"

Sie erzählt von der Kaffee-Familie Lavazza, die gemeinsam mit der Umweltorganisation "Rain Forrest Alliance" in Südamerika und Äthiopien den Spitzenkaffee "Terra" fair und nachhaltig produzieren lässt, sich in Afrika sozial engagiert. Van Melle: "So eine Haltung setzt sich in einem über Generationen denkenden Familienbetrieb eher durch als in einer von der Gier der Shareholder getriebenen Aktiengesellschaft." Und wie mächtig ist Slow Food heute? "Wir haben 100.000 Mitglieder weltweit, das ist nicht so viel. In manchen Ländern sind wir stärker, in anderen weniger. Wir versuchen gerade, in Europa die Agrar­gesetzgebung zu beeinflussen." Nächstes Jahr könnte sich da laut van Melle viel ändern: "Weniger EU-Geld für die Großindustrie, Förderung des Handwerks."

Gutes Essen als Menschenrecht

Viel einflussreicher als Slow Food ist die Terra Madre, ein Netzwerk mit zwei Millionen Mitgliedern, das für gute, sauber und fair hergestellte Lebensmittel als Menschenrecht eintritt. Im vergangenen Jahr veranstaltete Slow Food Wien im Rathaus die Messe "Terra Madre Österreich". "Da braucht es viel Eigeninitiative. Wir mussten in Vorlage gehen." Die Unterstützung hielt sich – abgesehen von der Stadt Wien – in Grenzen. Als es nun um einen gemeinsamen Auftritt einiger österreichischer Slow Food-Produzenten in Turin ging, hat es van Melle beim Lebensministerium gar nicht mehr probiert: "Wenn man bedenkt, was diese Homepage gekostet hat. Ein Bruchteil davon würde schon reichen, um österreichische Handwerker und Bauern international zu positionieren."

(KURIER) Erstellt am 03.11.2012, 15:04

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