Der süße Sündenfall

Gaby Kuhn gönnt sich was. Besonders gerne am Sonntag nachmittags.

Genuss-Lust: Andere ordnen sonntags ihre Bibliothek oder buchen eine Tanzstunde. Ich lasse mir sündig Süßes aus der Konditorei bringen – gerne mit Schlag. Montags kann man ja immer noch fasten. Oder auch nicht. Ich habe ein neues Lieblingszitat – gelesen im Magazin Focus. Marcel Reich-Ranicki hat’s gesagt – als Antwort auf die Frage: „Gibt es etwas, was Sie in Ihrem Leben versäumt haben?“ Darauf der 92-jährige Literaturkritiker: „Es gibt immer etwas, das man versäumt hat. Zumal in sexueller Hinsicht.“ Reich-Ranicki hat ja so recht. Vor allem mit dem ersten Satz. So charmant und zeitgeistig Askese auch sein mag, ich finde ein genussvolles Übermaß zur rechten Zeit reizvoller. Das betrifft bei mir vor allem das Essen und Trinken. Knäckebrot verordne ich mir wirklich nur bei akuten Magenproblemen. Zu Wasser gibt es garantiert ein Achtel Wein. Oder zwei. Und ich habe noch nie in meinem Leben eine Diät gemacht. Falsch: Mit 23 probierte ich die Ahornsirup-Kur aus – seither kenne ich die wahre Bedeutung des Begriffs Kur-Schatten.
Sie haben es vielleicht schon bemerkt: Ich esse gerne. Ich trinke gerne. Deshalb bin ich weder verfressen noch Trinkerin. Ich habe einfach nur höllischen Spaß am Genuss. Sonntags etwa, wenn mich an trüben Herbst-Nachmittagen plötzlich eine Sehnsucht befällt – und mein Lustschrei durch das Wohnzimmer hallt: „Ich brauch’ was aus der Konditorei. Jetzt!“ Schön, dass es an diesen Nachmittagen bei uns immer einen gibt, der auch was aus der Süßwarenabteilung haben möchte – irgendwer bricht auf, um Torten, Rouladen und Strudel zu erlegen.
Und natürlich Schaumrollen. Schaumrollen sind nicht lebensnotwendig, stimmt. Aber ich will am Ende meines Lebens nicht sagen müssen: „Ich hatte niemals eine Schaumrolle.“ Das käme einem „Ich hatte niemals eine heiße Affäre“ gleich. Und heiße Affären sind doch etwas recht Hübsches.  Psychologen referieren gerne zum Thema „Genussfähigkeit“ – jeder, der mir niedere Instinkte, wie etwa Fressgier, unterstellen möchte, sei gewarnt: Ich kenne nahezu alle Studie zu diesem Thema.
Und nahezu jede Studie kommt zum Schluss, dass Genuss vor allem mit der Fähigkeit zu Muße und Entspannung in Verbindung steht. Menschen, die nicht genießen können, sind abgestumpft, kränklich, traurig. Wenn andere also bei Kerzenschein im Ylang-Ylang-Schaumbad Vivaldi und Mozart hören oder sich im Yoga-Wochenende-Retreat höheren Schwingungen hingeben, hocke ich bei meinen Schaum­rollen, nasche dran und finde das Leben schön. Sehr schön sogar.
(kurier) Erstellt am

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